Anzug, Turnschuh, Schlabberpulli Die Mode der Grünen in der Stilkritik

Die Grünen feiern derzeit doppelt: 30 Jahre Bündnis 90 und 40 Jahre Grüne. Wir nehmen das zum Anlass für eine modische Stilkritik, denn keine Partei kann es in dieser Hinsicht mit den Grünen aufnehmen. So viele Klischees hat keine andere Partei gesammelt, vom Öko-Strickpulli über die Turnschuhe von Joschka Fischer bis zum smart auftretenden Robert Habeck und zu Annalena Baerbock in Lederjacke. Wofür stehen die Grünen angesichts ihres stilistischen Auftretens – oder stillosen, wie immer man das sehen will? Im Gespräch ist dazu Prof. Barbara Vinken von der Ludwig-Maximilians-Universität München, Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches "Angezogen – das Geheimnis der Mode".

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, unterhalten sich zu Beginn der Bundesvorstandssitzung ihrer Partei
Die Grünen zeigen sich heutzutage gerne modebewusst und auch mal mit Anzug – hier die Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Die Grünen kamen zur Gründerzeit mit Strickpullover daher, später kamen dann die Turnschuhe dazu. Sagen wir mal: das Missachten des Dresscodes. Was wollten sie damit zeigen? Und was wollten sie damit vermitteln?

Barbara Vinken
Gesprächspartnerin Barbara Vinken Bildrechte: dpa

Barbara Vinken: Ich glaube, man muss sehen, dass die Grünen eigentlich von vornherein Trendsetter-Partei waren und das in gewisser Weise, würde ich sagen, auch geblieben sind. Denn es war, als Joschka Fischer mit Turnschuhen ankam, wirklich an der Zeit, den Männerkörper anders ins Bild zu setzen. Und ich finde es auch ganz interessant, dass über einen männlichen Körper davor noch nie so viel geredet wurde, wie über den von Joschka Fischer – der abnehmen muss, der zunimmt muss. [lacht] Das war wirklich der Körper, der im Fokus stand. Und das war wirklich was ganz Neues oder was Neues, was natürlich absolut trendsetting war – von den Turnschuhen mal gar nicht zu reden.

Ich glaube ja schon, dass das Einige auch als ästhetische Zumutung begriffen haben.

Joschka Fischer
Mit Joschka Fischer wurde bei einem männlichen Politiker auch mal das Gewicht betrachtet. Bildrechte: dpa

Es war natürlich auch ein Affront in gewisser Weise, als nämlich das unmarkierte Kleidungsstück der bürgerlichen Klasse – nämlich der Anzug – plötzlich markiert wurde zum Kleid des Konservativen, des vielleicht Reaktionären, des Bourgeoisen. Also das Kleid von Macht, Autorität und Klasse wurde – und dagegen jetzt tatsächlich ein anderer Dresscode behauptet wurde.

Insofern kann man sagen: ja, das hat auch durch durchaus etwas von Aufbegehren oder von …

Abgeordnete der Grünen am 22.06.1982 vor dem niedersächsischen Landtag in Hannover
1982 konnte man die Grünen optisch noch leicht von der anzugtragenden Politikern anderer Parteien unterscheiden Bildrechte: dpa

…zeigen: Wir sind anders! Kann man sagen, aus welcher Subkultur diese Mode kam? Wo sich die Grünen da bedient haben?

Also, ich würde sagen, dass das schlicht und einfach die tonangebenden Schichten waren. Ich meine, wenn Sie sich das angucken, mit Birkenstock und Turnschuhen, schwarzen Rollkragen und Jeans. Es sind fast die Existenzialisten – Gott sei Dank nicht mit Birkenstock – aber trotzdem so in der Art. Und die ganze High-Tech-Industrie im Silicon Valley zieht sich auch so an. Jeder auf dem Campus lief damals so rum. Also insofern würde ich sagen, lag das völlig im Trend der Zeit, und zwar eben gegen den klassischen Anzugträger, gegen dessen Grenzen gerichtet.

