Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), steht einem Raum des Instituts.
Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) Bildrechte: dpa

Interview Warum soziale Medien der Sprache gut tun

Aktuell tagt das Institut der deutschen Sprache unter dem Titel "Deutsch in Sozialen Medien – interaktiv, multimodal, vielfältig" in Mannheim. Soziale Medien seien ein konstitutives Element unserer Kommunikation geworden, heißt es in der Ankündigung. Sprachliche Zeichen würden dabei durch Emojis, Hashtags, Memes oder Bewegtbilder ergänzt. Die Sprache wird dadurch bereichert, findet der Chef des Instituts, Henning Lobin.

Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS), steht einem Raum des Instituts.
Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wunderbares Motto: "Deutsch in Sozialen Medien – interaktiv, multimodal und vielfältig" Ich sage es gerne noch einmal, dieses Motto widerspricht einem vielfach geäußerten Eindruck, die deutsche Sprache wäre ärmer und roher in den sozialen Medien. Wie kommen Sie denn zu dieser schönen Forumlierung?

Henning Lobin: Ja, wir kommen dazu deshalb, weil das Deutsche in den Sozialen Medien tatsächlich außerordentlich vielfältig ist. Uns fällt zwar eine ganz bestimmte Sprachnutzung dort ganz besonders ins Auge, aber wir nehmen die Bereiche, wo auch andere Formen der Verwendung des Deutschen zu verzeichnen sind offenbar nicht in der gleichen Weise wahr, so dass uns diese negativen Auswüchse vielleicht ganz besonders deutlich auch auf einen angenommenen Verfall hinweisen, der in dem Sinne so nicht nachzuweisen ist.

Machen wir es mal ein bisschen konkreter: Was sind Besonderheiten der deutschen Sprache in sozialen Medien, die Sie vielfältig nennen?

Es gibt eine ganz große Besonderheit, wir nennen das die Interaktivität, das heißt, die schnelle Abfolge von einer Nachricht auf eine andere. In den sozialen Medien schreibt man für den Moment, es kommt sofort eine Antwort hinein, wieder zu dem Schreibenden. Und auf dieser Grundlage hin wird wieder etwas Neues geschrieben. Darauf stellt man sich ein. Deshalb werden zum Beispiel Satzzeichen ausgelassen, wird auch oftmals ein Verschreiber nicht korrigiert und werden auch andere Formen der Verkürzung, der grammatischen Verkürzung genutzt. Das ist durchaus interessant, das zu beobachten, denn in der gesprochenen Sprache machen wir das so ähnlich auch.

Das kann wohl sein. Und wenn wir über Deutsch in den Sozialen Medien sprechen, dann kommen wir ja auch nicht unbedingt ganz weit, Herr Lubin, denn die Sprache, beispielsweise bei WhatsApp und anderen Kommunikationsplattformen, da sind ja Emojis sehr gefragt, also lustige kleine Smileys, Fotos werden gerne genommen, gar kurze Filme. Das ist ja keine nationale Sprache, das ist ja ein internationales Bild.

Finger weist auf ein WhatsApp-Icon auf einem Smartphone-Display
Tippfehler werden oftmals nicht ausgebessert, Sätze grammatisch verkürzt, sagt der Experte. Bildrechte: imago/wolterfoto

Da haben Sie völlig Recht. Das ist ja eine weitere Besonderheit dieser Art von Kommunikation, die übrigens auch dadurch so zustande gekommen ist, dass man es eben so leicht machen kann im digitalen Medium. Im Zeitalter der Schreibmaschine etwa, da war es ausgesprochen schwierig, etwas Bildliches mit in einen Text mit hineinzubringen. Das ist heute anders, es wird sehr viel genutzt, die ganzen Smartphones und die Apps, die dort laufen, die sehen das vor, das zu integrieren und deswegen wird es auch sehr viel genutzt und dadurch auch immer weiter verstärkt.

