Eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880.
Der Protagonist von Menschings Roman vermag aus Handschriften vermeintlich präzise menschliche Eigenschaften herauszulesen Bildrechte: dpa

Neuer Roman: "Schermanns Augen" Steffen Menschings Opus magnum

Steffen Mensching hat schon verschiedene Romane vorgelegt. Sein aktuelles Buch "Schermanns Augen" ist jedoch für unseren Kritiker sprachlich und inhaltlich der ganz große Wurf. Die packende Geschichte eines Graphologen, basierend auf der realen Figur des Rafael Schermann.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Eine alte Spitzfeder auf einem Schreibheft von 1880.
Der Protagonist von Menschings Roman vermag aus Handschriften vermeintlich präzise menschliche Eigenschaften herauszulesen Bildrechte: dpa

In Steffen Menschings bisher umfassendstem Buch geht es um die Graphologie, das heißt um die Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters. Zu ihren Urhebern zählte der immer noch populäre Lebensphilosoph Ludwig Klages, der aus dem Kreis um den Lyriker Stefan George stammte. Seit langem tobt um die Graphologie heftiger Streit. Kritiker behaupten, dass es ihr an einem rationalen Fundament fehlt. Ganz anders sehen das die Befürworter: Für sie verkörpert Schriftdeutung eine solide Wissenschaft.

Mensching macht einen begnadeten Graphologen, der Rafael Schermann heißt, zur Hauptfigur seines jüngsten Romans. Der Experte vermag die Eigenschaften von Menschen aus Schriftproben mit einer Genauigkeit abzuleiten, die verblüfft.

Reales Vorbild

Für Rafael Schermann gab es ein reales Vorbild, einen polnischen Juden gleichen Namens. Er wurde 1879 in Krakau geboren, absolvierte einen Ausbildung zum Versicherungskaufmann und arbeitete in Filialen der Phoenix. Während des Ersten Weltkrieges diente er in der österreichischen Armee.

Steffen Mensching, 2003
Steffen Mensching Bildrechte: dpa

Mit Graphologie beschäftigte er sich schon in seiner Jugend als Autodidakt. Ab 1918 begann er zu diesem Fachgebiet erfolgreich Vorträge zu halten, unter anderem in Ungarn, der Schweiz und Rumänien. In den USA avancierte er Anfang der 1920er-Jahre zu einem Medienstar. Ab 1927 wohnte er vorrangig in Berlin. Er verfasste etliche Bücher, darunter den Bestseller "Die Handschrift lügt nicht!" Darüber hinaus trat er als Kinodarsteller auf. Er spielte in den Filmen "Das Geheimnis der Schrift", "Der Schriftmagier" und "Die Tragödie einer Frau", die sich um Kriminalfälle drehten, an deren Lösung er mitwirkte. Um seinen Tod in den 1940er-Jahren ranken sich bis heute Rätsel.

Genie oder Rosstäuscher

Zweifellos liegt Menschings stärkstes Motiv, den Graphologen zur Romanfigur zu machen in den mysteriösen Umständen von Schermanns Ende. In einem Interview betonte er, dass ihn die Frage bewegt, ob Schermann "ein Genie oder nur ein begabter Rosstäuscher" war.

Steffen Mensching - Schermanns Augen, buch, cover
Menschings Roman ist über 800 lesenswerte Seiten stark. Bildrechte: Wallstein Verlag

So oder so zeigt er sich gefesselt von dessen Talent. Geschickt meistert er es, diese Faszination auf den Leser zu übertragen, und zwar, indem er sich kühn von den gesicherten Fakten der Biografie Schermanns löst und ihn in ein fiktives Gulag im stalinistischen Russland verfrachtet, wo er sich Verhören des Lagerchefs unterziehen muss, weil der in ihm einen Spion und Sympathisanten Leo Trotzkis vermutet. Um Schermann auch jenseits der Vernehmungen zu kontrollieren, beauftragt der Kommandant den Lagerinsassen Otto Haferkorn damit, den Graphologen zu bespitzeln und regelmäßig Bericht über ihn zu erstatten. Haferkorn, der Schermann mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis begegnet, floh als deutscher Kommunist vor den Nazis aus Berlin, wurde aber in der Sowjetunion des Renegatentums verdächtigt und landete deshalb hinter Gittern, wo er eine zehnjährige Haftstrafe als "Volksfeind" verbüßen soll.

"Marcel Reich-Ranicki hätte ihm Bestnoten erteilt"

Sein gewagtes Experiment, sich in eine andere Epoche und in bestialische Verhältnisse hineinzubeamen, glückt Mensching über weite Strecken hinweg exzellent. Authentizität erzielt er vor allem dadurch, dass er sich als Fetischist in Sachen Details erweist. Mit naturalistischer Besessenheit entwirft er einen möglichen Lageralltag. Als habe er die Niedertracht selbst erlebt, berichtet er von Häftlingen, die bei der Zwangsarbeit miteinander rivalisieren und sich niederträchtig belauern. Selbst dort, wo Mensching von verstörenden Grausamkeiten berichtet, die er sich bestenfalls in seinen Träumen auszumalen vermag, bleibt er literarisch souverän. Marcel Reich-Ranicki, der den Terror gegen die Juden im KZ-ähnlichen Warschauer Ghetto überdauerte, hätte ihm sicher Bestnoten erteilt.

Stilistisch auf einem Level mit Buchmessepreisträger Guntram Vesper

Stilistisch bewegt sich Mensching auf dem Niveau von Guntram Vesper, der 2016 mit seinem üppigen Epos "Frohburg" den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Ähnlich wie er erzählt Mensching sehr ausufernd und episodenreich. In turbulenten Rückblenden, die sich aus den Erinnerungen seiner Figuren Schermann und Haferkorn speisen, verirrt er sich nach Paris, Moskau, Prag und New York.

Stets sticht besonders der Umfang seines Wortschatzes hervor. Der Reichtum der von ihm gebrauchten Verben verleiht seinem Fabulieren die Flüssigkeit von Quecksilber.

Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Künstlerische Anleihen nahm Mensching zweifellos bei österreichischen Klassikern wie Robert Musil und Hermann Broch, die das Chronologische aus ihren Texten verbannten und auf spontanen Perspektivenwechsel bauten. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich glückte ihm hier der ganz große Wurf. Nach 800 Seiten, die der Autor mit psychologisch ebenso brisanten wie abenteuerlichen Szenen spickt, spürt man weder Müdigkeit noch Überdruss.

Angaben zum Buch Steffen Mensching: "Schermanns Augen"
Roman
820 Seiten, gebunden, 28 Euro
ISBN: 978-3-8353-3338-3
Wallstein Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 31. Juli 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 11:53 Uhr

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