Steven Patrick Morrissey, 1986
1986 gilt Steven Patrick Morrissey als Außenseiter und Musikgenie. Bildrechte: IMAGO

Zum 60. Geburtstag Morrissey - Hadern mit einem Helden

In den 80er-Jahren trat Steven Patrick Morrissey als Sänger der Kultband The Smiths zu einem musikalischen Siegeszug an. Aber sein Ruhm bröckelt. Grund dafür ist seine Exzentrik. MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske war in der NVA, als er zum eingefleischten Fan von Morrissey wurde – im wahrsten Sinne des Wortes, trägt er doch eine Liedzeile von The Smiths als Tattoo. Doch auch er hadert mit dem Sänger und seinen extremen Aussagen.

von Hendryk Proske, MDR KULTUR

Steven Patrick Morrissey, 1986
1986 gilt Steven Patrick Morrissey als Außenseiter und Musikgenie. Bildrechte: IMAGO

Der Mann hat mir mal etwas bedeutet. Nicht nur mir, ganz augenscheinlich. Man ist im Pop ja schnell geneigt auf Phrasen wie "Sprachrohr einer ganzen Generation" zurückzugreifen, bei dem Versuch, einen tatsächlich nachhaltigen Erfolg eines Künstlers, eine anhaltende Wirkkraft seines Werkes, zu beschreiben. Beim Briten Steven Patrick Morrissey, der dieser Tage seinen 60. Geburtstag feiert, mag das sogar zutreffen. Mir wäre "Sprachrohr" als Metapher schlicht zu laut und "einer ganzen Generation" im Nachhinein viel zu anbiedernd. Und doch: Morrissey hat, vor allem mit seiner Band The Smiths in den Achtzigern, so vielen Kids und jungen Erwachsenen sprichwörtlich aus der Seele gesprochen. So auch mir.

Hendryk Proske
MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske Bildrechte: MDR/Jakob Wierzba

Wie auch nicht, wenn er in Songs wie "There is a light that never goes out" das Drama des vereinsamten Wesens so zauberhaft entwaffnend auf den Punkt bringt, diese Sehnsucht eben endlich nicht mehr allein zu sein, ein gleich gesinntes Wesen zu finden, welches offenbar genau in dem Augenblick das Gleiche denkt, fühlt, sucht. Die Vorstellung, endlich gemeinsam auszubrechen und dann, als ultimativer Höhepunkt und in seiner Endgültigkeit finaler und damit auf alle Zeit festgeschriebener Pakt gegen alle "da draußen" im schönsten Moment in einem Verkehrsunfall zu sterben – herrlich! ("To die by your side, is such a heavenly way to die!"). "How soon is now", dieses düster-wabernde Ungetüm eines Songs, in dem Morrissey immer wieder im Wechsel mit der seufzenden Gitarre seines Partners Johnny Marr wehklagt: "I am human and I need to be loved just like everybody else does!"

Wie oft wollte ich unter Kopfhörern nachts im Bett liegend lauthals mitklagen (wäre im WBS 70 in Dresden-Johannstadt aber keine so gute Idee gewesen). Dazu kam, dass The Smiths eben nicht für eine "Generation" sprechen konnten. Dafür waren sie zu sehr Indie, zu wenig Mainstream. Ja, vor allem außerhalb der britischen Grenzen zu unbekannt. Was die Wirkung auf die Empfänglichen ja nur verstärkte. Es hatte etwas verschwörerisches, angenehm Elitäres. Da war etwas, was nicht jeder kannte, nicht jede hatte. Was das Gefühl, dieser Morrissey spräche nur zu einem selbst, ungebremst potenzierte.

