Puppentheater "Spätsommernachtstraum" in Magdeburg – für Wochen ausverkauft

Mit "Spätsommernachtstraum" bringt das Magdeburger Puppentheater bringt eine aktualisierte Variante von Shakespeares "Sommernachtstraum" auf die Bühne. Auch wenn der Schluss sich etwas streckt, lobt unser Kritiker den großartigen Abend.

Aufführung - Ein Spätsommernachtstraum.
Die detailreichen, lebendig wirkenden Puppen hat Hagen Tilp gestaltet Bildrechte: Viktoria Kühne

Das Magdeburger Puppentheater zeigt seinen eigenen "Spätsommernachtstraum", inspiriert von Shakespeares Sommernachtstraum, aber offensichtlich nicht ganz so, wie man diesen Klassiker kennt. Vielleicht ja, weil der 1969 in Halle geborene Regisseur des Abends, Moritz Sostmann, inzwischen auch schon etwas in die Jahre, zumindest in die über 50, gekommen ist.

Als junger Mann hat er Puppenspiel an der Ernst Busch Hochschule studiert, danach aber erst mal viel als Schauspieler gearbeitet. An wichtigen Häusern in Wien, Berlin und Basel. Dann hat er sich der Regie gewidmet und ist seit einigen Jahren Hausregisseur am Theater in Köln. Hat also schon viel gemacht, gespielt und erlebt. Und inzwischen offensichtlich zu Schopenhauer gefunden. Der wird im Stück und im Programmheft eifrig zitiert, als Hausgeist beschworen, der gar über Brecht zu stellen sei. Und, um auf die Frage "Warum Spätsommernachtstraum?" zu kommen, will ich mal eine dieser Schopenhauer-Weisheiten zitieren: "Nach und nach erlöschen im Alter die Leidenschaften und Begierden … Alles verblasst. Der Hochbetagte wankt umher, oder ruht in einem Winkel, nur noch ein Gespenst seines ehemaligen Wesens."

Das klingt fast wie nach einem Spätsommernachtstraum aus dem Seniorenheimund in das werden wir in gewisser Weise auch entführt. Allerdings wieder auf ziemlich Brecht'sche, nämlich verfremdete Weise. Doch nicht sofort.

Zwölf Punkte für den Bühnenbildner

Das Spiel beginnt erstmal auf leerer Bühne, im Freien, im Innenhof des Magdeburger Puppentheaters. Und noch ehe überhaupt jemand auftritt, gibt's hier schon mal zwölf Punkte für Sven Nahrstedt, den Bühnenbildner, der diesen Ort mit dem, was an Natur vorhanden ist, viel Licht und Phantasie in einen wirklichen Traumzauberwald verwandelt hat. Der in seiner romantischen Wildheit viel Tiefe für Auf- und Abgänge bietet. Und über einen bespielbaren 500er-Trabi nach vorn hin auf eine, Coronabedingt in die Breite gezogenen Bühne ausläuft.

Aufführung - Ein Spätsommernachtstraum.
Das Stück orientiert sich frei an Shakespeares "Sommernachtstraum" Bildrechte: Viktoria Kühne

Die Zuschauer sitzen auf breiter Front davor. Pärchenweise in gemütlichen, aus Europlatten gezimmerten und gut ausgepolsterten Separees. Man wird mit kleinen Speisen und Getränken am Platz bedient. Corona-Komfort vom Feinsten. Und dann kommen Sie, die Spieler. Einer nach der anderen, sich artig die Hände desinfizierend. Zwei sich innig zugetane auch schon mal abstandslos zu zweit, unterm Mund-Nasen-Schutz des einen deutliche Lippenstiftspuren der anderen. Man nimmt Platz und wartet. Im Zentrum der Regisseur, ein Herr im hellen Anzug, mit Künstlerschal und Campari-Soda-Ausstattung auf dem Tisch vor sich. Dann klingelt sein Handy. Der Regisseur hat außer immer wieder ja und jaja nicht viel zu sagen. Doch welch Glück, am anderen Ende wurde durchgegeben: "Ihr dürft spielen". Großer Jubel beim Ensemble.

Es geht an die Verteilung der Rollen. Sommernachtstraum-Kenner fühlen sich sofort an die Handwerkerszene erinnert. Aber wieso schon hier. Das Spiel im Spiel läuft offensichtlich nach anderen als Shakespeares Regeln.

Hyperrealistische Puppen

Dann geht es weiter, wie schon erwähnt, im Seniorenheim. Jetzt treten die Puppen auf. Gebaut von Hagen Tilp, dem in Leipzig geborenen Spezialisten für Minimenschen auf dem Puppentheater. Er baut reichlich einen Meter große, hyperrealistische Puppen, die von bis zu drei Spielern bewegt werden können. In erster Linie aber über das fast schon symbiotische Zusammenspiel mit dem immer sichtbaren Spieler funktionieren.

Die Puppen sind in diesem Fall vier hochbetagte Männer und Frauen, die da in den Sonnenstühlen eines Seniorenheims sitzen und die hochaufgeladenen, vier jungen, sich gegenseitig durcheinander Liebenden des Sommernachtstraums – Helena, Hermia, Lysander und Demetrius – sind. Eine herrliche Idee, die wunderbar aufgeht.

Liebesspiel im Trabant

Wir folgen den vieren in den Zauberwald, wo sich der Regisseur in Oberon verwandelt, der den Puck als Handpuppen-Kasper locker aus dem Mantel zieht und mit ihm als Strippenzieher dem alten Sommernachtsraum manch zeitgemäße Volte vollziehen lässt. Auch auf die, nicht nur ihren Esel hinreißende, Titania müssen wir nicht verzichten. Das Liebesspiel der Beiden findet im gut gefederten 500er-Trabi statt. Wir halten fest: Menschen- und Puppenspieler verbindet sich hier aufs erfreulichste.

Aufführung - Ein Spätsommernachtstraum.
Die Aufführung findet im Hof des Puppentheaters statt. Bildrechte: Viktoria Kühne

Und auch wenn dem guten alten Shakespeare die eine oder andere Modernisierung verpasst wird, passt das alles so gut ineinander, dass, auch altgediente Anglisten ihre Freude haben dürften.

Großartiger Abend

Und trotzdem muss der Kritiker noch eine kleine Mäkelei anbringen, die ich aber wohl begründen will. So ziemlich zum Ende des – inklusive Pause – knapp zweieinhalb-Stunden-Abends, wird in einem schönen Marionetten-Intermezzo auch noch das Handwerkerspiel aufgeführt. Mit einem sterbenden Pyramos, der sich im Tod immer wieder aufbäumt, einfach nicht zum mortalen Ende kommen will.

Und so geht es auch dieser Inszenierung, die in ihrer Selbstverzückung statt einem Ende, immer noch eins drauf finden will. Und dabei verliert sie in der letzten Viertelstunde den Drive, den sie davor mit Lockerheit abgespult hat. Zieht man das ab, bleibt ein großartiger Abend, der aber auch schon bis Ende Juli ausverkauft ist.

Das Stück "Spätsommernachtstraum"
Puppentheater Magdeburg.
Ab 16 Jahre

Regie: Moritz Sostmann
Bühne: Sven Nahrstedt
Puppen: Hagen Tilp

Das Stück läuft Di-Fr jeweils 20:30 Uhr, ist jedoch bis zum 25. Juli Ausverkauft, Besucher müssen auf Restkarten an der Abendkasse hoffen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juni 2020 | 13:15 Uhr