Stephen King
Stephen King ist ein wahrer Meister des Nervenkitzels. Bildrechte: dpa

Buchkritik Neues von Stephen King: Eintauchen in die Tiefen der Parapsychologie

Mit Thrillern wie "Shining", "Friedhof der Kuscheltiere" und "Es" sorgte Stephen King weltweit bei Millionen Lesern für Nervenkitzel. Mit "Das Institut" legt der inzwischen 71-jährige Superstar des Pageturners jetzt einen neuen Roman vor: In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und bringen ihn in ein geheimes Institut – dort werden Jugendliche gefangen, die das Hellsehen oder Telekinese beherrschen. Unseren Kritiker hat King damit einmal mehr überzeugt.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stephen King
Stephen King ist ein wahrer Meister des Nervenkitzels. Bildrechte: dpa
Stephen King: Das Institut (Buchcover) 7 min
Bildrechte: Heyne

In einer ruhigen Vorortsiedlung ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und bringen ihn in "Das Institut". Ulf Heise hat der neue Thriller von Stephen King einmal mehr überzeugt.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.09.2019 17:40Uhr 06:53 min

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Stephen King: Das Institut (Buchcover) 7 min
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In einer ruhigen Vorortsiedlung ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und bringen ihn in "Das Institut". Ulf Heise hat der neue Thriller von Stephen King einmal mehr überzeugt.

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Stephen King ist immer für Überraschungen gut – in seinem neuen Buch hat er die Parapsychologie im Visier, genauer gesagt die PSI-Talente von Menschen. Darunter fallen Fähigkeiten wie das Hellsehen oder die Vorausahnung von Ereignissen in der Zukunft. Viele halten das für Humbug, aber immerhin wurde dazu an der Universität Freiburg im Breisgau lange wissenschaftlich gearbeitet. Besonders hervorgetan hat sich dabei der Physiker Walter von Lucadou, der interessante Theorien zu diesen kontrovers diskutierten Phänomenen entwickelte, die auf der Quantenmechanik beruhen.

In den USA existiert in dieser Hinsicht eine viel längere und bedeutendere Tradition, zum Beispiel an den Universitäten Stanford und Duke. Dort gab es schon während der 30er-Jahre intensive Versuchsreihen mit Hunderten Freiwilligen. Das weiß natürlich auch Stephen King dank intensiver Recherchen. Er formt daraus eine ungewöhnliche Story, in deren Zentrum der 12-jährige Luke steht.

Ein Lager für Jugendliche mit übernatürlichen Kräften

Stephen King: Das Institut (Buchcover)
In seinem neuen Buch beschäftigt sich Stephen King mit dem Thema Hellsehen. Bildrechte: Heyne

Luke besucht eine Schule für Hochbegabte, denn er besitzt ein sogenanntes eidetisches Gedächtnis, auch fotografisches Gedächtnis genannt. Das heißt, er kann sich Fakten mit enormer Geschwindigkeit einprägen. Weil er seine Lehrer an Intelligenz übertrifft, soll er als jüngster Student an das legendäre "MIT" gehen, das Massachusetts Institut of Technology. Die Aufnahmeprüfung besteht er mit Links, doch bevor er seinen Platz an der Elitebildungsstätte beziehen kann, wird er eines Nachts aus seinem Elternhaus entführt und in ein mitten in den Wäldern des Bundesstaates Maine liegendes Geheimreservat gebracht. Außer ihm sind dort auch noch andere Kinder interniert.

Was die Jugendlichen für die Verbrecher, die dieses vermeintliche Institut leiten, so faszinierend macht, sind ihre paranormalen Begabungen. Sie können entweder Gedanken auf telepathischem Wege übertragen oder sie beherrschen Telekinse, können also Gegenstände mit emotionaler Energie bewegen. Eine Russin namens Nina Kulagina soll das beherrscht haben. Sowjetische Experten prüften sie auf Herz und Nieren – bei "Youtube" findet man Videos dazu. Bis heute tobt ein Streit darüber, ob sie eine Betrügerin war.

In der Tradition von Edgar Allan Poe, H.P. Lovecraft und Arthur Machen

Stephen King ist stark beeinflusst von Edgar Allan Poe, den man getrost als einen der Urväter der Literatur des Schreckens bezeichnen kann. Aber die entscheidendsten Impulse verdankt er zwei Eigenbrötlern, die heute leider nahezu vergessen sind: Das ist zum einen sein Landsmann H. P. Lovecraft, ein verkanntes Genie, das unter psychischen Störungen litt und im Laufe seines kurzen Lebens immer mehr verarmte. Und dann ist da noch der Brite Arthur Machen, der Dutzende Werke verfasste, die von Übersinnlichem handeln. Auch er war eine verkrachte Existenz und litt heftig unter Marotten.

Besonders schätze ich an Kings Stil seinen harten Realismus. Er ist ein Mann, der seine Figuren erdet. Sie sind bodenständig, stammen aus kleinen Verhältnissen und haben jenseits ihrer Berührung mit dem Übernatürlichen keinerlei Flausen im Kopf. Es sind Charaktere, die man sofort sympathisch findet. Aber nicht nur die Typen, die King schildert, erscheinen wirklichkeitsnah. Auch seine Beschreibungen von Verhältnissen muten so an. Wenn er zum Beispiel von einem Motel berichtet, in dem der verrostete Duschkopf die ganze Nacht tropft oder in dem sich die verwanzte Matratze des Bettes bis zum Boden durchbiegt, dann ist das absolut lebensecht. Jenseits davon mag ich an King, dass er kein Trumpianer ist. Er kritisiert die Kulturpolitik des US-Präsidenten und lässt auch kein gutes Haar an dessen Politik in punkto Waffenlobby.

King bleibt unangefochtener König der Spannungsliteratur

Stephen King liebt es, die Spannung generell langsam anschwellen zu lassen. Und das handhabt er auch hier auf geschickte Weise so. In den etwas gemächlichen Anfangskapiteln trifft man zunächst auf einen Ex-Polizisten, der im Verlauf der Handlung durch Zufall auf das ominöse Institut stößt, in dem Luke und seine Gefährten rundum überwacht und teils grausamen Experimenten ausgesetzt werden. Damit heizt der Autor die Emotionen Schritt für Schritt auf. Dieses bewährte Rezept funktioniert exquisit. Deshalb verkörpert Stephen King für mich trotz wachsender Konkurrenz den unangefochtenen König anspruchsvoller Horror- und Gruselliteratur in der Gegenwart.

Angaben zum Buch Roman "Das Institut" von Stephen King
aus dem Amerikanischen Englisch übersetzt von Bernhard Kleinschmidt

Heyne Verlag, 2019
768 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-453-27237-8
26 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2019, 04:00 Uhr

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