Kommentar zum Serienstart "Star Trek": Warum Picards Rückkehr der Welt guttut

Claudia Bleibaum
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Von 1987 bis 1994 flog Jean Luc Picard (Patrick Stewart) mit der Besatzung des Raumschiffs Enterprise in der Serie "Star Trek – The Next Generation" durch das Universum. Im Kino lief das letzte Abenteuer der Crew 2002. Der Streamingdienst Amazon holt Picard jetzt aus dem Ruhestand. Unsere Redakteurin ist mit dem "Star-Trek"-Universum aufgewachsen, mit Spock, Kirk und Pille – und mit Picard und Data erwachsen geworden. Sie findet, Picard hat uns auch heute noch viel zu geben.

Sunny Ozell mit Ehemann Patrick Stewart beim Fan-Screening der Amazon Original Serie Star Trek: Picard im Zoo Palast.
Sängerin Sunny Ozell mit Ehemann Patrick Stewart bei der Präsentation von "Star Trek: Picard" in Berlin. Bildrechte: imago images / Future Image

Ganze sieben Staffeln verkörperte Patrick Stewart in der TV-Serie "Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert" Captain Jean-Luc Picard. Er war der Philosoph im Raumschiff, der trotz aller Kriege, Waffen und Unwägbarkeiten in einer angeblich besseren Welt die Konflikte löst und niemals Anstand und Moral verliert. Jean-Luc Picard war der Genießer, der Europäer mit Weinberg und Vorliebe für klassische Musik, der Humanist, der mit seiner Moral ein idealmenschliches Universum skizzierte und selbst einer Gleichschaltung durch das Kollektiv der Borg letztlich widerstehen konnte. Jetzt startet bei Amazon Prime "Star Trek: Picard".

Unvergessene Freundschaft zu Android Data

Brent Spiner als Lieutenant Commander Data, Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard, Michael Dorn als Lieutenant Commander Worf
Von links: Data (Brent Spiner), Picard (Patrick Stewart) und Worf (Michael Dorn) in einem Abenteuer aus den 1990er-Jahren. Bildrechte: IMAGO

Das Individuum hat einen unschätzbaren Wert für die Gemeinschaft. Das zeigte sich auch in der besonderen Beziehung von Jean-Luc Picard zu Data, dem Androiden, der sich im letzten Kinofilm mit Picard als Captain für die Enterprise opferte. Unvergessen die Folge, als es um die Frage der Einzigartigkeit einer künstlichen Intelligenz wie Data ging, dem Freund, der immer versuchte, menschlich zu werden.

Wir werden besser erkennen, was wir sind und auch, was er ist. Denn bisher ist er einzigartig, dieser eine Android.

Jean-Luc Picard

Kämpfer für den Frieden

Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert
Die alte Crew des Raumschiffes Enterprise. Bildrechte: IMAGO

Picard war der Beweis, dass es Gemeinschaft und Gleichberechtigung in einer hierarchisch organisierten Struktur geben kann – in einer Armee, in der Sternenflotte der Föderation, die für Frieden stand und ständig dafür kämpfen musste.

Die Welt hat seit dem letzten "Star Trek"-Film viele Superhelden gesehen und und unzählige "Star Wars"-Plots ertragen. Wenn Jean-Luc Picard jetzt nach 18 Jahren zurückkehrt, erinnert er uns an andere Zeiten. Als Visionen von einer besseren Welt zu haben, keine Krankheit war, sondern eine komplexe und lohnende Angelegenheit. Für seine Mannschaft und seine Überzeugungen einzustehen – daran gab es keinen Zweifel.

Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, sind wir alle unwiderruflich gefesselt.

Jean-Luc Picard

Ist der alte Krieger der neuen Zeit gewachsen?

Patrick Stewart
Darsteller Patrick Stewart ist Jahrgang 1940. Bildrechte: Getty Images

Trotzdem ist der Gedanke, dass er in dieser neuen Welt etwas ausrichten kann, auch schmerzlich. So als würde man einen verdienten Krieger noch mal in die Schlacht schicken oder einen angeschlagenen Boxer in den Ring zurückdrängen. Los, eine Runde geht noch. Alles ist schneller geworden: Technik, Gegner, Konflikte. Was nutzt die Weisheit des Alters gegen die Rauheit einer neuen Zeit?

Von James T. Kirk zu "Star Trek: Discovery"

Die Fans freuen sich. Für den Streamingdienst Amazon, der die neue Serie zeigt, ein kluger Schachzug. Schon "Star Trek: Discovery", der jüngste Ableger des Universums, hat gezeigt, das Potenzial ist da, die Geschichte weiter zu erzählen. Die Geschichte, die in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem vom Kalten Krieg geprägten Heißsporn James T. Kirk begann und trotz Antriebsschwierigkeiten zu einem Dauerbrenner wurde.

Picard als der kluge Europäer

Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) sucht Rat bei einer Vertrauten (Donna Murphy).
Filmszene aus: "Star Trek: Der Aufstand" aus dem Jahr 1998. Bildrechte: dpa

Und auch wenn die Vernachlässigung der Unterschiede von irdischen Nationalitäten im "Star Trek"-Universum immer als gesetzt galt, war der kluge Europäer Picard ein klares Statement: "Bedenkt man die wunderbare Komplexität des Universums, seine Perfektion, seine Ausgewogenheit in allen Dingen: Materie, Energie, Gravitation, Zeit, Dimension, muss ich einfach annehmen, dass unsere Existenz viel mehr ist, als Philosophie in ihr sieht. Das, was wir sind, übertrifft alle Maßstäbe, die wir uns mit unserem mathematischen Denken vorstellen können." – Diplomatie und Klugheit können eine echte europäische Alternative sein.

Unser Dasein ist Teil eines Ganzen, das wir mit unserer Erfahrung, unserem Verstand nicht erfassen können.

Jean-Luc Picard

Kein Relikt aus alter Zeit

Patrick Stewart und Jonathan Frakes in "Picard"
Patrick Stewart und Jonathan Frakes in einer Szene von "Star Trek: Picard" Bildrechte: CBS Interactive, Inc.

Die Stärke von "Star Trek" war über verschiedene facettenreiche Serien und etliche Filme immer, dass sie von uns erzählt, mit einer großen Sehnsucht nach Heimat. Und wenn Jean-Luc Picard jetzt zurückkehrt, ist er nicht nur ein Relikt aus alter Zeit, der es wie ein alternder Actionstar noch mal allen zeigt. Sein Comeback erzählt auch von uns, die ihn gerade jetzt brauchen mit seinen Stärken und seinen Schwächen, mit dieser geistigen Körperlichkeit. Es ist die Zuversicht. Wenn einer von uns das mit dem Frieden im Universum hinkriegt, gibt es diese Chance auch auf der Erde im 21. Jahrhundert.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Januar 2020 | 16:15 Uhr

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