Joseph Stalin
Der Diktator Josef Stalin (1878-1953) Bildrechte: imago/United Archives International

Vor 90 Jahren Wie Stalin das Wochenende abschaffen wollte – und scheiterte

Unter Stalin sollten die Sowjetmenschen im Einklang mit der sozialistischen Planwirtschaft sein. Darum wurde am 24. September 1929 die 5-Tage-Woche dekretiert und kurz darauf eingeführt. Gemeinsame Wochenenden gab es nicht mehr – was Unmut hervorrief.

von Sven Hecker, MDR KULTUR-Autor

Joseph Stalin
Der Diktator Josef Stalin (1878-1953) Bildrechte: imago/United Archives International

Fünf Tage statt sieben, kein traditionelles Wochenende mehr, freie Tage je nach Schicht – so in etwa lässt sich die "ununterbrochene Produktionswoche", die "Nepreryvka", beschreiben. Es ist ein Experiment, das im Frühjahr 1929 mit dem Vorschlagspapier des Ökonomen Juri Larin seinen Lauf nimmt. Der Titel: "300 (Tage) oder 360".

60 Tage mehr sollen die teuren Industrieanlagen des Landes laufen – und damit natürlich auch die Arbeiter. Stalin ist schnell begeistert. Das Produktionswachstum soll angekurbelt werden. Dazu war im Jahr zuvor auch schon der erste Fünfjahrplan eingeführt worden.

Joseph Stalin
So beliebt, wie dieses Foto suggerieren soll, machte sich Stalin mit seiner Kalenderreform nicht. Bildrechte: imago/United Archives International

Gegen die Religion

Doch neben der Arbeitsproduktivität gibt es noch eine weitere, eine antireligiöse Motivation für das Kalender-Experiment. Das zeigt sich am 24.September 1929, als der Rat der Volkskommissare den ursprünglichen Erlass modifiziert. Aus der 7-Tage-Woche soll nun eine mit 5 Tagen werden, ohne Samstag und – vor allem – Sonntag.

Die sowjetischen Behörden versuchten […], die Idee eines gemeinsamen Wochenzyklus zu zerstören – durch die Abschaffung der traditionellen jüdisch-christlichen Institution eines einzigen, einheitlichen wöchentlichen Ruhetages, der von der gesamten Gesellschaft geteilt wird.

Eviatar Zerubavel in seinem Buch "The Seven Day Circle: The History and Meaning of the Week" (1985)

Die zwölf Monate werden in sechs Wochen zu je fünf Tagen gegliedert. Macht je 30 Tage pro Monat plus fünf "überzählige", gemeinsame Feier-Tage.

Die Tage des neuen Wochenzyklus sollten ursprünglich entweder ihre traditionellen Namen von Montag bis Freitag beibehalten oder "revolutionäre" Namen annehmen wie Gewerkschaft, Sowjetunion und Lenin, Komsomol, Partei, Hammer und Sichel. Aber sehr bald wurden sie einfach bekannt als "erster Tag", "zweiter Tag" und so weiter.

Der israelische Soziologe Eviatar Zerubavel in "The Seven Day Circle"

Entsprechend der neuen Arbeitswochentage werden die Werktätigen des Landes in fünf Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe bekommt wöchentlich einen Ruhetag – und bald auch eine bestimmte Farbe im Kalender. Pro Tag sind nun jeweils 80 Prozent der Arbeiter in der Produktion. 20 Prozent haben ihren Ruhetag.

Der neue Wochenrhythmus erschwert allerdings das Familien- und Sozialleben:

"Was können wir zu Hause tun, wenn unsere Frauen in der Fabrik sind, unsere Kinder in der Schule, und niemand kann uns besuchen […]? Es ist kein Urlaub, wenn man ihn allein verbringen muss."

Kritische Wortmeldung in der Parteizeitung "Prawda" am Tag der Inkraftsetzung der Nepreryvka

Schnell wird zudem klar, dass die neue 5-Tage-Woche erhebliche Probleme bei der Arbeitsorganisation verursacht. Nach zwei Jahren, Ende 1931, wird die "Nepreryvka" in ihrer bisherigen Form abgeschafft.

Plakat
Plakat mit dem Aufruf, den 5-Jahr-Plan schon in vier Jahren zu erfüllen. Bildrechte: imago/United Archives International

Nun kommt die 6-Tage-Woche, die "Chestidnevki"! Eviatar Zerubavel schreibt in "The Seven Day Circle": "Zwischen Dezember 1931 und Juni 1940 wurde jeder sechste Tag in der Sowjetunion als ein gemeinsamer Ruhetag angesehen."

Doch der Unwillen gegen die Kalenderexperimente hält an – vor allem bei der Landbevölkerung, wo das bäuerliche und geistliche Leben stark an die alte 7-Tage-Woche gebunden ist.

Das sowjetische Kalenderabenteuer endet schließlich im Juni 1940. Die alte 7-Tage-Woche wird wieder eingeführt und mit ihr der Sonntag als Ruhetag. Damit war die Sowjetmacht gescheitert, auch an Tradition und Religion. Und das im Wortsinn: Das russische Wort für Sonntag "Voskresenje" bedeutet "Auferstehung".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. September 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 16:09 Uhr

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