Ein Walkman von Sony an einer Jeans
Klemmte damals an so mancher Jeans – der Walkman. Bildrechte: dpa

Musikgeschichte Vor 40 Jahren: Wie der Walkman Musik mobil machte

Vor 40 Jahren kam der Walkman auf den Markt – ein Gerät, mit dem man Musik unterwegs hören konnte. Die ersten Modelle schickte der Hersteller Sony an Dirigent Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker. Im Juli 1979 gingen die ersten Walkman über den Ladentisch und das "laufende Gerät" mit dem irreführenden Namen feierte seinen Durchbruch.

von Sven Hecker, MDR KULTUR-Autor

Ein Walkman von Sony an einer Jeans
Klemmte damals an so mancher Jeans – der Walkman. Bildrechte: dpa

Ein Stromfresser – zu groß und zu schwer. Der Mitbegründer des Elektronikkonzerns Sony, Masaru Ibuka, ist unzufrieden. Um seine Lieblingsmusik zu hören, riskiert er sogar körperliche Schäden: "Das Gerät, das er auf Dienstreisen mitnahm, war viel zu schwer. Das war ein Diktiergerät, was gerne auch Journalisten nutzten, der sogenannte Pressman", so Doreen Pankow von Sony Deutschland. Ibuka habe auch sehr gern Kopfhörer genutzt, um Musik auf Flugreisen zu hören. "Aber er stellte fest, dass die auf Dauer zu schwer sind. Und auch die Batterie-Lebensdauer reichte einfach nicht aus."

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Meilensteine der Mediengeschichte Walkman

Meilensteine der Mediengeschichte: Walkman

Der Walkman machte es erstmals möglich, Musik in kleinem Format überall mitzunehmen. Der Gamechanger der tragbaren Musik wurde zum Statussymbol der 80er Jahre.

Do 23.03.2017 15:20Uhr 03:10 min

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Vom "Pressman" zum "Walkman"

Ibukas Gründerkollegen im Konzern, Akito Morita, fällt zur gleichen Zeit – Ende der 70er Jahre – ein Trend auf: Jugendliche haben stets ihre riesigen Radiorecorder dabei, um immer und überall ihre Musik zu hören. Sehr zum Ärger der Umwelt, die Led Zeppelin, Abba oder die Bay City Rollers nicht gleichermaßen zu schätzen weiß.

Doch es naht Abhilfe: Die Sony-Gründer lassen das hauseigene Diktiergerät umbauen. Raus mit dem Aufnahmeteil und den klobigen Außenlautsprechern, stattdessen werden kleine Stereokopfhörer angeschlossen und handliche Batterien beigelegt. Anfang Juli 1979 ist so aus dem "Pressman" der "Walkman" geworden.