Es wird tatsächlich ja eine neue, nichtsprachliche zusätzliche Bedeutungseben kreiert, die eine sprachliche Bedeutung erweitert oder auch in einer ganz bestimmten Art und Weise deuten kann. Also zum Beispiel solche Gesichter, ein lachendes Gesicht, ein weinendes Gesicht, werden ganz gezielt eingesetzt, um, wie gesagt, eine weitere Bedeutung in eine Nachricht einzubauen, die zum Beispiel auch ironischer Natur sein kann. Und genau diese Zusammenhänge sind außerordentlich interessant, weil sie durchaus noch nicht so ganz genau zu fassen sind. Also, die Regeln, die dahinter stecken, sind noch nicht so fest geworden, als dass da nicht noch eine sehr klare Entwicklung doch zu erkennen ist.

Eine weitere Geschichte ist auch eine Möglichkeit, die wahrscheinlich immer weiter um sich greifen wird, dass man gar nicht mehr großartig schreibt, weil man doch sprechen kann, man kann Alexa Befehle geben, man kann eine Sprachnachricht mit Hilfe von beispielsweise WhatsApp und anderen Diensten verschicken. Was bedeutet das für die schriftliche Kommunikation?

Ja, ich denke, das ist eine Form der Kommunikation, die mit der schriftlichen Kommunikation ja interessanterweise so ein bisschen vermischt ist. Wenn Sie sich das anschauen, wie das auf WhatsApp beispielsweise läuft, da haben Sie tatsächlich schriftliche Nachrichten, die unterbrochen werden von solchen Sprachnachrichten – und dann kommt wieder ein Bild. Wir haben also hier eine Mischung der verschiedenen Modalitäten, wie wir das nennen, deshalb ist auch in unserer Tagung das Wort "Multimodal" vertreten. Wir haben also hier nicht einfach nur einen Anrufbeantworter, der digital irgendwie funktioniert, sondern es ist tatsächlich eine Sprachnachricht, die eingebaut wird in eine Abfolge, die wiederum selbst ein Gespräch darstellt.

Und das ist außerordentlich interessant. Wir stellen uns sicherlich zukünftig auch immer mehr darauf ein, denn die technischen Voraussetzungen für die Erkennung von Sprache – und auch die automatische Produktion von Sprache - werden immer besser, so dass die Schriftlichkeit an der Stelle vielleicht auch so ein bisschen entlastet wird. So ganz ist das noch nicht zu erkennen, worauf das hinausläuft.

Ich höre auf jeden Fall einen insgesamt optimistischen Grundton in Ihrer Stimme, ich hoffe ich missverstehe Sie da nicht. Und ich frage mich natürlich: Warum ist der Chef des Instituts der deutschen Sprache so optimistisch angesichts dieses Phänomens. Wir haben es gerade beschrieben: Die Schnelligkeit bringt dazu, ziemlich fehlerhaft zu schreiben. Bilder werden dazu führen, dass man die deutschen Sprachregeln nicht unbedingt beherrschen muss, um zu kommunizieren. Und wenn man sprechen kann, geht's erst recht richtig rund. Das kann doch jetzt einen Freund der deutschen Sprache, auch der deutschen Schriftsprache nicht freuen und zum Jubeln bringen? Das ist doch tatsächlich der Niedergang?

Nein, so einfach ist das, denke ich, nicht. Denn selbst wenn so kommuniziert wird in einem bestimmten Bereich, dann heißt das ja noch lange nicht, dass es nicht auch weiterhin noch gute Zeitungen, Zeitschriften, Bücher gibt. Auch die schriftliche Kommunikation im privaten Bereich, die sehr viel elaborierter erfolgt.

Es sind unterschiedliche Gebiete, die sich ausdifferenzieren. Es ist immer so gewesen, dass, wenn neue mediale Möglichkeiten geschaffen worden sind, nicht einfach alte Möglichkeiten komplett verschwunden sind, sondern die neuen Möglichkeiten zu den alten hinzugetreten sind und eine Ausdifferenzierung stattgefunden hat. Wir haben nicht die eine Sprachnutzung, sondern wir haben viele unterschiedliche Bereiche und die Onlinekommunikation in Sozialen Medien ist eine davon, die bestimmten Bedingungen unterliegt und deshalb in einer bestimmten Weise sich ausgestaltet, so wie wir es eben sehen.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. März 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. März 2019, 07:55 Uhr

Abonnieren