The Smiths 1984 in London: Schlagzeuger Mike Joyce,  Sänger Steven Patrick Morrissey, Gitarrist Johnny Marr und Bassist Andy Rourke.
The Smiths 1984 in London. Von Links: Schlagzeuger Mike Joyce, Sänger Steven Patrick Morrissey, Gitarrist Johnny Marr und Bassist Andy Rourke. Bildrechte: Imago

In der NVA zum Fan

Dieser Mann hat mir in einer ganz entscheidenden Phase etwas bedeutet. Morrissey und seine Smiths trafen auf mich eigentlich zu einer Zeit, als es sie schon gar nicht mehr gab. Ende der Achtziger, als ich im Dienst der NVA stand. Mein musikalisch-kultureller Horizont war bis dahin zwar breit, aber wenig spezifisch. Was neu war, gefiel. Das Radio war das Tor zur Welt. Und das stand weit offen und lies so ziemlich jeden rein. Der Plattenschrank meiner Eltern bot alles von Beatles bis Bernstein und alles wurde gehört. Lieblingsplatten folgten Stimmungen, mal rotierten die Puhdys oder Rockhaus für mehrere Wochen, mal saß ich vor der Schrankwand mit dem Plattenspieler und sang die "West Side Story" in dieser wundervollen Aufnahme mit Jose Carreras und Kiri Te Kanawa mit breiter Brust mit. Ich war jede Rolle!

Doch dann traf ich in einer Kaserne irgendwo in Brandenburg einen jungen Mann, der tickte anders. Als er sich mir vorstellte, meinte er, er gehöre der "IGIG" an – "Der Interessengemeinschaft Intelligenz-Grufties". Die Bands, die er nannte, sagten mir nix. Klar merkte ich später, dass ich den einen oder anderen Song schon mal irgendwo gehört, aber nie wirklich wahrgenommen hatte. Eines Tages brachte er das Smiths-Album "Meat Is Murder" mit. Und ab da war für mich nichts mehr, wie es war. "Barbarism Begins At Home" mit der Zeile "A crack on the head is what you get for asking", "Well I Wonder" – mit dieser flehend singenden Gitarre vorgetragen. Das düster-berückende Titelstück sowieso.

Im Nachhinein betrachtet weiß ich, dass dieses Album, dieser Moment des ersten Hörens alles für mich verändert hat. Musikalisch, mein Selbstverständnis, mein Blick auf die Welt um mich herum. Ich war plötzlich offen für Punk, für Avantgarde. Ich ließ Fragen zu, zu mir selbst, aber auch zu all dem um mich herum. Und ich fing an, sie laut auszusprechen. Der junge Mann mit der Smiths-Platte wurde damals zu meinem besten Freund und Morrissey zu unserem Helden. Die letzten Monate meiner Dienstzeit bei der Armee sollten auch die letzten Monate der DDR sein. Die Musik des Undergrounds, sowohl des nationalen als auch des internationalen wurde unser Soundtrack. In meiner Dienstmütze stand eine Zeile aus "Meat Is Murder": "A dead for no reason is murder". Im Spind meines Freundes prangte das Cover des ersten Soloalbums Morrisseys "Viva Hate". Gott, was kamen wir uns aufmüpfig damit vor. Das Land ging, Morrissey blieb.

Eine Textzeile als Tattoo

Die Musiker "The Smith" bei einem Auftritt.
Morrissey und Johnny Marr bei einem Auftritt von The Smiths. Bildrechte: IMAGO

Die Smiths gab es schon nicht mehr – was meine Verehrung für Morrissey immer etwas trübte. Denn neben all den textlichen Bedeutungen war ich eigentlich immer der musikalische Typ. Einer, der sich einem Song eben zuerst über den Klang, die Melodie, die Harmonien nähert. Auch wenn das womöglich nur an meinem mangelhaften Englisch lag – ich war eben auch ein Fan von Johnny Marr. Marr & Morrissey sind für mich das, was für meinen Vater John Lennon & Paul McCartney waren. Aber egal, Marr war weg, tauchte immer mal wieder bei anderen Bands auf. Morrissey blieb Morrissey.

