Claus Graf Schenk von Stauffenberg
Claus Graf Schenk von Stauffenberg Bildrechte: dpa

75 Jahre nach dem Attentat auf Hitler Neue Debatte um Stauffenbergs Motive

Was trieb die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 an? Diese Frage ist wichtig für die heutige Beurteilung des Hitler-Attentats. Nun gab es Aufregung um die aktuelle Stauffenberg-Biografie von Thomas Karlauf und seine Thesen über die Motive des Attentäters. Gerade im Vorfeld des 75. Jahrestages des Umsturzversuches stößt Karlauf auf immer mehr Widerspruch. MDR KULTUR-Geschichtsredakteur Stefan Nölke kennt das Buch und hat u. a. mit dessen Autor Thomas Karlauf ein längeres Interview geführt. Er ordnet die aktuelle Debatte ein.

Claus Graf Schenk von Stauffenberg
Claus Graf Schenk von Stauffenberg Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Was ist so provokativ an der Biografie von Karlauf?

Stefan Nölke, Geschichtsredakteur bei MDR KULTUR: Die Frage nach den Motiven ist tatsächlich entscheidend. Es wird auch nicht erst seit einigen Monaten darüber diskutiert, sondern schon seit Jahrzehnten. Warum kam das Attentat so spät, ist eine immer wiederkehrende Frage. Und tatsächlich weiß man ja auch seit Langem, dass Stauffenberg, im Gegensatz zu vielen anderen Verschwörern bis weit in den Krieg hinein mit den Nazis durchaus sympathisiert und sich erst relativ spät, aber dann umso entschlossener an die Spitze des Widerstandes gestellt hat.

Thomas Karlauf, 2016
Thomas Karlauf ist mit seiner Stauffenberg-Biografie derzeit vieldiskutiert. Bildrechte: imago images / IPON

Das wird manchmal als neue Erkenntnis, auch des Buches von Thomas Karlauf, herausgestellt. Was allerdings völlig unsinnig ist, sämtliche ernst zu nehmenden Biografien haben darauf hingewiesen. So viel zur Vorrede. Die eigentliche Provokation ist, dass Karlauf behauptet, Stauffenberg sei es nur darum gegangen, Deutschland als Nation und als Staat zu retten, nachdem klar wurde, dass der Krieg verloren sei. Und diese eiserne Entschlossenheit, die er dann an den Tag gelegt hat, erkläre sich aus dem Einfluss des Dichters Stefan George, zu dessen romantischem Freundeskreis Stauffenberg in den 20er-Jahren gehört hat.

Der Lyriker Stefan George in einer zeitgenössischen Aufnahme.
Der Lyriker Stefan George, zu dessen Kreis auch Stauffenberg gehörte Bildrechte: dpa

Die Verbrechen der Nazis, besonders die Ermordung der Juden, habe für ihn und seine Tat keine Rolle gespielt. Und so antworte Karlauf auf die Frage, ob die Tat Stauffenbergs eine Gewissensentscheidung war wie folgt: "Das kann ich ganz klar mit einem 'Nein' beantworten. Also, der Zweck meines Buches, wenn man davon reden will, ist, zu zeigen, dass dieser Mann nur zu verstehen ist aus den Bedingtheiten seiner Zeit heraus, als Kind seiner Zeit, als Kind seiner Klasse, als Kind seiner Kaste, der Offizierskaste – auch als George-Schüler, das darf man auch nicht vergessen. Und wenn man diesen Hintergrund sieht, dann kann man nur feststellen, dass er 42/43 eine Wende um 180° macht und dann Ende 43 ins Zentrum der Verschwörung rückt. Und dann sagt, jetzt muss etwas passieren, jetzt lasst uns nicht reden, jetzt wollen wir auch handeln."

Soweit die These von Thomas Karlauf, der sich strikt an die Zeugnisse gehalten hat, die von Stauffenberg selbst überliefert sind. Und das sind im Hinblick auf den 20. Juli nicht allzu viele. Aussagen von Dritten über die Motive wollte er nicht berücksichtigen.

Und dagegen richtet sich Widerspruch?

Sophie von Bechtolsheim
Sophie von Bechtolsheim ist die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg Bildrechte: dpa

Vehementer Widerspruch kommt von den Nachkommen der Protagonisten des 20. Juli selbst. Die Enkelin von Stauffenberg, Sophie von Bechtolsheim, hat sich mit einem Buch zu Wort gemeldet, bei dem der Titel schon aussagekräftig ist: "Mein Großvater war kein Attentäter" lautet die Überschrift. Stauffenberg habe ganz klar aus Gewissensgründen heraus gehandelt.

Und das meint auch der Ehrenvorsitzende der Stiftung 20. Juli 1944, also die Vereinigung der Nachkommen, Rüdiger von Voss: "Und das gefährliche an dem Buch ist die Leugnung einer ethisch-sittlichen Begründung des Widerstandes gegen Hitler. Das bedeutet, dass dem Widerstand als Ganzes – und nicht nur Stauffenberg – das moralische Gesicht genommen werden soll. Es ist eine umfassende Diskreditierung des deutschen Widerstandes mit dem gleichzeitigen Mangel wissenschaftlicher Sorgfalt bei der Beurteilung von Quellen."

