Ein Straßenmusiker spielt am Pier der Toulouse Street Wharf im French Quarter in New Orleans (Louisiana, USA) auf seiner Trompete
Gelebte Musikgeschichte: Straßenmusiker in New Orleans Bildrechte: IMAGO

300 Jahre New Orleans "Wiege des Jazz": Diese Songs erzählen Geschichten aus New Orleans

Vor 300 Jahren wurde New Orleans gegründet. New Orleans ist Hafenstadt am Mississippi und lebendiger Treffpunkt für Menschen aus aller Welt: Auf den Straßen und in den Bars der Stadt im US-Bundesstaat Louisiana trafen einst Musikstile aus Europa, Afrika und Amerika aufeinander und ließen den Jazz entstehen. Musiker wie Louis Armstrong, Robbie Robertson, Buckwheat Zydeco, Neil Young, Dr. John und The Neville Brothers erzählen diese Geschichte in ihren Songs und führen uns an jenen Ort, der als "Wiege des Jazz" gilt.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Musikkritiker

Ein Straßenmusiker spielt am Pier der Toulouse Street Wharf im French Quarter in New Orleans (Louisiana, USA) auf seiner Trompete
Gelebte Musikgeschichte: Straßenmusiker in New Orleans Bildrechte: IMAGO

Louis Armstrong: "Tin Roof Blues"

Zinndecken waren weit verbreitet im alten New Orleans. Noch heute findet man in alten Clubs, etwa in der legendären "Maple Leaf Bar" auf der Oak Street solche Zinndecken. Die "Maple Leaf Bar" ist vor allem bekannt für Brass-Bands und Cajun- und Zydeco-Musik und liegt gegenüber dem Blues-Club "Muddy Waters", auch legendär. Die Oak Street befindet sich in der Nähe der Tulane University, hat also auch studentisches Publikum. Der "Tin Roof Blues" ist ein Jazz-Standard, geschrieben von den "New Orleans Rhythm Kings" und erstmals aufgenommen 1923. Der Song wird bis heute gern gespielt und die Aufnahme von Louis Armstrong ist eine der berühmtesten.

Louis Armstrong ist eine Legende: Der Sohn einer 15-jährigen Sklaventochter landete früh in einer Besserungsanstalt, er schlug sich durch, arbeitete als Zuhälter und heiratete später eine Prostituierte - kein Wunder, dass er seine Trompete zunächst auch in seiner vertrauten Umgebung spielte: in den Nachtclubs und Bordellen des "Big Easy", wie New Orleans liebevoll genannt wird. "Big Easy", denn es es gibt eine Redensart, die besagt: Wenn du es in New Orleans nicht schaffst, dann schaffst du es nirgends.

Jazz Musiker spielen in der Preservation Hall, New Orleans, Louisiana, USA
Der Jazz-Club "Preservation Hall" Bildrechte: IMAGO

"The Jazz Age", das Jazz-Zeitalter begann im berühmtesten Jazzclub von New Orleans, der "Preservation Hall". In dieser authentischen, Hühnerstallähnlichen Bruchbude kann man noch heute eine Alltime-Jazz-Band bewundern, in der Louis Armstrong, wäre er noch am Leben, nicht weiter auffallen würde. Diese Band spielt übrigens auf Zuruf die alten Gassenhauer - bis auf einen: Für "When the saints go marchin‘ in" verlangen sie mindestens 20 Dollar Schmerzensgeld.

Außer Armstrong haben auch Jelly Roll Morton, King Oliver, Sidney Bechet oder Harry Connick jr. das Stück aufgenommen - um nur ein paar der Bekanntesten zu nennen. Im Songtext werden die Zinndecken allerdings nicht erwähnt, vielmehr beschwört der Song die Liebe des Protagonisten zu seiner Stadt und zu einer Frau aus New Orleans, die genau die Richtige ist. Den Rest darf sich der Hörer selbst dazu denken.

Robbie Robertson: "Night Parade"

Der kanadische Musiker Robbie Robertson ist als Kopf von "The Band" bekannt geworden. In der Musik von "The Band" spielte New Orleans und der Süden der USA immer schon eine große Rolle - etwa im Song "The Night they drove Old Dixie down". 1991 hat Robertson dann ein ganzes Album über New Orleans produziert: "Storyville".

