Von der Kritik verrissen Literatur-Debatte um Roman "Stella" von Takis Würger

Darf man den Nationalsozialismus als bloße Kulisse für eine Liebesgeschichte nutzen, um einem Buch so Brisanz und vermeintliche historische Tiefe zu geben? Diese Debatte ist um den Roman "Stella" von Takis Würger entbrannt. MDR KULTUR-Literaturexperte Jörg Schieke fasst die Meinungen zusammen.

Takis Würgers Roman "Stella" erzählt die Geschichte der Berliner Jüdin Stella Goldschlag, die während des Nationalsozialismus als "Greiferin" andere Juden denunzierte. So wollte sie erst ihre Eltern retten, was misslang, und dann sich selbst, was glückte. Stella Goldschlag gab es wirklich. Es ist eine reale Geschichte, die hier literarisch ausgestaltet wird.

Erzählt wird ihre Geschichte aus der Sicht eines jungen Mannes, der sich in Stella verliebt und von ihren Schreckenstaten erst kurz vor Schluss des Romans erfährt. Diese Taten und die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer "garnieren" das Buch eher, als dass sie tatsächlich literarisch durchdrungen würden.

Und genau daran hat sich nun eine Debatte entzündet: Darf man den Nationalsozialismus als bloße Kulisse für eine ansonsten eher mittelmäßig erzählte Liebesgeschichte nutzen, um einem Buch so Brisanz und vermeintliche historische Tiefe zu geben? Ist dieser Roman, wie ein Kritiker in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb, ein "Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen"? Ist er das "Symbol einer Branche, die jeden ethischen und ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint"?

Vorwurf: Würger beute Vergangenheit aus

Eigentlich ist es ein Problem, mit dem sich die deutsche Literatur ebenso wie der deutsche Film seit Jahrzehnten auseinandersetzen müssen: Wie kann man das Nicht-Erzählbare, die Schrecken von Krieg und Holocaust, erzählen, ohne sie zugleich an die Unterhaltung, die Skandalisierung, kurzum die Mechanismen der Medien-Industrie zu verraten? Wo ist hier die Grenze? Wo kippen Aufklärung und Analyse um in Unterhaltung, in unverbindliche Schock-Ästhetik? Was unterscheidet Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah" von Spielbergs "Schindlers Liste"?

Es gibt hierauf keine feste Antwort. Das Verhältnis von Moral und Ästhetik kann bei jedem Kunstwerk immer nur aufs Neue ausgelotet werden. Takis Würgers Stella ist solch ein Kunstwerk, ein Roman. Und natürlich darf auch Würger für sich das Prinzip künstlerische Freiheit in Anspruch nehmen. Warum aber dann diese heftigen Vorwürfe? Richard Kämmerlings schreibt in der Zeitung "Die Welt":

Im Kern läuft es immer auf den Vorwurf hinaus, das Leid der Opfer und die Schrecken des Holocaust lediglich zu benutzen und damit die Toten gar ein zweites Mal zu bloßen Objekten, zu 'Material' zu machen – diesmal für eine auf Verkaufserfolg zielende Geschichte. Je erfolgreicher (oder wie jetzt bei Würger: Erfolg versprechender) ein Buch, desto mehr droht eine 'Ausbeutung der Vergangenheit' ('SZ' über 'Stella').

Richard Kämmerling in "Die Welt"

Inzwischen hat sich auch der Verlagsleiter des Hanser-Verlages, Jo Lendle, zu den Vorwürfen gegen das Buch "Stella" geäußert. Er verteidigt seinen Autor: "Es ist klar, dass dieses Buch nicht vor 40 Jahren hätte veröffentlicht werden können. Aber ich glaube, dass jede Generation von Autoren – und Takis Würger ist ein jüngerer Autor – auch ein Verhältnis finden muss, Geschichten zu erzählen, die Erinnerungen wach halten, die Einblicke in diese Zeit geben. Stella Goldschlag ist eine Figur, an der sich ganz viel entzündet von dem, was sich Nachgeborene fragen: Wie entsteht Schuld? Wie ist mit Schuld umzugehen? Wie hätte ich mich selber verhalten? Das sind die zentralen Fragen, die in dem Buch verhandelt werden."

