Verschiedene Ausgaben des Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel' liegen übereinander auf einem Tisch.
Über Jahre hinweg verfälschte ein Spiegel-Reporter seine Geschichten. Bildrechte: dpa

Manipulierte Reportagen "Spiegel" legt Betrugsfälle im eigenen Haus offen

Verschiedene Ausgaben des Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel' liegen übereinander auf einem Tisch.
Über Jahre hinweg verfälschte ein Spiegel-Reporter seine Geschichten. Bildrechte: dpa

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat Betrugsfälle im eigenen Haus offengelegt. Der mehrfach ausgezeichnete Reporter Claas Relotius habe im großen Umfang eigene Geschichten manipuliert, berichtete das Magazin am Mittwoch auf seiner Webseite. Der 33-jährige Journalist habe die Fälschungen inzwischen zugegeben. Er habe sein Büro am Sonntag ausgeräumt und seinen Vertrag am Montag gekündigt.

Relotius flog den Angaben zufolge nach einem Bericht über eine amerikanische Bürgerwehr auf, die entlang der Grenze zu Mexiko Streife läuft – Titel: "Jaegers Grenze". Eine Aktivistin, die für diese Gruppe die Pressearbeit macht, fragte per E-Mail an, wie Relotius einen Artikel über ihre Organisation verfassen könne, ohne für ein Interview vorbeigekommen zu sein. Ein Reporterkollege, der eine Geschichte zusammen mit dem Redakteur recherchiert habe, sei misstrauisch geworden und habe Bedenken geäußert, schreibt der "Spiegel". Ihm sei es gelungen, Material gegen den Kollegen zu sammeln.

Reporter gibt Fälschungen zu

Nach anfänglichem Leugnen, schreibt "Spiegel Online" weiter, habe der Journalist eingeräumt, dass er viele Passagen nicht nur in dem einen Text, sondern auch in anderen erfunden habe. Auch sei er Protagonisten, die er in seinen Storys zitiert habe, nicht begegnet. Seinen eigenen Angaben zufolge sind mindestens 14 Geschichten betroffen und zumindest in Teilen gefälscht.

Relotius wurde für seine Texte mit vielen verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte er vor wenigen Tagen noch den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten.

Vieles (...) ist wohl erdacht, erfunden, gelogen. Zitate, Orte, Szenen, vermeintliche Menschen aus Fleisch und Blut. Fake.

Spiegel Online

"Spiegel" kündigt Untersuchungen an

Vor seiner Zeit beim "Spiegel" hatte Relotius für mehrere andere Medien gearbeitet. Erst arbeitete er als freier Mitarbeiter für den "Spiegel", seit anderthalb Jahren war er als Redakteur fest angestellt. Von ihm sind dem Magazin zufolge seit 2011 knapp 60 Texte im Heft und bei "Spiegel Online" erschienen.

Das Magazin kündigte an, Arbeitsabläufe, Dokumentationspflichten und organisatorische Rahmenbedingungen im Haus zu überprüfen, um "die Verlässlichkeit von Recherche und Verifikation zu erneuern" und das Vertrauen in die Arbeit der Redaktion wiederherzustellen.

Eine unabhängige Kommission aus drei erfahren internen und externen Personen solle allen Hinweisen auf Manipulation nachgehen. Sie werde Prozesse und Routinen prüfen und Vorschläge zur Verbesserung erarbeiten. Der Kommission sollen den Angaben zufolge der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des "Spiegels", Clemens Hoeges, und Stefan Weigel, bislang stellvertretender Chefredakteur der "Rheinischen Post" und ab 1. Januar "Spiegel"-Nachrichtenchef, angehören. Mit einer dritten, externen Person sei man derzeit im Gespräch.

Bestürzung bei Journalistenverbänden

Der Deutsche Journalistenverband reagierte mit Betroffenheit auf den Betrugsfall. DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall sagte, der vermeintliche Reporter habe nicht nur dem "Spiegel" großen Schaden zugefügt, sondern die Glaubwürdigkeit des Journalismus "in den Dreck gezogen". Dem Journalisten habe offensichtlich jegliches Verantwortungsgefühl für sein Blatt und die Leser gefehlt, so Überall. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union twitterte:

Das dürfte der größte Betrugsskandal im Journalismus seit den Hitler-Tagebüchern sein.

Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union

Der Deutsche Reporterpreis teilte mit, man sei entsetzt und wütend über die geradezu kriminelle Energie, mit der der ehemalige "Spiegel"-Redakteur auch die Organisatoren des Preises sowie die Juroren, die ihm diese Auszeichnung verliehen hätten, getäuscht habe. Die Jury berate nun über eine Aberkennung. Der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Hacker, erklärte, der Fall zeige bedauerlicherweise, wie anfällig Journalismus für Fake Storys und News sein könne.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Dezember 2018 | 14:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2018, 10:44 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR