Interview Wie das sorbisch-wendische Kulturerbe digitalisiert werden soll

Eine eigene Sprache, viele Bräuche, Trachten und Tänze: Die sorbisch-wendische Kultur kann nicht nur auf eine lange Tradition zurückblicken, sondern ist auch heute noch lebendig. In Heimatstuben, Museen und Archiven werden ihre Zeugnisse gesammelt. Nun sollen die verstreuten Bestände in einem digitalen Register erfasst und so einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. MDR KULTUR hat mit Robert Lorenz vom Sorbischen Institut in Bautzen über das Projekt in der Pilotphase gesprochen.

Drei Sorbinnen in Schleifer Tracht, rote Hauben, schwarze Blusen und weite Röcke
Sorbinnen und Sorben haben eine reiche Kultur mit vielen eigenen Bräuchen und Traditionen. Ein neues Register will das Kulturerbe nun digital zugänglich machen. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Das sorbisch-wendische Kulturerbe soll in digitalisierter Form in einem Register zusammengefasst werden. Das Projekt startet in die Pilotphase - was genau ist geplant?

Robert Lorenz: Im Moment ist es so, dass das große, sehr vielfältige und reiche sorbisch-wendische Kulturerbe von sehr vielen enthusiastischen und begeisterten Institutionen in unterschiedlichen Orten bewahrt, gesammelt und gepflegt wird. Die Bestände dieser Institutionen sind aber nicht miteinander vernetzt. Das heißt es gibt keine zentrale Möglichkeit, dort zu recherchieren. Das ist sowohl für interessierte Laien, als auch für die museologische und kuratorische Arbeit und für Recherchen kein schöner Zustand. In den nächsten Jahren wollen wir diesen Mangel mit dem Register beheben.

Das heißt, die einzelnen Heimatstuben und Archive könnten ihre Bestände selbst in dieses Register eintragen? Oder sind Sie der, der alles in der Hand hält und vielleicht sogar von Ort zu Ort reist?

Das Register ist ein Netzwerkknoten, also eine Infrastruktur, die die Arbeit, die vor Ort nach wie vor geleistet werden soll und muss, in einer neuen Form darstellt. Das heißt, dass wir nach Möglichkeit die Häuser vor Ort unterstützen - auch mit Hilfestellungen praktischer Art. In Einzelfällen kann das auch bedeuten, dass Kollegen von uns unterstützend helfen, gerade in kleinen Häusern, die meistens keine Kapazitäten haben, ihre Sammlung komplett digital zu erfassen. Das Register ist also kein eigenes Museum, sondern ein Angebot, die geleistete Arbeit besser zu verknüpfen.

Sorbinnen in Schleifer Tracht 6 min
Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Welche Vor- und vielleicht auch Nachteile hat ein solches digitales Register?

Es gibt natürlich bei Digitalisierung oft die Angst, dass dann das Örtliche verschwindet und sich alles in die virtuelle Welt transferiert. Das ist auf keinen Fall unser Ziel und ehrlich gesagt auch kein realistisches Szenario. Sorbische Kultur lebt sehr stark von ihrer örtlichen Verknüpfung. Die Sammlungen sind ein wichtiger Ort in den Dörfern und das wird auch so bleiben. Wir sind vielmehr angetreten, um eine größere Aufmerksamkeit für die einzelnen Sammlungen vor Ort zu schaffen. Vor allen Dingen soll auch das Wissen untereinander verbreitert werden, denn im Moment kann nicht übergreifend recherchiert werden. Die einzelnen Sammlungen sind zum Teil durch Bundesländer getrennt oder es wird mit unterschiedlichen Systemen gearbeitet.

Der sorbisch-wendische Kulturkreis ist sehr lebendig und produktiv. Es gibt auch eine Kulturpraxis der heutigen Zeit. Wird auch diese im digitalen Register erfasst?

Das ist natürlich eine Frage, die gar nicht nur kulturelle Minderheiten betrifft. Jede Kultur, die Museen und Archive betreibt, stellt sich natürlich die Frage, wo die Grenze zur Gegenwart ist, ab wann gesammelt wird und was potenziell einmal wichtig werden kann. All das sind Fragen, die sich einem sorbischen Museum oder einem solchen Archiv auch stellen. Außerdem wollen wir auch deutsche mehrheitskulturelle Sammlungsorte, also große Museen ansprechen, wo auch sorbisches Kulturerbe liegt.

Im Moment haben wir den Fokus auf die eher klassischen Formate und Sammlungsorte gelegt. Aber ein Teil der Pilotphase wird auch sein zu erkunden, wie weit man die musealen Bereiche verlassen kann und in die Gegenwart zu den Akteuren selbst kommt. Wir werden versuchen Leute anzusprechen, von denen wir denken, dass sie im Moment Dinge produzieren, die für die nächste Generation interessant werden könnten. Aber natürlich ist es schwer zu antizipieren, was in 20 Jahren für wichtig gehalten wird, deswegen müssen wir für möglichst Vieles offen sein.

Das scheint ein ziemlich großes Projekt zu sein. Wie lange wird das wohl alles dauern?

Wir haben jetzt zunächst eine Pilotphase. Wenn wir alles schaffen und gut arbeiten, könnten wir in einem reichlichen Jahr starten. Gesetzt des Falles es gibt dann eine Finanzierung und es funktioniert alles, gehen wir von einem Zeithorizont von 15 bis 20 Jahren aus.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.
Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2023 | 12:10 Uhr

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