Vom Walkman bis Spotify Eine kleine Geschichte des mobilen Musikhörens

Transistorradio
Schon lange vor Spotify und Smartphones war Musik und Mobilität ein wichtiges Thema in der Jugendkultur. MIt den Transistorradios konnte man zunächst zumindest Radiomusik überall mit hinnehmen... Bildrechte: dpa
Transistorradio
Schon lange vor Spotify und Smartphones war Musik und Mobilität ein wichtiges Thema in der Jugendkultur. MIt den Transistorradios konnte man zunächst zumindest Radiomusik überall mit hinnehmen... Bildrechte: dpa
Ein neuer tragbarer Schallplattenspieler eines japanischen Herstellers wird am 08.03.1965 in London von dem Model Sue Lloyd vorgestellt.
... und tragbare Plattenspieler konnten die Lieblingsplatte auch unterwegs abspielen. Die Klangqualität spielte dabei zunächst keine Rolle, Hauptsache, man hatte die Musik mit draußen! Bildrechte: dpa
Ein Mädchen sitzt auf einem Ghettoblaster.
In den frühen Achtzigern kam der Getthoblaster, dessen große Lautsprecher durch die Straßen der amerikanischen Armenviertel wummerten. All diese Geräte aber beschallten mit einem Lautsprecher ihre Umgebung. Der große Einschnitt... Bildrechte: imago/Westend61
Sony Walkman TPS-L2
... kam mit dem Walkman von Sony. Der war für den Ein-Personen-Konsum konzipiert und hatte deshalb statt des Lautsprechers – einen Kopfhörer! Bildrechte: dpa
Franziska van Almsick mit einem Discman
Mit der CD kam zusätzlich der Discman auf dem Markt – auch beliebt unter Sportlern, hier: Franziska van Almsick. Bildrechte: dpa
Poster für den beliebten Apple-Computer iPod hängen an einer Wand.
Anfang der 2000er stellte die Computerfirma Apple ein ziemlich kleines Gerät vor, das – im Gegensatz zum Walkman – in die Hosen- und Jackentasche passte, weil es nämlich Musikstücke digital in winzige Datenblöckchen umwandelte, die gemeinhin mp3 genannt wurden. Bildrechte: imago images / Levine-Roberts
Kopfhörer hängen vor einem Smartphone, auf dem das Logo vom Musik-Streaming-Dienst Spotify angezeigt wird.
Der iPod-Killer aber kam schließlich aus dem selben Hause Apple – als eine Verbindung aus iPod und Handy, alles in einem Gerät: Telefon, mp3-Player und Internet. Das Rennen um die Grundversorgung gewann dann aber nicht Apple, sondern eine schwedische Firma namens Spotify: Dort lässt sich die meiste jemals aufgenommene Musik abrufen. Bildrechte: dpa
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Ähnliche Idee aus Deutschland

Rund zwei Jahre zuvor, 1977, hatte sich der deutsche Tüftler Andreas Pavel schon einen ganz ähnlichen Geistesblitz patentieren lassen. Pavels Beschreibungen und Zeichnungen ähneln verblüffend der japanischen Miniatur-Innovation. Doch nicht Pavel, sondern der Weltkonzern Sony macht das große Geschäft.

Die ersten Nutzer sind überrascht von den Klangqualitäten des kleinen Kastens. Nach vier Monaten sind bereits 60.000 Walkmen verkauft. Doch bei aller anfangs zumeist jugendlichen Begeisterung – nicht nur Eltern warnen vor Hörschäden. Zudem, so andere besorgte Stimmen, sei der Walkman gewissermaßen ein Beschallungsgerät zur Förderung des akustischen Autismus. In einem Radiobeitrag von 1980 heißt es:

Das Absurdeste, was es in Richtung akustischer Abkapslung von der Realität gibt, ist ein Walkman. Dazu gehören ein Paar Kopfhörer, über die man sich beim Einkaufen und sogar in der Schule seine Lieblingsmusik in die Ohren blasen lassen kann.

Radiobeitrag, 1980

Soundtrack der Spaßgeneration

Der Walkman liefert in den 80er-Jahren die Begleitmusik für den Individualverkehr, den Soundtrack zum Egotrip der Spaßgeneration. Man selbst ist der einsame Held – ringsum alles nur Statisten. Die Vision eines neuen Lebensgefühls. Revolutionär sind nicht die technischen Details des Walkmans, sondern das Gesamt-Konzept.

Auf der Internationalen Berliner Funkausstellung 1993 stellt die Firma Sony den kleinsten Walkman der Welt vor
Auf der Internationalen Berliner Funkausstellung 1993 stellt die Firma Sony den kleinsten Walkman der Welt vor. Bildrechte: dpa

Einer der bekanntesten deutschen Tonbandentwickler, Oswin Seifert, ist sich sicher: "Der Walkman war schon 1972 wirtschaftlich und technisch machbar, es hatte nur keiner die Idee". Die Walkman-Idee läuft und läuft, ist ein Langzeit-Trend geworden – unabhängig vom inzwischen nahezu toten Kassettenmedium. Musik macht mobil und individuell.

Heute kann jedes Smartphone Lieblingssongs auf die Ohren schicken. Doch auch die alten Kassetten-Walkmen finden zwischenzeitlich eine neue Aufgabe. Umgebaut von Freaks treiben ihre Motoren zum Beispiel kleine Rennautos an.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2019, 04:00 Uhr