Dort wo das heutige French Quarter aufhört, war früher Storyville - das legendäre Vergnügungsviertel, in dem der Jazz erfunden wurde. Es gab Unmengen von Bordellen, Cribs genannt, also Krippen. Diese Freudenhäuser hatten eigene Musiker, zumeist Pianisten, die gern "Professor" genannt wurden - bis heute werden diese keinesfalls promovierten Musiker gern mit Titel versehen: Professor Longhair oder Dr. John.

20 Jahre war zwischen Basin Street und St. Louis Street die Prostitution legal - bis die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten. New Orleans wurde zum Flottenstützpunkt und Storyville sozusagen der Soldatenmoral geopfert. Man kann sich vorstellen, was da passierte: Plötzlich waren Tausende Prostituierte und Jazzmusiker arbeitslos. Was aus den Frauen geworden ist, ist nicht überliefert, die arbeitslosen Jazzer gingen größtenteils nach Chicago und später auch nach New York, wo sich später auch große Jazz- und Bluesszenen etabliert haben. Noch heute sind Storyville und die viel besungene Basin Street legendär, werden beschrieben, beschworen, besungen. Robbie Robertsons Album erzählt die Geschichte des weißen Storyville. Es gab auch noch ein schwarzes Storyville, dort ist Louis Armstrong aufgewachsen.

Snug Harbour
Der Jazzclub "Snug Harbor", 620 Frechman Street Bildrechte: IMAGO

Heute ist das French Quarter das Vergnügungsviertel der Stadt. Dort gibt es jede Menge Musikkneipen mit großartigen Bands und gleich hinter dem Quarter, am Ende der Decatur Street, gibt es eine Kneipe, die heißt lustigerweise "Checkpoint Charlie". Dann beginnt die Frenchman Street, dort sind die richtig guten Blues- und Jazzkneipen, längst nicht so kommerziell wie die im French Quarter. Also zum Beispiel "Snug Harbor", ein Jazzclub, in dem die Marsalis-Familie regelmässig spielt, der beste Ort für Modern Jazz.

Dr. John: "Going back to New Orleans"

Dr. John und die Neville Brothers sind die wohl bekanntesten gegenwärtigen Musiker aus New Orleans. Sie halten die Mythen der Stadt am Leben. New Orleans ist einer dieser Orte, der mit allen Mythen und Sagen immer noch nur zur Hälfte beschrieben ist, der mit all den Tausenden von Liedern immer noch nicht komplett besungen und verehrt ist. Wer also glaubt, das Phänomen ist mit dem Vergleich zu beschreiben, dass den Musikfan dort ähnliches erwartet, wie den Archäologen bei den Pyramiden in Kairo, der irrt - diese Stadt ist gelebte Musikgeschichte. Man spürt das an jeder Straßenecke und zwar nicht nur im Vergnügungsviertel French Quarter.

Die Stadt nimmt nicht nur von der Lage her eine besonder Rolle ein, sondern auch von der Mentalität seiner Bewohner. Die Bevölkerung setzt sich aus über 30 Nationen zusammen. Die Stadt hat neben den Arcadiern, die aus ihrer kanadischen Heimat vertrieben wurden, auch viele andere Menschen angelockt, war für Glücksritter zu allen Zeiten spannend, weil sie immer als Stadt der Vergnügungsindustrie bekannt war.

New Orleans Mardi Gras
Mardi Gras in den Straßen von New Orleans Bildrechte: IMAGO

"The Big Easy" wird New Orleans auch genannt, obwohl das natürlich viel mit Klischees zu tun hat, aber die Menschen dort sind anders. Alles ist - schon durch das sehr feuchte Klima bedingt - sehr langsam, auch die Sprache. Das örtliche Bier, Dixie, trägt den Aufdruck "Slow Brewed", also langsam gebraut.