Vorwurf: Würger werde seinem Stoff nicht gerecht

Dort, wo Jo Lendle also durchaus eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit historischer Schuld erkennt – genau dort setzt Lothar Müller mit seiner Kritik in der Süddeutschen Zeitung an: Takis Würger habe "in seinen Liebesroman einen Aktenordner aus dem Prozess hineinmontiert, den die sowjetische Militärverwaltung der historischen Stella Goldschlag im Frühjahr 1946 machte. Ein Schwarm von Deportierten, Ermordeten und Entkommenen steht als stummer Chor im Hintergrund des Liebesromans. Er wird in  die Romanmaschinerie eingespeist und verbraucht, ohne dass die Maschinerie der Liebeshandlung je ins Stocken geraten oder es dem Erzähler je die Sprache verschlagen würde. Die Maschinerie läuft wie geschmiert, die Sprache des Liebesromans bleibt von der Sprache der Akten unberührt. Dieser gedankenlose, literarisch unberatene Umgang mit den Dokumenten und Stimmen der Toten war der Hauptangriffspunkt der Verrisse. Verboten sind solche fahrigen Griffe ins Archiv nicht, aber in der Literatur gilt nun einmal, dass die Geister, die ein Autor ruft, Ansprüche an seinen Text stellen."

Takis Würger
Takis Würger wird für seinen neuen Roman heftig kritisiert. Bildrechte: Sven Döring

Der Roman von Würger, mit seinen sprachlichen und gestalterischen Mitteln, müsse also dem in ihm verhandelten Thema auch gerecht werden – so kann man Müllers Kritik fassen. Und ähnlich argumentiert auch Fabian Wolff in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ):

"Takis Würger hat gar nichts zu erzählen. Er spielt nur am Automaten der Groschenromansätze und raunenden Sinnsprüche: 'Ich glaube, die Wahrheit ist nirgendwo so sehr in Gefahr wie im Krieg.' 'Das Leben formt uns zu Lügnern.' 'Vater hatte unrecht. Es gibt Schuld.' Manchmal sind sie unfreiwillig komisch: 'So ist die Wahrheit, Junge. Wie Hibiskus.' – 'Ich schaute ihr beim Denken zu.' – 'Ihre Tränen rannen lautlos.' Wenn es zu gar nichts anderem mehr reicht, hört man den nach 1942 verlegten Kurzdialog: 'Alles gut?' – 'Alles gut.'" Verleger Lendle jedoch verteidigt seinen Autor auch gegen diesen Kitsch-Vorwurf:

Takis Würger hat aus gutem Grunde nicht die Innenperspektive von Stella Goldschlag gewählt – damit würde er nämlich behaupten: Ich verstehe sie moralisch; ich verstehe ihre Entscheidung, andere Juden auszuliefern und zu verraten. Diese Perspektive kann man nicht einnehmen. Deswegen hat er eine fiktive Figur eingeführt, die ihr nahekommt und sich ihre Fragen stellt. Das ist die Form der Literatur, und das darf und muss Literatur.

Jo Lendle, Verleger

Kitsch oder nicht Kitsch? Auf jeden Fall, und auch das gehört leider zu dieser Debatte: Einmal mehr wird ein Buch, das offensichtlich an vielen Stellen zumindest weit in eine formelhafte, ungelenk pathetische Sprache abgleitet, zum Literaturskandal. Wie viele andere, leisere, aber auch genauer gearbeitete Bücher hingegen werden an diesen Plätzen, etwa in den großen Zeitungen keine Beachtung finden. Diese Mechanik von Skandalisierung, Aufmerksamkeit und Erfolg – das ist das eigentliche Ärgernis.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 13:55 Uhr

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