Die Frage, die dahintersteckt, ist ja die, wieviel man überhaupt über Mode transportieren kann im politischen Zusammenhang? Klar,  mit Anzug und Schlips, dass man für was Konservatives steht schon. Aber inwiefern kann man für was Neues eintreten? Da wird man ja auch schnell und einfach verwechselt.

Joschka Fischer bei seiner Vereidigung.
Joschka Fischer bei seiner Vereidigung – skandalöserweise in Turnschuhen Bildrechte: dpa

Ja, aber ich denke schon, dass man das vielleicht nicht immer weiß, was man tut. Aber dass Kleider schon auch eine ganz starke Message rüberbringen. Und ich würde sagen, damals war das bei den Grünen sicherlich ein antibürgerliches Moment, ein Anti-Establishment-Moment. Aber jedes Establishment rebelliert gegen das andere, indem es natürlich dagegen geht. [lacht]

Und heute ist es schon so, würde ich sagen, dass wir, also wenn wir uns Habeck und Baerbock angucken, das sind ja beides Leute zum Anfassen, die eigentlich mit der Mode ganz entspannt umgehen. Man kann sagen: die Baerbock – eigentlich ein nettes Mädchen von nebenan, aber schon ziemlich cool und die auch durchaus Spaß am Modischen hat. Die nicht mehr in dieser Geste befangen bleibt, dass nur der ernstgenommen wird, der auf Mode überhaupt kein Wert legt. Sondern die schon Lust daran hat, sich anzuziehen ...

Turnschuhe von Joschka Fischer im Deutschen Ledermuseum in Offenbach.
Mittlerweile sind die Turnschuhe von Joschka Fischer im Museum gelandet Bildrechte: dpa

… und das auch zugibt. Weil, das war ja in den Achtzigern eher "Naja, ich sehe schon ganz cool aus, ich weiß das. Aber ich sage auch keinem, dass ich da lange danach gesucht habe, genau die Kleidung zu finden, die so aussieht, als ob sie keine Mühe macht."

Claudia Roth
Auch Claudia Roth provoziert gerne mit Mode – hier beim Christopher Street Day im Dirndl Bildrechte: dpa

Genau! Man sieht schon, dass die Spaß daran hat, dass sie interessante Muster hat, dass sie Interessante Schnitte hat, dass ihr das Lust macht aber dass sie das auch nicht überbewertet. Ich würde sagen, sie entspricht eigentlich ganz genau dem Zuschnitt, wie heute selbstbewusste Frauen sich in der Macht positionieren können – auch dürfen, man gesteht es ihnen auch zu. Und ich würde sagen, das interniert sie eigentlich ganz gut. Man muss bedenken, dass die Grünen die bestverdienendsten Wähler von allen Parteien haben. Und, würde ich sagen, da liegen die auch wirklich ganz richtig im Trend

Das stimmt, die liegen irgendwo im Trend. Mir fehlt so ein bisschen eigentlich der Öko-biodynamische Touch. Also möglicherweise fehlt der nicht, weil das natürlich mehr Leute anspricht. Aber auf der anderen Seite: müssten sie nicht eigentlich doch ein bisschen mehr Kleidung haben, die weniger gefärbt ist – und was man eben so damit verbindet, damit es ehrlicher wirkt. Kann das sein, dass das jetzt ein bisschen unehrlicher wirkt?

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen
Annalena Baerbock mit Ledejacke Bildrechte: dpa

Ich würde sagen, das für mich so Befreiende ist, dass das jetzt nicht mehr so authentisch und so ehrlich sein muss. Sondern dass das diese Entspannung bekommen hat, dass man auch mal am Schönen Freude haben kann, ja. Ich finde, das ist für mich ein unglaublich heiterer Sprechakt, der von der deutschen Ehrlichkeit und diese ewigen Authentizität und der jetzt so ein bisschen weggeht und es sich zugesteht, oder es sich  erlaubt, auch Lust daran zu zeigen, an den Farben, die man trägt, an den Schnitten, die man halt. Ich finde das ganz befreiend.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2020 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2020, 12:24 Uhr

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