New Orleans legt Wert darauf, nicht zu sein wie andere Städte in den USA und deshalb kehren Menschen, die sich in die Stadt verliebt haben, immer wieder gern zurück. So auch Mac Rebennack alias Dr. John. Der lebt zwar inzwischen auf Long Island, aber seine Musik nährt sich noch immer aus der Tradition seiner Heimatstadt. 1992 veröffentlichte Dr. John sein Album "Going Back to New Orleans", das einen Grammy für das beste traditionelle Blues-Album bekam. Auf diesem Album unterstützten ihn auch die Neville Brothers. Dr. John beschwört in dem Lied die Rampart Street, den Carneval, den Mardi Gras, kurzum das "Home sweet home" New Orleans'.

Neil Young: "Walkin to New Orleans"

Im Original stammt der Song "Walking to New Orleans" von Neil Young aus der Feder eines weiteren berühmten Sohns der Stadt, Fats Domino. Der war verschollen während des Hurrikans Katrina, ist aber wieder aufgetaucht und hat seine letzten Jahre bis zu seinem Tod 2017 in New Orleans verbracht. 2007 erschien das Album "Goin’ Home: A Tribute to Fats Domino", an dem verschiedene Rockgrößen wie Elton John, B. B. King, Paul Mc Cartney, Neil Young und viele andere mitwirkten. Teile des Gewinns aus dem Verkauf dieses Albums wurden zum Wiederaufbau des Hauses von Fats Domino verwendet.

Fats Domino
Das Haus von Fats Domino in New Orleans wurde nach der Zerstörung durch Hurrikan Katrina wieder aufgebaut. Bildrechte: IMAGO

Neil Young kombiniert den typischen Boogie-Woogie-Piano-Stil des Originals mit einem großen Chor, den "Jubilee Singers of Fisk University". Die Urversion von "Walkin to New Orleans" stammt von Bobby Charles, geschrieben 1960.

Die Legende geht, dass Fats Domino zuvor den Bobby-Charles-Song "Before I grow too old" aufgenommen hatte und als Domino ein Konzert in Lafayette, Louisiana gab, soll er Charles in seine Garderobe eingeladen haben. Dort bedauerte Fats Domino, dass er keine Kopie seines neuesten Albums dabei habe und lud Bobby Charles nach New Orleans in sein Haus ein. Charles erwiderte, er habe kein Auto und wenn er nach New Orleans kommen würde, dann zu Fuß.

Danach schrieb Charles die Urversion des Songs in 15 Minuten, fuhr wenig später nach New Orleans und spielte Domino den Song vor. Fats Domino war geradezu enthusiastisch was den Song betraf, nahm ein paar kleine Änderungen vor, baute ein Zitat seines früheren Hits "Ain’t that a shame" ein und nahm den Song in Cosimo Matassas Studio auf der Rampart Street auf. Die Streicher-Arrangements hatte Dave Bartholomew geschrieben, der Mann, der Fats Domino 1949 entdeckt hatte. "Walking to New Orleans" wurde ein Welthit und wird bis heute gern gespielt. Eine weitere, großartige Version gibt es von Buckwheat Zydeco auf dessen Album "Down home New Orleans".

Buckwheat Zydeco: "Finding my way back home"

Der Name Buckwheat Zydeco ist ein Verweis auf Zydeco, die Musik der schwarzen und kreolischen Gemeinden. Cajun hingegen ist die Musik der französisch sprechenden Siedler von New Orleans. Diese zwei Kulturen sind es, die das Besondere von New Orleans ausmachen.

Denkmal der Sklaverei am Congo Square
Denkmal der Sklaverei am Congo Square in New Orleans Bildrechte: dpa

Die Kreolen stammen von den im 18. Jahrhundert freigelassenen oder in der Karibik frei geborenen Sklaven ab. Sie bildeten bis zum Bürgerkrieg (1861-1865) die Hälfte der Bevölkerung. Ein Kreole kann jede Farbe zwischen schwarz und weiß haben - es ist eine Frage der Abstammung. Die weiße Bevölkerung jener Zeit bestand aus Franzosen und Spaniern, deshalb ist die Kultur der Kreolen auch bis heute davon geprägt. Nach der Eingliederung von Louisiana in die Vereinigten Staaten 1812, kamen dann auch zunehmend Nordamerikaner.

