Thüringer Soziologe Klaus Dörre Warum sich Homeoffice auch nach Corona nicht komplett durchsetzen wird

Eine Frau nimmt aufgrund der Ausbreitung des Coronaviruses aus ihrem Wohnzimmer an einer Telefonkonferenz teil.
Die Corona-Pandemie hat unser Arbeiten verändert. Bildrechte: dpa

Das Homeoffice wird die Büroarbeit nicht komplett ersetzen. Davon ist Klaus Dörre, Arbeitssoziologe der Universität Jena, überzeugt. Er sagte MDR KULTUR, dass er davon ausgehe, dass sich stattdessen Mischformen von Heim- und Büroarbeit etablieren werden. Der Soziologe hat dazu 400 Thüringer Unternehmen zum Homeoffice befragt.

Angst vor Vereinzelung

Eine Frau arbeitet mit Kopfhörern im Homeoffice
Arbeiten im Homeoffice Bildrechte: dpa

Mit der Heimarbeit gäbe es durchaus zahlreiche positive Erfahrung, zeigen die Befragungen von Angestellten und Führungskräften. Dazu zählt, dass Angestellte mehr Spielräume haben, den eigenen Rhythmus selbst bestimmen können. Man arbeite nur dann, wenn man konzentriert ist und schaffe so mehr in kürzerer Zeit. Kurzum: Homeoffice bedeutet mehr Effizienz. Das hätten schon zahlreiche Studien vor Corona gezeigt, so Dörre. Voraussetzung dafür seien aber die richtigen Bedingungen im eigenen Zuhause. So konnten während der Quarantäne nicht alle Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Computern, Büroausstattung und einem guten Internetanschluss versorgen.

Es gibt aber auch negative Aspekte beim Homeoffice: Dörre sieht vor allem die Gefahr der Vereinzelung: "Wir sehen dann auch, es fehlt etwas: der Umgang mit den Kollegen und Kolleginnen. Alle wissen, dass die Videokonferenz den Face-to-face-Kontakt nicht ersetzen kann. Auch Führungskräfte sagen, dass nicht alles über das Netz geht. Da wo man kooperieren muss, wo man kreativ sein muss, gemeinsam Ideen entwickeln muss, ist es schwierig, wenn alle im Homeoffice sind."

Außerdem hätte man zwar mehr Zeit zu Hause, die würden aber vor allem Frauen vermehrt in "Sorgearbeit" investieren, zum Beispiel in die Kinderbetreuung. Dörre: "Da prägen sich schon wieder die alten geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungsmuster aus."

Prof. Dr. Klaus Dörre
Der Soziologe Klaus Dörre Bildrechte: Jan-Peter Kasper/FSU

Infos zu Klaus Dörre Ab 1976 studierte Dörre Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Volkswirtschaftslehre in Marburg, wo er 1992 seinen Doktotitel erhielt. Seit 2005 hat Dörre den Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Zusammen mit seinen Kollegen Hartmut Rosa und Stephan Lessenich initiierte der Jenaer Soziologe mehrere Forschungsprojekte. Dörres Schwerpunkt sind Transformationsprozesse, öffentliche Soziologie, Landnahme und Finanzkapitalismus.

Lösung: Mal zu Hause, mal im Büro

Dörre ist daher überzeugt, dass sich reine Heimarbeit nicht durchsetzen wird: "Es werden (hoffentlich) immer mehr Menschen Homeoffice nutzen, aber das wird den Arbeitsort mit Büro in der Firma nicht ohne Weiteres ersetzen können."

Der Arbeitssoziologe Klaus Dörre kann sich vorstellen, dass das Zeitersparnis durch vermehrte Heimarbeit zu positiven Effekten in der Gesellschaft führen könnte. "Es gibt immer die Klagen über fehlende Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement, da könnte sich deutlich was ändern, wenn wir konzentrierter und durchschnittlich weniger arbeiten würden. Das wäre ein sehr schöner Effekt."

So verändert Corona das Leben

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2020 | 08:10 Uhr