Stefan Kölsch
Stefan Kölsch, Musiker und Neurowissenschaftler Bildrechte: imago images / Eibner

Sachbuch "Good Vibrations" Kann Musik Medizin ersetzen?

Wäre es nicht schön, wenn wir manche Medikamente durch etwas Schönes ersetzen könnten wie zum Beispiel Musik! Kein Scherz - genau das empfiehlt der Psychologe Stefan Kölsch: Der studierte Musiker war lange am Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften in Leipzig tätig. Mittlerweile hat er eine Professur an der Universität in Bergen. Beides zusammenzubringen – Musik und Psychologie – daran arbeitet der Forscher seit vielen Jahren. Über seine Erfahrungen hat er jetzt ein Buch geschrieben: "Good Vibrations - Die heilende Kraft der Musik".

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Stefan Kölsch
Stefan Kölsch, Musiker und Neurowissenschaftler Bildrechte: imago images / Eibner

Michael war verstummt. Der junge Erwachsene konnte zwar andere verstehen, hatte aber selbst seit Jahren kein Wort mehr gesprochen. Außerdem litt er unter schweren epileptischen Anfällen. Die Schulmedizin war mit ihrem Latein am Ende. Aber dann kam Michael zu Karsten Becker, einem Musiktherapeuten, mit dem er endlich auf seinen Weg zur Heilung fand:

Stefan Kölsch: Good Vibrations. Die heilende Kraft der Musik
Buchcover Bildrechte: Ullstein Verlag

"Karsten ging an die Klangliege (eine Art Holzliege mit Saiten darunter) und fing an, die Saiten zu zupfen. Nach einigen Minuten stand Michael auf und ging durch den Raum, wobei Karsten anfing, zu den Schritten von Michael zu spielen: Er wurde mit den Schritten schneller und langsamer oder leiser und lauter. Diese 'Improvisation' schien Michael Spaß zu machen. Offensichtlich wurde er durch die Musik animiert weiterzulaufen, mal schneller, mal langsamer."

So beschreibt es Stefan Kölsch in seinem neuen Buch "Good Vibrations" und lässt dabei nicht unerwähnt, dass der Patient mittlerweile wieder ganze Sätze spricht und keine epileptischen Anfälle mehr hat. Berichte wie dieser, aber auch Jahrzehnte eigene Forschungsarbeit, haben in Stefan Kölsch diese Überzeugung reifen lassen: Musik kann jedem von uns helfen. Kann, wohlgemerkt. Denn, so schränkt der Autor im Gespräch ein:

Es kommt drauf an, wie Musik eingesetzt wird. Also Musik selber macht uns nicht glücklich oder macht uns nicht gesund oder macht uns nicht friedlich. Sondern es kommt immer darauf an, wie wir die Musik nutzen.

Stefan Kölsch, Musiker und Neurowissenschaftler

Herzschlag, Hormone und Gehirnaktivität spielen eine Rolle

Wie wir Musik nutzen können - darüber will Stefan Kölsch in seinem neuen Buch aufklären. Er stützt sich dabei auf eine Menge an Studien, die meisten entstanden in den vergangenen zwanzig Jahren. Gemessen hat man unter anderem den Herzschlag, die Hormone oder die Gehirnaktivität beim Musik-Machen oder -Hören. So sei man zum Beispiel zu folgendem Ergebnis gekommen:

Musik kann das Spaßnetzwerk im Gehirn aktivieren und dieses Netzwerk überlappt im Gehirn mit dem Schmerznetzwerk. Was bedeutet, wenn jemand unter Schmerzen leidet, und wir es schaffen, das Spaßnetzwerk gleichzeitig ein klein wenig zu aktivieren, dann werden dadurch die Schmerzen schon mal etwas weniger.

Stefan Kölsch, Musiker und Neurowissenschaftler

Mit Musik aus der negativen Gedankenspirale herauskommen

Beim nächsten Zahnarztbesuch also einfach die Lieblingsmusik mitbringen und mit Kopfhörern hören. Dadurch werde die Behandlung erträglicher. Stefan Kölsch geht es aber nicht nur um die körperliche Gesundheit. Die seelische Gesundheit ist dem Psychologen genauso wichtig. Negative Gedanken, rät er, sind zu vermeiden. Denn meistens ziehe ein negativer Gedanke den nächsten nach sich. Und so weiter, und so weiter. Eine negative Gedankenspirale entsteht, aus der man sich mit Musik aber befreien kann, wie in "Good Vibrations" zu lesen ist.

Auszug aus "Good Vibrations": "Konzentrieren Sie sich beim Hören (zum Beispiel ein ganzes Stück lang) auf die musikalische Struktur des Stücks. Hören Sie bewusst, wie Phrasen anfangen, weitergesponnen werden und zu Ende gehen. Hören Sie dabei auch, wie erwartet oder unerwartet sich die musikalischen Ereignisse anhören; dies geht oft besonders gut, wenn man die Melodie innerlich mitsingt - selbst wenn man das Stück gar nicht kennt!"

Die musikalische Hausapotheke: Ein Buch mit praktischem Nutzen

An solchen Stellen glänzt das Buch mit seinem praktischen Nutzen als musikalische Hausapotheke. Manche der Aussagen wiederholen sich zwar, was die Lesefreude etwas schmälert. Aber insgesamt ist Stefan Kölsch ein leicht zu lesendes Werk gelungen, mit Informationen, die für jeden relevant sein dürften. Sogar bei schweren Krankheiten weiß der Wissenschaftler Rat oder macht zumindest Hoffnung: Schlaganfall, Alzheimer oder Autismus - hier könne mit Musik noch viel erreicht werden. Denn, so sagt er:

Musik ist sehr, sehr tief in uns verankert. Wir haben bis jetzt erst an der Oberfläche gesehen, wie groß das Potenzial von Musik tatsächlich ist. Ich würde so weit gehen, dass ich sage, es gibt keinen Bereich des Gehirns, der nicht auch durch Musik beeinflusst werden kann.

Stefan Kölsch, Musiker und Neurowissenschaftler

Informationen zum Buch: Stefan Kölsch: "Good Vibrations - Die heilende Kraft der Musik"
Erschienen im Ullstein Verlag
384 Seiten, 22 Euro
ISBN-13 9783550050527

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 04:00 Uhr