Gamer vor dem Bildschirm
Fast eine halbe Million Jugendlicher ist riskant gefährdet oder krankhaft. Bildrechte: IMAGO-STOCK

Interview Spielsucht bei Jugendlichen: "Medienfreie Zeiten und Räume sind ausgesprochen wichtig"

Eine Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK hat ergeben, dass das Spielverhalten von rund 465.000 Jugendlichen in Deutschland riskant oder sogar krankhaft sei. Die Jugendlichen sind suchtgefährdet, wenn es um das Computerspielen am PC, der Konsole oder dem Smartphone geht. Für betroffene "Risiko-Gamer" kann das weitreichende Folgen haben. Prof. Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Studie geleitet und mit MDR KULTUR über die Ursachen von Spielsucht gesprochen, über die Ergebnisse der Studie und was getan werden kann, um Betroffenen zu helfen.

Gamer vor dem Bildschirm
Fast eine halbe Million Jugendlicher ist riskant gefährdet oder krankhaft. Bildrechte: IMAGO-STOCK

MDR KULTUR: Wo endet denn das Risiko und wo beginnt die Sucht? Woran erkennen Eltern, wenn das Kind süchtig ist?

Prof. Rainer Thomasius: Es gibt einige Warnsignale. Die Spielzeiten verlängern sich enorm. Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass die einigermaßen reguliert-spielenden Jugendlichen in der Woche zwei bis zweieinhalb Stunden spielen. An den Wochenenden kommen dann noch einmal anderthalb Stunden hinzu. Diese Spielzeiten können sich enorm verlängern, wenn Sucht droht. Auf fünf, sechs, sieben, acht Stunden am Tag. Die Jugendlichen versuchen dann, den Regulierungsversuchen der Eltern aus dem Weg zu gehen. Sie reagieren dann auch mitunter sehr zornig und aggressiv bei Begrenzungsversuchen. Bei den wirklich schweren Fällen geht die Tagesstruktur verloren, weil die Jugendlichen bis tief in die Nacht hinein spielen und morgens nicht mehr aufstehen mögen – Schulabsentismus tritt auf. Und im Grunde wird alles vernachlässigt, was sich nicht im Feld dieser Spiele bewegt.

Aus der Studie lässt sich lesen, dass wesentlich mehr Jungs als Mädchen sogenannte Risiko-Gamer sind. Warum gibt es da Geschlechterunterschiede?

Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Rainer Thomasius
Studienleiter Rainer Thomasius Bildrechte: imago/Future Image

Dass die Jungs häufiger betroffen sind als die Mädchen ist kein neuer Befund. Es überrascht auch nicht, wenn man sich die Struktur dieser Spiele anschaut. "Fortnite", "Fifa", "Minecraft" und Ego-Shooter-Spiele sind ja die beliebtesten Spiele. Es geht in vielen Spielen darum, sich in Gilden und Gruppen zusammenzuschließen und gegnerische Mannschaften zu bekämpfen. Es geht darum, Siege zu erlangen. Und dass ist eben für die Jungen eine sehr viel höhere Attraktivität als für Mädchen.

Mädchen spielen gerne "Sims", das sind Familienkonstruktionen, die hier eine große Rolle spielen. Hier geht es um die Entwicklung von Biografien – also ganz andere Kontexte, mit denen die Mädchen dann zu tun haben.

Welche typischen Ursachen gibt es für eine solche Sucht?

Ein wichtiges Ergebnis unserer Studie war schon, dass diejenigen, die sehr lange spielen, die gefährdet sind, emotionale Probleme haben – im Sinne von erhöhter Impulsivität, Unkonzentriertheit. Emotionale Probleme im Sinne von Sorgen, Ängsten, Unglücklichsein, teilweise tritt auch regelwidriges, aggressives Verhalten sehr prominent auf. Eine hypothetische These, die wir auch immer wieder im klinischen Zusammenhang bei unseren Patienten belegt bekommen, ist, dass, bevor dieses riskante Verhalten beim Spiel auftritt, doch schon Störungsprofile bei den Jugendlichen vorhanden waren.

Es geht also in erster Linie um das Thema Selbstunsicherheit und soziale Phobie.

Rainer Thomasius, Studienleiter

Es geht um Jungen, die bereits bei der Einschulung Probleme hatten, Kontakt zum Klassenverband herzustellen – die immer ein bisschen außen vor waren. Die finden nun in diesen Spielen die Möglichkeit, die virtuelle Realität ganz anders zu gestalten als ihren Alltag. Nämlich, sich Avatare anzulegen, die Macht und Stärke symbolisieren. Sie schließen sich in Gilden zusammen, gehen in die Kämpfe und möchten dort siegreich sein. So versuchen sie, ihr persönliches Dilemma zu bewältigen.

Wie kommt ein Kind oder ein Jugendlicher aus dieser Computerspielsucht wieder heraus? Was können Freunde und Eltern tun?

Ganz wichtig ist, dass Eltern ganz genau wissen, was ihre Kinder im Netz eigentlich machen, welche Spiele sie favorisieren. Ganz wichtig ist, dass Eltern regulierend eingreifen, auch wenn das mühsam ist und jeden Tag neu ausgehandelt werden muss. Diese Spielzeiten sollten im familiären Konsens definiert werden. Eltern sollten natürlich auch immer Alternativen anbieten. Medienfreie Zeiten und Räume für die gesamte Familie sind ausgesprochen wichtig. Förderung von Erfolgserlebnissen außerhalb des Netzes sind ausgesprochen wichtig. Wenn das alles nicht mehr greift – in späten Stadien der Suchtentwicklung wird das auch nicht mehr greifen, da kommt es häufig zu sehr starken familiären Konfliktsituationen – dann muss man Expertenrat zur Verfügung ziehen. Die Suchtberatungsstellen sind mittlerweile mit dem Phänomen der Computerspielsucht sehr vertraut und wissen dann professionelle Hilfe zu vermitteln.

Das Gespräch führte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. März 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 19:16 Uhr

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