Empfehlungen Kabarett unter freiem Himmel

Was gibt es an warmen Abenden Schöneres als Kulturgenuss im Freien? Vielleicht, wenn der Genuss noch mit Humor angereichert ist – dafür sorgen die Kabaretts in Mitteldeutschland mit ihren Sommerprogrammen. Die "leichte Ware", die sie anbieten, hat es in sich: Pointenreich, geschliffen, albern, kritisch, hintersinnig und kalauernd. Vier Empfehlungen für Sommerkabarett in Chemnitz, Leipzig, Magdeburg und Garbisdorf.

von Ilka Hein, MDR KULTUR

"Chemnitz sucht den Superstar"

Im Keller der historischen Chemnitzer Markthalle kann man in diesem Sommer Ellen Schaller, Martin Berke und Gerd Ulbricht dabei erleben, wie sie eine Castingshow aus dem Boden stampfen – nicht ganz nach dem bekannten TV-Vorbild allerdings. Der "Facility Manager", sprich: der Hausmeister der Kleinkunstbühne Chemnitz (großartig gespielt von Gerd Ulbricht), hat ein Problem: Die Kollegen haben ein Casting angeleiert, sind dann aber alle in den Urlaub gefahren. Nun tauchen potenzielle Castingkandidaten auf und wollen abliefern – um jeden Preis.

Dabei schlüpfen Ellen Schaller und Martin Berke in rasantem Wechsel, hochkomödiantisch und nicht ohne Kostümaufwand in die Rollen der angehenden "Superstars" und spielen sich durch alle Altersgruppen zwischen neun und 99. Das geht nicht ab ohne Seitenhiebe auf den deutschen TV-Casting-Zirkus, auf "Nachwuchspoeten" aus dem deutschen Prekariat oder die Bohlensche Praxis, Kandidaten bis aufs Blut zu erniedrigen.

Die Protagonisten scheuen weder Kalauer noch Klamauk. Sie werfen sich voller Lust in Outfits, für die man schon Mut und Selbstverleugnung braucht. Der gesellschaftspolitischen Schliff kommt – bei allem Unterhaltungsfaktor – bei den Chemnitzern immer durch. Ihr Sommerprogramm kratzt keineswegs nur an der Oberfläche, sondern lotet die Dinge auch immer wieder tiefer aus.

Eine Gruppe von Menschen in Kostümen.
"Chemnitz sucht den Superstar" – oder zumindest die Truppe vom Chemnitzer Kabarett. Bildrechte: Oliver Keil/Das Chemnitzer Kabarett

Infos zum Programm "Chemnitz sucht den Superstar"
Wann: 28. und 29. Juni + 10. August 2018
Wo: Chemnitzer Markthalle

In Leipzig wird "Gnadenlos durchgelacht"

Zwischen Faultier und Flughunden findet man im Leipziger Zoo momentan eine kabarettistische "Sommerfrische" der besonderen Art: Hier kann man Tierpfleger "Conny Weidener" treffen – wenn man sich die ARD-TV-Serie "Tierärztin Dr. Mertens" anschaut. Im echten Leben heißt Tierpfleger Weidner eigentlich Torsten Wolf und ist Chef des Kabaretts "Leipziger Funzel". Das Sommerkabarett seines Hauses hat er schon länger in den Zoo der Pleißestadt verlegt.

Im überdachten Gondwanaland kann man "Klomann Willi“ beim Nachdenken über seinen Arbeitsplatz im Bundestags folgen – eine Paradenummer von Torsten Wolf aus dem aktuellen Funzel-Programm "Gnadenlos durchgelacht". Ein Schenkelklopfer ist aber auch die Szene, in der Kabarettistin Sabine Kühne Londa und der Funzelchef ein Ehepaar geben, dem der Strom ausgefallen ist und die nun überraschenderweise mit den Kindern zusammen Abendessen müssen, was ganz erstaunliche Erkenntnisse nach sich zieht.

Der Name des Programms hält, was er verspricht. Und trotz des Anspruchs, ein "Humorprogramm" zu sein, gibt es auch immer wieder schöne Seitenhiebe aufs Gesellschaftspolitische. Außerdem bietet das Kabarettevent im Leipziger Zoo noch ein weiteres Plus: Eine im Eintrittspreis inbegriffene Führung durch das ruhige, abendliche Gondwanaland, dessen nachtaktive Bewohner man sonst nur selten zu Gesicht bekommt.

