Interview Steffen Mensching über das Polit-Beben in Thüringen

Steffen Mensching ist Autor, Regisseur, Schauspieler und seit mehr als zehn Jahren Intendant des Theaters Rudolstadt. Bekannt wurde er vor allem in der Wendezeit mit seinen politischen Programmen und Filmen. Im Interview mit MDR KULTUR spricht er über die aktuellen politischen Ereignisse in Thüringen.

Steffen Mensching
Theaterintendant Steffen Mensching über die Zukunft Thüringens Bildrechte: MDR/Holger John

MDR KULTUR: Wie ist Ihnen denn zumute nach der Blitzwahl von Kemmerich und nun nach seinem angekündigten Rücktritt?

Steffen Mensching: Das war blankes Entsetzen. Ich habe mir das online angeschaut, was da passiert ist. Und ja, ich habe eigentlich nur geschrien und gesagt, wie ist sowas möglich, das ist ein Unding, eine Unverschämtheit, das ist ein Verzocken von allen demokratischen Werten, für die man irgendwie eingestanden ist vor vielen Jahren und die man versucht hat, zu leben in den vergangenen Jahren. Und es ist ein deutliches Appeasement-Angebot an die AfD. Man verkündet groß, dass man mit ihnen nicht zu tun haben will, und man holt sie mit ins Boot.

Bodo Ramelow punktete in den Städten, die AfD im ländlichen Raum. Welche kulturpolitischen Auswirkungen fürchten Sie oder beobachten gar schon durch den wachsenden Einfluss der AfD?

Die AfD ist sicherlich auch ein disparater Haufen. Es gibt die ganz harten Flügelleute, die sind hier bei uns in den Orten gar nicht so stark vertreten, sondern da sind es mehr die Handwerksmeister und die kleinen Gewerbetreibenden. Da muss man sicherlich auch differenzieren individuell. Aber die Partei steht für völkische, nationalistische bis faschistische Tendenzen, gerade die Thüringer AfD. Und die machen auch Politik gegen Kulturschaffende, gegen das Theater, da gibt es Erklärungen, dass der Intendant weggefegt werden soll. Man wirft uns vor, wir würden uns auf die anderen Parteien orientieren und die AfD ausgrenzen. Wenn es um solche Haltungen wie Rassismus und Faschismus geht, klar da sind wir auch eindeutig auf der anderen Seite der Barrikade, wenn man so will. Bislang sind sie direkt gegen unser Theaterprogramm noch nicht vorgegangen. Das hat man in anderen Städten versucht.

Setzen Sie sich in Ihrem Haus auch mit aufeinanderprallenden Meinungen auseinander?

Das ist unsere erste Aufgabe, gesellschaftliche Fragen zu diskutieren und offen zu diskutieren, ohne dass wir alle Antworten wüssten oder die Oberlehrer sind. Natürlich wissen wir, dass auch Teile unseres Publikums sich für die AfD entschieden haben. Uns geht es darum zu diskutieren, was ist eine solche Wahlentscheidung? Mit welcher Hoffnung wählt man eine solche Partei? Für welche gesellschaftlichen Ziele steht die AfD? Da muss man dann sehr kritisch betrachten, was für ein rückwärtsgewandtes Modell das ist. In vielen Fragen, in der Klimapolitik, in der Einwanderungspolitik, in der Bildungspolitik, in der Geschlechterfrage, welche Rolle man den Frauen in der Zukunft zutraut oder nicht. Diese Dinge müssen deutlicher akzentuiert werden, um vielleicht Wähler, die für diese Partei bislang ihre Stimme abgegeben haben, davon zu überzeugen, dass es vielleicht doch keine progressive Entscheidung für dieses Land ist. Wenn man sieht, wie die AfD sich in dieser Wahlabstimmung benommen hat, sieht man, da geht es nicht um das Interesse, Thüringen voranzubringen. Sondern da geht es um Kalkül, Destabilisieren von gesellschaftlichen Verhältnissen, und es geht vor allen Dingen um Macht.

Was tun Sie in Rudolstadt konkret? Welche Projekte gibt es, um für Demokratie und gegen Rechtspopulismus einzutreten?

Ein Dialog ist immer ein grunddemokratisches Verhältnis, das ist genau das, was bei dieser Wahl nicht passiert ist. Man hat vorher den Dialog ausgeschlossen, von Seiten der CDU und FDP, der AfD sowieso, mit den bislang Regierenden. Und da sind wir auch in der eigentlichen Situation: Wie geht's weiter in Thüringen? Schaffen es die Kräfte wirklich, in einen Dialog zu kommen, über die Parteigrenzen hinweg oder nicht? Und im Theater, glaube ich, kann man so etwas lernen. Ich halte nicht so sehr viel davon, nur Stücke aufzuführen, die gewisse gesellschaftliche Situation in Deutschland thematisieren, primär politisch akzentuieren. Man kann auch mit einem Klassiker, man kann auch mit "Romeo und Julia" oder "Hamlet" gesellschaftliche Fragen zur Debatte stellen und die Leute anregen, selbst eine Meinung zu bilden und mit anderen einen Konsens zu suchen. Und was macht man, wenn man im Publikum zusammensitzt und lacht oder weint, man bildet mit anderen Leuten eine Dialoggemeinschaft. Darum geht es, sich nicht in seiner Wolke, in einer Blase einzurichten, in seinen Vorurteilen, sondern noch hinzuhören, was der andere denkt und mit ihm einen Kompromiss zu finden.

Das Gespräch führte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Februar 2020 | 12:10 Uhr