Dann gibt es noch - das wird gern in einen Topf geworfen - die Cajuns. Während die Kreolen die begüterte Stadtaristokratie bildeten, waren die Cajuns Bauern, Fischer, Farmer und Fallensteller. Der Begriff "Cajuns" ist eine Verballhornung auf "Acadians". Diese siedelten um 1605 im kanadischen Nova Scotia und wurden quasi dort vertrieben als Kanada 1713 englisch wurde. Also machten sich die Akadier auf ins französische Louisiana - heute gibt es etwa eine Million Cajuns.

Buckwheat Zydeco
Buckwheat Zydeco Bildrechte: IMAGO

Kreolische Kultur und Küche prägt die Stadt - die Küche von Kreolen und Cajuns ist ganz großartig. Allerdings sollte man sich genau informieren, viele Restaurants sind sehr teuer und nicht so gut, wie sie vorgeben.

Der Zydeco-Akkordeonist Buckwheat Zydeco hieß eigentlich Stanley Joseh Dural junior, geboren 1947 in Lafayette, wo er auch 2016 starb. Buckwheat hat beim Zydeco-King Clifton Chenier gespielt, gründete später seine eigene Band und wurde durch den Soundtrack zum Film "The Big Easy - Der große Leichtsinn" mit Dennis Quaid und Ellen Barkin weltbekannt. Für Buckwheat Zydecos Album "Lay your burden down", von dem das Stück "Finding my way back home" stammt, bekam er 2009 einen Grammy in der Kategorie "Best Zydeco or Cajun Music Album" .

The Neville Brothers: "Voo doo"

The Neville Brothers ist die wohl wichtigste New-Orleans-Musikfamilie, die man auch "Herz und Seele von New Orleans" nennt. Die Brüder sind mehr als Musiker, sie sind die Schutzheiligen der Stadt. Aaron Neville ist der berühmteste und auffälligste der Band, schon weil sein Vibrato am leichtesten wiederzuerkennen ist. Aber auch seine Brüder Art, Cyrill und Charles haben erfolgreiche Solo-Karrieren. Am liebsten jedoch hört man sie alle zusammen: Eines ihrer wichtigsten Alben ist "Yellow Moon" von 1989, daraus stammt der Song "Voo doo".

Voodoo ist ja bis heute etwas Geheimnisvolles, das Wort bedeutet schlicht Schutzgeist oder Gottheit. Ursprünglich stammt diese Religion aus Togo und Nigeria, kam mit den ersten Sklaven ab 1510 auf die westindischen Inseln, verbreitete sich besonders auf Martinique und Haiti, das regen Schiffsverkehr mit New Orleans hatte. Sklaven aus Haiti brachten schließlich Voodoo an den Mississippi. 1782 hatte Voodoo bereits so viele Anhänger, dass der Sklavenimport von den Voodoo-Inseln verboten wurde und die Versammlungen unter Todesstrafe gestellt wurden, weil angeblich Sex-Orgien gefeiert wurden. Von 1817 an, war den Schwarzen schließlich erlaubt am Congo Square Voodoo für die ganze Familie abzuhalten.

Voodoo-Museum New Orleans
Das Voodoo-Museum in New Orleans Bildrechte: dpa

Mitte des 19. Jahrhunderts machte dann der schwarze Voodoo-Priester Dr. John auf sich aufmerksam durch seine Heilkünste und sein Haus, dass er mit 15 Frauen bewohnte. Nach diesem Dr. John hat sich auch der Musiker benannt, der eigentlich Mac Rebennac heißt. Die Schülerin des richtigen Dr. John war Marie Laveau, die um 1860 als ungekrönte Königin von New Orleans galt. Sie kommerzialisierte Voodoo. Der Song der Neville Brothers macht Voodoo für das Verliebtsein des Protagonisten verantwortlich. An der Produktion des Albums "Yellow Moon" waren übrigens auch Brian Eno, Malcolm Burn, Daniel Lanois und die Dirty Dozen Brass Band beteiligt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. September 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 04:00 Uhr

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