Und so saugte ich weiter alles auf. Kaufte Alben am Tag ihres Erscheinens. Stöberte in Plattenläden nach raren Pressungen und Singles, all die B-Seiten, die musste ich haben! Zeitungsartikel und Bücher wurden verschlungen. Konzerte wurden Messen: Huxleys, Philipshalle, Roskilde – ich war da und noch an manch anderen Orten mehr. Wegen ihm. In einer Welt, in der Dank Youtube jeder Song, jedes Video allezeit sichtbar ist, mutet es sicher befremdlich an, aber ich habe auch mehrere Hundert D-Mark für schlechte Videokopien auf VHS Kassetten ohne zu zögern gezahlt. So sah ich endlich Mitschnitte von ganz frühen Konzerten, TV Auftritte, Interviews.

Mein Lieblingsroman heißt "Der Fliegenfänger" von Willy Russel. Warum? Das Buch ist ein einseitiger Briefwechsel des Protagonisten, einem hoffnungslos romantischen Außenseiter, dem in seinen jungen Jahren so ziemlich alles misslingt. An wen sind die Briefe gerichtet? Genau: Morrissey! "Dear Morrissey" heißt es zu Beginn eines jeden Kapitels. Ich habe es verschlungen! Und eines Tages ließ ich mir eine Zeile eines späten Smiths-Songs auf meinen linken Oberarm stechen: "Last Night I Dreamet That Somebody Loved Me" (Ja, da versteckt sich ein kleiner Grammatikfehler, der es leider auch unter meine Haut geschafft hat). Egal, jedenfalls traf ich nur wenige Wochen nach Fertigstellung dieses Tattoos auf die Liebe meines Lebens! Geht noch mehr?

Der andere Morrissey

Morrissey, 2015
Morrissey ist ein provokanter Musiker – hier bei einem Auftritt im Jahr 2015. Bildrechte: dpa

Dieser Mann hat mir mal etwas bedeutet. Ich wäre heute nicht der, der ich bin, wenn es diese eine Platte nicht gegeben hätte. Er hat mich geweckt, meine Sinne geschärft. Er hat mir auch das Zweifeln beigebracht. Und das hatte irgendwann zur Folge, dass ich begann, an ihm zu zweifeln. Verstört anfangs. Was sang Morrissey da Anfang der Neunziger in "National Front Disco"? "England for the english"? War das ironisch? Auf einer der erwähnten VHS Kassetten sieht man Morrissey beim "Madstock", dem Reunion-Festival von Madness im August 1992. Er nimmt sich den Union Jack, die britische Nationalflagge als Umhang – und wird ausgebuht. Es fliegen jede Menge Dinge auf die Bühne. Kein schöner Anblick. Gebuht hatten, so schrieb es die Presse später, sowohl Linke als auch angereiste Nazi-Skins. Ich war verwirrt.

Dann kamen Alben wie "Vauxhall And I" oder "You Are The Quarry" und ich war wieder versöhnt. Morrissey war stark im Text, immer noch zynisch zuweilen, klar. Aber er schlug sich auf keine Seite, verletzte niemanden ernsthaft. Doch dann wurden die Zeichen deutlicher, und der Riss zwischen uns größer. Nötigte der Tierschützer und Vegetarier Morrissey mir bei "Meat Is Murder" noch Respekt ab, war ich bei Interviewzitaten, in denen er z. B. Jamie Oliver den Ratschlag gab, doch seine Kinder in die Mikrowelle zu stecken, wenn er denn Fleisch so lecker finde, schlicht angeekelt.

Es folgten verquaste Verschwörungstheorien und Elitenbashing in Songtexten, alberne Statements, Interviews, die einen nur noch kopfschüttelnd zurückließen, wie zum letzten Album "Axe The Monarchy" im "Spiegel". Zuletzt unterstrich Morrissey seine offensichtlichen Sympathie für verschroben rechtspopulistisches, indem er bei diversen Gelegenheiten seine Nähe zu einer Partei namens "For Britain Movement" zeigte (erst kürzlich während eines Auftritts in der US-Show "The Tonight Show" mit Jimmy Fallon).