Wie sehen das die Historiker? Welcher Reaktionen gab es da?

Es gab zunächst eine eher vage Beurteilung vom obersten Gralshüter, dem Direktor der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, Johannes Tuchel, der letzte Woche aber bei einer Podiumsdiskussion mit Karlauf selbst in Berlin noch einmal seine Position klarer herausgestellt hat. Tuchel sieht bei Stauffenberg ein "Bündel von Motiven" und dazu gehört für ihn auch der Mord an den Juden.

Der deutsche Offizier und spätere Widerstandskämpfer in einem 1944 aufgenommen Foto, wahrscheinlich dem Letzten, im Kreis seiner Familie
Stauffenberg in einem 1944 aufgenommen Foto im Kreis seiner Familie Bildrechte: dpa

Ähnlich äußert sich die Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein, die jetzt eine viel gelobte Studie über den 20. Juli vorgelegt hat. Linda von Keyserlingk, weist darauf hin, dass es doch einige wichtige Aussagen gibt, die sehr wohl nahelegen, dass Stauffenberg über die Verbrechen der Nazis im Bilde war und der Anschlag dazu dienen sollte, das Morden, besonders hinter der Ostfront, zu beenden.

Die Gedenktafel für die Männer des Hitler-Attentates um Graf von Stauffenberg betrachtet eine Frau im Ehrenhof der Gedenkstätte im Bendlerblock in Berlin
Gedenktafel für die Männer des Hitler-Attentates um Graf von Stauffenberg im Ehrenhof der Gedenkstätte im Bendlerblock in Berlin Bildrechte: dpa

Das hat er 1942 mit seinem Freund Major Joachim Kuhn besprochen, wie durch ein Gesprächsprotokoll der Sowjets belegt ist. Und belegt durch ein Verhörprotokoll der Gestapo ist, dass dies auch bei einem Gespräch mit seinem Freund und Verwandten, Peter Graf Yorck von Wartenburg ein Thema war, wie  Linda von Keyserlingk erklärt: "Ebenso ist auch in den Kaltenbrunner-Berichten, also den Ermittlungsberichten der Gestapo, immer wieder vermerkt, dass die Morde an den Juden Motiv der Verschwörer gewesen sind. Beispielsweise ist da von einem Gespräch zwischen Peter Yorck und Stauffenberg die Rede, wenige Tage vor dem Umsturzversuch, von dem also Yorck, der befragt wird, berichtet und sagt, dass für ihn selbst die Judenmorde ein Motiv gewesen seien. Er spricht zwar nur für sich selbst, aber es war eben ein Thema im Gespräch zwischen ihm und Stauffenberg."

Yorck war wiegesagt ein ganz enger Vertrauter und man darf davon ausgehen, dass beide das Motiv verbunden hat, die Verbrechen der Nazis zu beenden. Und dass die Verschwörung insgesamt das Ziel hatte, den Rechtsstaat wiederherzustellen – das heißt, auch die Bürgerrechte der Juden – ist ja ebenfalls klar belegt.

Lassen Sie uns kurz auf das Buch der Historikerin Keyserling-Rehbein zu sprechen kommen, inwieweit bietet das eine neue Sicht auf den 20. Juli?

Das Buch von Linda von Keyserlingk ist sicher weniger populär und griffig geschrieben, als das von Karlauf, aber doch im Ergebnis viel, viel wichtiger. Denn sie hat das Netzwerk hinter dem 20. Juli intensiv und mit neuen Methoden untersucht und dabei feststellen können, wie gesellschaftlich repräsentativ dieser Umsturzversuch aufgestellt war. Vor allem betont sie, dass die Gewerkschaftler und die Sozialdemokraten mit im Boot waren. Ohne sie hätte es keinen 20. Juli gegeben, so ihre These.

Cover: Thomas Karlauf: "Stauffenberg. Porträt eines Attentäters"
Das diskutierte Buch von Thomas Karlauf: "Stauffenberg. Porträt eines Attentäters", erschienen bei Blessing Bildrechte: https://service.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Karlauf_TStauffenberg_196651.jpg

Und Stauffenberg war ja auch mit dem Sozialdemokraten Julius Leber befreundet und wollte, dass Leber und nicht der konservative Carl Goerdeler nach erfolgreichem Umsturz Reichskanzler wird. Auch das spricht im Übrigen gegen Karlaufs Sicht auf die Dinge. Man müsse eben das gesamte Netzwerk in den Blick nehmen, sagt Linda von Keyserlingk: "Deswegen mein Plädoyer, nicht immer nur an Stauffenberg und auch den konservativen Kreis dieses Netzwerks zu denken und den 20. Juli über diese Leute zu definieren und zu bewerten. Sondern sich auch anzugucken: Wer war denn noch beteiligt? Wer war denn noch aktiv in diesem Netzwerk? Mit welchen Motiven? Und nur wenn man sich wirklich mit der Vielfalt des Personenkreises beschäftigt, kommt man zu einer angemessenen Bewertung des Umsturzversuches."

Das Interview führte Ben Hänchen für MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2019, 09:09 Uhr

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