Christian Friedel am Staatsschauspiel "Searching for Macbeth" in Dresden: Shakespeare-Drama als Konzertspektakel

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Viele waren im März gespannt auf den "Macbeth" von Christian Friedel, Frontmann der Band "Woods of Birnam", die bereits viel Shakespeare verarbeitet hat. Doch dann kam der Corona-Lockdown und alles wurde abgesagt. Zur Spielzeiteröffnung des Staatsschauspiels Dresden befriedigt Friedel, bei dieser Produktion Sänger, Darsteller und Regisseur in Personalunion, die Neugier ein wenig. In "Searching for Macbeth" erzählt der Künstler vom Probenprozess und zeigt anrührende Ausschnitte. Eine Art Trailer, der Erwartungen weckt.

Szene aus Searching for Macbeth am Dresdner Staatsschauspiel 9 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Es waren am Samstag gleich zwei Aufführungen nacheinander: Premiere A um 18 Uhr und Premiere B um 21 Uhr – wohl Corona-bedingt. Das A-B-Prinzip zieht sich weiter durch: Im großen Haus gegenüber des Zwingers bleibt jede zweite Reihe leer. Das reduziert die Auslastung auf 50 Prozent. Dann sind immer noch zwei Plätze Abstand innerhalb der Reihen, in denen das Publikum sitzt – meist sind es zwei Personen nebeneinander. Macht also nochmal die Hälfte, sodass man am Ende auf eine Gesamtauslastung von mageren 25 Prozent kommt. Zweimal nacheinander gespielt, bringt also 50 Prozent. Anders, optimistisch, gesagt: Das Glas ist halb voll. Von Optimismus ist auch die offizielle Sprachregelung geprägt. In dem Sinne äußert sich auch Christian Friedel auf Facebook: "Es ist großartig, dass wir wieder spielen dürfen." Er fügt noch hinzu, dass diese Arbeit "sehr wichtig ist" – also seine "Macbeth"-Inszenierung, in der er auch als Schauspieler und Sänger auftritt. Die sollte eigentlich schon im März Premiere haben, musste dann jedoch wegen des Lockdowns abgesagt und verschoben werden. Jetzt ist die Produktion, der komplette "Macbeth", für den 22. Januar 2021 geplant.

Trailer statt Theater

Womit sich die Frage stellt, was nun bei "Searching for Macbeth" auf der Bühne zu sehen ist? Das berühmte Shakespeare-Drama hat fünf Akte – normalerweise ein abendfüllendes Programm. In Dresden dauert die Show eine Stunde und zehn Minuten. Es sei ein "theatralischer Trailer", sagt Regisseur Friedel, also ein Werbeformat für etwas, das in der Zukunft stattfinden soll. Am Anfang dieses "Trailers", in einem etwa 10-minütigen Video, das großformatig das Portal füllt, wird die Vorgeschichte erzählt: Bilder von der Konzeptionsprobe, von der Probenarbeit. Christian Friedel kommentiert diese Bilder, erinnert sich, dass 60 bis 70 Leute bei der Konzeptionsprobe waren. In der Original-Inszenierung vom März 2020 seien 37 Personen auf der Bühne gewesen.

Szene aus Searching for Macbeth am Dresdner Staatsschauspiel
Nadja Stübiger als Lady Macbeth Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Jetzt, in diesem "Trailer", seien es nur sechs. Damit könne der Abend gar nicht die Energie entfalten, die angedacht war. Hier ist also schon das Eingeständnis, dass das, was es jetzt zu sehen gibt, nur ein müder Abklatsch sein kann. Friedel und seinem Team gelingt es, – das ist die andere Seite der Medaille – allerdings sehr gekonnt das zu kaschieren: nämlich mit einem Klangteppich der Band "Woods of Birnam", Friedels Leib- und Magenband, mit der er schon viel Shakespeare vertont hat, und einer phantastisch komponierten Licht- und Nebelorgie vom Lichtdesigner Johannes Zink. Beides, Musik und Licht-Nebel, wirkt sehr berührend. Dazu liefert Nadja Stübiger, die hier die Lady Macbeth spielt, zwei sehr bewegende Monologe ab. Friedel selbst spielt und singt den Macbeth ebenfalls sehr gefühlvoll.

"Searching for Macbeth" – ein Requiem?!

Es kommt auch ein echter Gänsehaut- und Witz-Moment dazu, wenn Friedel im Video davon spricht, dass auf dem Stück immer schon ein Fluch liege: So wäre einmal ein Dolch vertauscht und König Duncun vor Publikum tatsächlich ermordet worden. Der aktuelle Fluch ist also Corona – denkt man, aber nein! Dann bricht der Film schlagartig ab. Mit einer inszenierten Bildstörung endet das Video. Es ist ein ein Befreiungsversuch. Corona ist nicht schuld! Es ist nur eine technische Panne. Man steht also schon über den Dingen und schafft es, sich über die eigentliche Situation lustig zu machen. Schön wär's.

Bemerkenswert: Dieser Witz könnte auch als zynischer Kommentar zur Situation gemeint sein. Sehr berührend ist der Abend, weil es vor allem der Versuch ist, Nähe herzustellen: Es geht darum, den Zuschauer zu berühren über die durch Corona größer gewordene Distanz. Aber spätestens, wenn Friedel den Königsmantel gegen einen Leichenträgerrock tauscht, kommt der Abend auch wie ein Requiem über die Rampe. Licht, Nebel, Klangteppich, Monologe – das alles funktioniert nicht, wenn der Gegenpart fehlt: das Laute, Volle und die Energie der ganzen Truppe. Da hat Christian Friedel recht.