Vom Außenseitertum zur Elitenverachtung

Bei einem Konzert hält Morrissey ein Blatt Papier hoch, auf dem "Anti Royal" steht.
Auch mit dem Königshaus hat sich Morrissey schon angelegt. Bildrechte: imago stock&people

Morrissey hatte immer alle gegen sich. So nahm er das jedenfalls wahr. In Düsseldorf fragte er einst das ihn anhimmelnde Publikum: "Habt Ihr jemals, JEMALS, einen Song von mir im Radio gehört?" Und die Massen riefen bereitwillig das, was er hören wollte: "NO!" Und ich stand mittendrin und dachte: so ein Stuss! Ich hätte in dem Moment nicht nur zahlreiche Beispiele des Gegenteils aufzählen können, nein, ich war ja als junger Radio-DJ selbst einer von den Verrückten, die das ganz selbstverständlich spielten. Das hätte aber nicht in sein Weltbild gepasst.

Aus der Antihaltung des "Der Mainstream hasst mich" war längst selbst Hass geworden. Das Wohlfühlen in einer "Ich gegen die"-Blase wandelte sich in moderne Elitenverachtung. Und viele Fans folgten ihm ergeben. Obwohl man sich doch selbst immer für was Besseres gehalten hatte, mithin eine selbstgezimmerte popkulturelle Elite bildete. Man war mal stolz auf das Anderssein. Jetzt sind die anderen "die Anderen" und nur noch zu doof, die tatsächlichen "Wahrheiten" zu erkennen, weil sie von bösen Mächten (Medien, Eliten, Parteien, Konzernen … – beliebig fortsetz- und austauschbar) daran gehindert werden, "es" zu merken.

Künstler vs. Werk

Morrissey steht bei einem Auftritt in Lissabon 2018 auf der Bühne.
Morrissey bei einem Auftritt in Lissabon im Jahr 2018. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Und ich? Ich finde mich seit Jahren mit einer vielen Menschen nur allzu bekannten Grundsatzfrage konfrontiert: Kann ich das Werk vom Künstler trennen? Kann man einmal erschaffene Kunst betrachten und genießen, ohne sich darum zu scheren, was die oder der dachte oder gerade denkt oder sagt, der sie erschaffen hat? Kann es mir egal sein, dass der Künstler vielleicht mittlerweile als Populist, Steuersünder, oder vielleicht auch Schauspieler überführt ist, der in jungen Jahren am Set seine Hände nicht kontrollieren und der Versuchung nicht widerstehen konnte, eine Machtposition auszunutzen? Kann mich ein Song über Liebe und die Großartigkeit von Diversität immer noch berühren, wenn sie ein Mann singt, der heute gern mal Hass und Abgrenzung predigt?

Ich fürchte, diese Frage ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Zumindest gelingt mir das nicht. Dafür habe ich immer noch zu viele Zweifel in mir. (Und wie geht es eigentlich dem Pegida-Demonstrant, der früher gern zu "Eisgekühlter Bommerlunder" der Toten Hosen tanzte und der bei "Bonnie & Clyde" immer an seine erste große Liebe denkt, mit der er damals aber ganz sicher durchbrennen wollte? Sagt der sich montags mit dem "Migrantenflut stoppen"-Plakat in der Hand: Wenn der Campino das wüsste? Oder kann er das trennen und nur ich nicht?)

Was also tun?

Ich kann aufhören, CDs oder Platten von Morrissey zu kaufen. Ich kann aufhören, in Konzerten zu stehen und zwischen den Songs zu applaudieren. Was ich nicht kann: Verhindern, dass mir plötzlich eine Melodie wie die von "Some Girls Are Bigger Than Others" in den Kopf schießt und ich, ohne es zu merken, mitsumme. Was soll ich tun? Mein Tattoo vom Arm kratzen? Die Platten, Bücher, Zeitungsartikel und VHS-Kassetten in den Müll schmeißen? Das werde ich nicht tun. Denn ich glaube tatsächlich, all das gehört nicht mehr ihm, sondern mir. Mir hat das alles etwas bedeutet. Und bedeutet es noch immer.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Mai 2019 | 06:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2019, 08:22 Uhr

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