Eine von Entsetzen geplagte Familie mit Kindern, die vor der Explosion in der Ben-Yehuda-Straße in Jerusalem im Februar 1948 flohen.
Eine Familie flieht 1948 vor einer Explosion in Jerusalem Bildrechte: imago/United Archives International

Roman: "Stadt der Geheimnisse" von Stewart O'Nan Literarische Reise in die Anfänge des Nahostkonflikts

Mit "Abschied von Chautauqua", "Das Glück der Anderen" oder "Westlich des Sunset" hat sich der US-Amerikaner Stuart O'Nan auch hierzulande eine beträchtliche Fangemeinde erschrieben. Nun erscheint mit "Stadt der Geheimnisse" sein neuer Roman, für den er sich mit dem lettischen Juden Jossi Brand an die Anfänge des Nahostkonflikts ins Jerusalem des Jahres 1947 zurückarbeitet.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Eine von Entsetzen geplagte Familie mit Kindern, die vor der Explosion in der Ben-Yehuda-Straße in Jerusalem im Februar 1948 flohen.
Eine Familie flieht 1948 vor einer Explosion in Jerusalem Bildrechte: imago/United Archives International

Der 1961 geborene Amerikaner Stewart O'Nan hat auch in Deutschland seit Jahren ein großes Lesepublikum. Seine Romane begeistern vor allem durch ihre elegante Verknüpfung von spannender, plastisch erzählter Geschichte und literarischem Anspruch. O'Nan ist ein Autor, der seine Figuren liebt und sich zu ihren Schwächen bekennt - und der eben erzählen kann von den Konflikten, die ein Leben durchziehen.

Vorgeschichte des Nahostkonflikts 

Stewart O'Nan
Stewart O'Nan Bildrechte: IMAGO

Immer wieder wechselt O'Nan seine literarischen Themenfelder. Ein ziemlich faszinierendes Thema hat O'Nan für seinen neuen Roman entdeckt: "Stadt der Geheimnisse" führt ins Jerusalem des Jahres 1947, also in jene Zeit, in der die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs um eine Lösung des Palästina-Problems ringen.

Palästina wird sowohl von Arabern als auch von Juden als Heimat betrachtet und beansprucht; Großbritannien, ausgestattet mit einem Mandat vom Völkerbund, regiert und verwaltet das Land, das in dieser Form allerdings kaum noch zu regieren ist. In Jerusalem, der Stadt der Geheimnisse, formiert sich der jüdische Widerstand.

O'Nan erzählt diese Geschichte durchaus auch als Abenteuerroman. Zugleich aber zeichnet er das Psychogramm eines Mannes, der aus den Alpträumen der jüdischen Geschichte nicht mehr herausfinden kann. Gestrandet, von Gewissensnot gepeinigt ist er einer, der der Welt verloren gegangen ist - so wie die Welt ihm.

Ein Neuanfang

Jossi Brand ist ein lettischer Jude, der die Lager überstanden hat, der geflohen ist, vor den Deutschen genauso wie vor den Russen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Brand dort gelandet, wo sich die Juden anschicken, zum ersten Mal in der Geschichte ihres Volkes einen eigenen Staat zu gründen: in Palästina, im Gebiet des künftigen Staates Israel. 

Britische Truppen überprüfen Bewohner vor einer Räumung in Jerusalem. Im Hintergrund rechts steht das ''King David Hotel'' und das YMCA gebäude (links).
Britische Truppen 1947 in Jerusalem Bildrechte: imago/United Archives International

Stewart O`Nan erzählt die Vorgeschichte der Gründung des Staates Israel und verknüpft sie mit dem Schicksal eines Menschen, für den diese Gründung eigentlich zu spät kommt. Brand hat zu viel verloren, seine Frau und seine Familie, als dass er der Sache des neuen Staates noch Begeisterung und Patriotismus entgegenbringen könnte. Und dennoch verschreibt er sich dieser Sache, aus einem unklaren Pflichtgefühl heraus und mit der Gleichgültigkeit eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat.

Genau diese Seelenlage aber ist es, die ihn umso wertvoller macht für die Sache des Zionismus, für den Kampf der Juden gegen die britische Mandatsmacht und die arabischen Konkurrenten. Denn noch im Jahr 1947 ist die politische Perspektive ungewiss. Palästina wird von den Briten verwaltet, die wiederum den Zuzug der Juden reglementieren und sich alle Optionen offenhalten. Erst im Jahr 1948 werden sie und die Vereinten Nationen den Weg frei machen für die Gründung des Staates Israel. Was dem vorausgeht, ist der aus dem Untergrund heraus geführte Kampf der verschiedenen jüdischen Gruppen gegen die Briten, die von den Juden inzwischen als Besatzer verstanden werden.

Fremder im eigenen Leben

Am Tag fährt Brand als Taxifahrer amerikanische Touristen zur Grabeskirche oder englische Offiziere in ihre Dienststellen, nachts aber sprengt er Brücken oder britische Militärwaggons in die Luft. Er ist - und hier erinnert er ein wenig an den berühmten Helden des Albert Camus - ein Fremder in seinem eigenen Leben. Alles fließt an ihm vorbei, das Leben in Jerusalem mit seinen Touristenströmen und Schwarzmarktgesetzen genauso wie die bittere Härte seiner jüdischen Mitkämpfer. Er ist Teil ihrer Sache und gehört dennoch nicht dazu.

Stewart O'Nan - Stadt der Geheimnisse, buch, cover
"Stadt der Geheimnisse" ist bei Rowohlt erschienen Bildrechte: Rowohlt Verlag

Einzig die Prostituierte Eva, die von ihren britischen Freiern wichtige Informationen für die jüdischen Untergrundkämpfer mitbringt, wird ihm zur Gefährtin, aber beide spüren sie allzu deutlich, dass sie einander nur Ersatz für die von den Nazis ermordeten Liebsten sind.

Stewart O'Nans neuer Roman spielt geschickt mit den historischen Fakten und den verrauschten, unbedingt schwarz-weiß aufgenommenen Bildern dieser Nachkriegsjahre. Und er entwirft einen Helden, der eher ein Anti-Held ist und gerade dadurch zu Kontur und Menschlichkeit findet. Der Roman lebt von jenen Details, die bei der Deutung des Nahostkonfliktes hierzulande bislang eher selten erzählt wurden. Wie dieser Konflikt dann nach 1948 weiterging und geht, sehen wir jeden Tag im Fernsehen. Welche Geschichten ihm vorausgingen, einige zumindest, können wir nachlesen in diesem Roman. 

Angaben zum Buch Stewart O'Nan: "Stadt der Geheimnisse"
ins Deutsche übertragen von Thomas Gunkel
224 Seiten
ISBN: 978-3-498-05044-3
Rowohlt Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 06. November 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 15:28 Uhr

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