Szene aus Searching for Macbeth am Dresdner Staatsschauspiel
Philipp Makolies, Christian Friedel, Uwe Pasora Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Polonaiseartig ins Parkett einmarschieren

Man kann es aber auch so sagen: Der Abend erinnert an ein Theater im Theater. Wir haben das Theater auf der Bühne und das "Corona-Theater" drumherum. Da wird das Publikum quasi schon beim Einlass choreografiert: Um Kontakte zu minimieren, soll es bestimmte Wege gehen, um den Platz einzunehmen. Aber dann kommt das Ehepaar, das in der Reihenmitte sitzt, ein bisschen später. Was soll man jetzt tun? Wieder raus? Mit, hinter den anderen, die noch weiter außen sitzen? Und dann entscheidet die Gewohnheit. Das Ehepaar schlängelt sich kontaktnah, vermutlich mit schlechtem Gewissen, an einem vorbei. So etwas entlarvt die ganzen Maßnahmen als gut gemeint und gut gemacht, aber letztendlich auch als nicht 100-prozentig kontrollierbar. Vielleicht kann man beim nächsten Mal einen langen Strick nehmen, mit Knoten alle zwei Meter zum Festhalten und dann Polonaiseartig ins Parkett einmarschieren. Es gibt auch keine Pausen, keinen Sekt, keine Schnittchen. Dafür überall Hinweisschilder mit dem Tenor: schwierige Situation, aber gemeinsam schaffen wir das!

Eingang am Dresdner Staatsschauspiel
Situation beim Einlass im Dresdner Staatsschauspiel Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Nach der Vorstellung, im öffentlichen Raum, auf dem Bürgersteig jenseits der Theaterverantwortlichkeit, steht das Publikum dann herum, schwatzend und rauchend – ohne Mundschutz und Distanz. Irgendwie wirkt es auch gelöst, wie schon den ganzen Tag über: in der Stadt, beim Töpfermarkt am Goldenen Reiter, auf der Brücke zum Schloss, am Kulturpalast, wo eine kleine Band Tanzmusik spielt. Als Theaterkritiker fällt mir auf,  dass das sächsische Staatstheater hier einen Coronaschutz inszeniert und inszenieren muss. Die Institutionen finden Sprachregelungen und kleben gelbe Tesa-Streifen auf den Boden. Sprich: Es wird alles getan, um den Musterschüler zu geben. Das ist ein Paradox, wenn man es mit dem Alltag in der Stadt vergleicht.

Regelung für Kulturhäuser längst überfällig!

Das Theater, das sich freut, endlich wieder spielen zu können, muss ja den Musterschüler geben, um keine neue Schließung zu riskieren. Aber es muss eine Veränderung geben, um das Paradox aufzulösen. In Nordrhein-Westfalen ist es möglich, im Zuschauersaal auf festen Plätzen ohne Mindestabstand nebeneinander zu sitzen, wenn die sogenannte Rückverfolgbarkeit sichergestellt ist – also Name, Adresse, Telefon der Besucherinnen und Besucher aufgenommen werden, was beim Online-Ticketverkauf und personengebundener Kartenvergabe möglich ist.

In Sachsen und Mitteldeutschland gilt die strengere Regel: Beim Kunstfest in Weimar habe ich das am Freitag erlebt, wo Matthias Goerne die "Winterreise" im Deutschen Nationaltheater sang. Beide Theater, Weimar und Dresden, sind Staatstheater. Ist das der Grund? Das Schauspiel Leipzig, ein Eigenbetrieb der Stadt, verkauft Tickets ohne Distanzplätze, allerdings nur im Parkett. Eine gute Lüftungsanlage soll die neue Nähe möglich machen, sagt die Presseabteilung. Am Ende ist es auch eine Versicherungsfrage für das Theater- und Orchesterpersonal. Ganz simpel: Wenn der Cellist am dritten Pult mit dem Virus von hinten angeblasen wird und schlimmstenfalls stirbt – ein Arbeitsunfall also – wer zahlt dann die Witwenrente? Ich spitze zu und übertreibe vielleicht. Aber wer trägt dieses Risiko? Besonders dann, wenn das Theater eine GmbH ist und den Geschäftsführer eine besondere Verantwortung trifft? Es gibt also große Unterschiede, je nach Land und Organisationsform.

Es eröffnen sich aber auch Spielräume, wenn die Corona-Zahlen niedrig sind und bleiben. Dafür lohnt ein Blick nach Österreich: Bei den Salzburger Festspielen – den 100., ein Jubiläum war’s – gab es im August eine Regel nach dem Schachbrettprinzip, was eine höhere Auslastung als in Dresden und Weimar ermöglicht hatte. Sie hat sich offenkundig bewährt. Die Corona-Zahlen in Salzburg sind nicht auffällig gestiegen. Alles im grünen Bereich – dort gibt es neuerdings eine Corona-Ampel. Christian Friedel, der auch bei den Salzburger Festspielen gleich zu Beginn eine Uraufführung gespielt hatte, bedankte sich am 2. August auf Facebook bei den Festspielen für dieses Wagnis in dieser komplizierten Zeit: "Sollte alles gelingen – und nicht nur bei unserer Arbeit – ist das eine ganz wichtige Perspektive/Möglichkeit im Umgang mit Kunst in Zeiten von Covid-19!" Das lässt hoffen. Eine Regelung für Theater und Orchester hierzulande ist längst überfällig!

Weitere Informationen "Searching for Macbeth" – Shakespeare in Concert
Von und mit Christian Friedel
am Staatsschauspiel Dresden

Weitere Vorstellungen:
6. September, 18 Uhr und 21 Uhr
30. September, 19.30 Uhr
4. Oktober, 17 Uhr und 20 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. September 2020 | 13:10 Uhr