Soziologe im Gespräch Wilhelm Heitmeyer benennt Ursachen für neu erstarkenden Autoritarismus

Warum haben autoritäre Ideologien immer mehr Zulauf? Warum geben Menschen freiwillig ihre freiheitlichen Errungenschaften auf? Und woher kommt die Bereitschaft, sich zu unterwerfen? Der renommierte Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer forscht seit Jahren auf diesem Gebiet und hat seine Schlussfolgerungen unter anderem in dem aktuell erschienenen Buch "Autoritäre Versuchungen" veröffentlicht. Eine Hauptursache sieht er im globalisierten Kapitalismus.

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MDR KULTUR - Das Radio Sa 01.12.2018 19:05Uhr 24:37 min

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Die alten Geister des Autoritären sind wieder da. Und das in der historisch freiesten Gesellschaft, die Deutschland je hatte. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer forscht seit Jahrzehnten zu antidemokratischen Bewegungen und legt nun mit seinem Buch "Autoritäre Versuchungen" eine Analyse vor. Es geht demnach um Statusängste, auch Identitätsverluste und die Suche nach Anerkennung benennt er. Und zunehmend betrifft dies auch die Mittelschicht.

Die Verlustängste dringen immer weiter in die Mittelschichten ein. Die einen haben schon was verloren, die anderen können noch etwas verlieren, gerade jene im mittleren Alter und mit guten Berufen. Die sind in Sorge nicht nur um sich selbst, sondern um ihre Kinder.

Wilhelm Heitmeyer

Gerade das Gehörtwerden und die Anerkennung sind sozial entscheidend. Denn wer nicht gehört wird, fühlt sich schnell als Bürger zweiter Klasse. Und dann suchen sich Menschen alternative Anerkennungen, so bei einer Partei wie der AfD, die Heitmeyer ausführlich betrachtet. Demnach beute diese die Statusängste ihrer Wähler mit einem simplen politischen Angebot aus, das er "autoritärer Nationalradikalismus" nennt.

Warum die Partei im Osten doppelt so erfolgreich ist wie im Westen, dafür hat Heitmeyer eine Erklärung: "Was vor der Wende Sicherheit ohne Freiheit war, das hat sich nun umgekehrt." Die Hauptursache für den neuen Autoritarismus sieht Heitmeyer jedoch in den Auswüchsen des globalisierten Kapitalismus. Und gleichzeitig mahnt er die Verantwortung der Politik für die Gesellschaft an.

Die Politik ist für die gesellschaftlichen Verhältnisse zuständig und nicht in erster Linie für das Wohlergehen des Kapitalismus. Der hat in seiner Brutalo-Form sowieso kein Interesse an gesellschaftlicher Integration.

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Wilhelm Heitmeyer:"Autoritäre Versuchungen: Signaturen der Bedrohung 1"
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2018 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Dezember 2018, 12:34 Uhr