Thorsten Wolf
Thorsten Wolf gibt im Sommerkabarett im Leipziger Zoo den "Klomann Willi" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Infos zum Programm "Gnadenlos durchgelacht"
Wann: 20. Juli bis 5. August 2018
Wo: Zoo Leipzig, Gondwanaland

Die "Magdeburger Doppelgäng" im Technikmuseum

Zum einzigen deutschen Familienkabarett "Nach Hengstmanns" in Magdeburg gehören Frank Hengstmann und die Söhne Sebastian und Tobias – jeweils mit ihren Frauen, die auf und hinter der Bühne den Laden am Laufen halten. Vater Frank Hengstmann hat in der Elbestadt mit seinem Alter Ego "Manni Fest" eine echte Volksfigur geschaffen, die in keinem Programm fehlen darf – auch nicht im aktuellen Sommerstück "Magdeburger Doppelgäng".

Zwischen historischen Maschinen und Fahrzeugen wird im Technikmuseum schon seit mehreren Jahren in der Freiluftsaison ein kabarettistisches Sommerstück auf die Bühne gebracht. Unter dem Schleppdach des Museums hat man eine Allwetterlösung gefunden. Zu erleben ist diesmal ein boulevardeskes Verwechselstück, angelehnt an den Film "Vier Fäuste gegen Rio" mit Bud Spencer und Terence Hill. Darin fürchten zwei schwerreiche Vettern bei einem Millionen-Deal um ihr Leben und heuern deshalb bei einer Doppelgänger-Agentur Doubles aus dem Milieu an.

Der Stoff wurde auf magdeburgische Verhältnisse heruntergebrochen und mit Anspielungen auf die Stadtpolitik gespickt. Das Lokalkolorit gibt Vorlagen für jede Menge Klamauk. So soll in einem Sprachkurs das gesellschaftliche Niveau von Manni und Matze gehoben werden. Am Ende gelingt das natürlich nur bedingt – ähnlich wie beim Filmvorbild mit den beiden italienischen Haudraufs.

Wer keine Berührungsängste vor "Bördegrammatik" hat und den eher robusten Humor nicht scheut, der wird sich bei der "Magdeburger Doppelgäng" des Hengstmann-Kabaretts im Technikmuseum gut amüsieren.

drei Männer auf einer Bühne
Tobias, Frank und Sebastian Hengstmann (von links) beim Sommerkabarett in Magdeburg. Bildrechte: Matthias Pavel/Nach Hengstmanns

Infos zum Programm 9. Sommer-Open-Air-Kabarett: "Magdeburger Doppelgäng"
Wann: 27. Juni bis 1. Juli 2018, jew. 21-22:30 Uhr
Wo: Technikmuseum Magdeburg

Die Thüringer Nörgelsäcke haben ein Rad ab

"Rad ab, oder was" heißt das Sommerprogramm der Thüringer Nörgelsäcke um Chef Marcus Tanger. "Rad ab" ist kein extra aufgelegtes Programm, sondern wird schon seit letztem Jahr gespielt. Für die Sommersaison wurde es nochmal entsprechend aufpoliert – mit regionalen Reminiszenzen.

Ulk und Witz kommen dabei nicht zu kurz – und die würzen durchaus auch politisch relevante Themen. Den Nörgelsäcken gelingt es, schwierige Stoffe mit leichter Hand in spaßige Nummern zu verpacken. Zum Beispiel in Form eines Autorennens der Parteien – immer gemäß dem Motto "Rad ab". Dabei attestieren sie dann der "uckermärkischen KfZ-Führerin" Angela Merkel, sich krampfhaft am Steuer festzuklammern und einfach immer weiterzufahren. Auch wenn das Benzin schon lange leer ist.

"Rad ab" ist wohl das politischste Sommerprogramm. Marcus Tanger, Thomas Puppe und Erico Wirth legen große Spielfreude an den Tag. Letzterer bereichert das Programm am Klavier mit bissigen musikalischen Preziosen. Dabei hat das Programm nichts Didaktisches oder Formales – auch wenn das Thema KfZ stringent durchgezogen wird. "Rad ab" ist wie eine durchkomponierte Humoreske mit Tiefgang. Genau das, was ein unterhaltungswilliges Kabarettpublikum an einem Sommerabend im besten Fall erwarten darf.

Kabarett Thüringer Nörgelsäcke Rad Ab
"Rad ab, oder was?", heißt es bei den Thüringer Nörgelsäcken. Bildrechte: Ronny Kilian/Kabarett Nörgelsäcke

Infos zum Programm "Rad ab, oder was?"
Wann: 20. bis 29. Juli 2018
Wo: Garbisdorf, Quellhof

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2018, 04:00 Uhr