Singende Kinder
"Stille Nacht, Heilige Nacht" ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder. Bildrechte: Colourbox

Weihnachtslied Wie "Stille Nacht" die Welt eroberte

Um eines der bekanntesten Weihnachtslieder überhaupt, "Stille Nacht", ranken sich heute noch verschiedene Mythen. Das Lied ist wahrscheinlich aus der Not heraus entstanden und war lange fast vergessen. Auf Umwegen wurde es dann populär. Heute ist "Stille Nacht, Heilige Nacht" in vielen Ländern Weihnachtshit Nummer Eins. Vor 200 Jahren wurde es zum ersten Mal gesungen.

von Sven Hecker, MDR KULTUR-Autor

Singende Kinder
"Stille Nacht, Heilige Nacht" ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder. Bildrechte: Colourbox

"Mit diesem innigen Weihnachtsliede, das wir euch genauso singen wollen, wie es damals, in der Heiligen Nacht des Jahres 1818 in unserer alten Nikolauskirche erklungen ist, grüßen wir alle in nah und fern und wünschen der ganzen Welt eine fröhliche und friedliche Weihnacht!"

So trägt es am 23. Dezember 1949 ein Kind aus der Schule in Oberndorf vor. Was war da los, Heiligabend 1818 in Oberndorf bei Salzburg? War die kaputt gegangene Orgel in der Pfarr-Kirche der Grund? Oder doch der Wille von Pfarrer Josef Mohr, diesmal ein schlichtes Weihnachtslied für die Messe zu haben, ohne die traditionell üppige Besetzung?

Legenden um "Stille Nacht, Heilige Nacht"

Um die allererste Darbietung von "Stille Nacht" ranken sich einige Legenden. Einer der wenigen Anhaltspunkte ist die sogenannte "Authentische Veranlassung", die der Komponist des Liedes, Franz Xaver Gruber, einige Jahrzehnte später niederschreibt. Darin heißt es:

"Es war am 24. Dezember des Jahres 1818, als der damalige Hilfspriester Herr Josef Mohr bei der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf dem Organistendienst vertretenden Franz Gruber, damals zugleich auch Schullehrer in Arnsdorf, ein Gedicht überreichte, mit dem Ansuchen eine hierauf passende Melodie für zwei Solostimmen samt Chor und für eine Gitarren-Begleitung schreiben zu wollen."

Bekannt über Umwege

Das sechsstrophige Gedicht hatte Mohr wohl schon zwei Jahre zuvor geschrieben. Nun kommt es frisch vertont noch am selben Weihnachtsabend zur Aufführung – Gitarre also, statt Orgel. Mohr und Gruber singen die Strophen, der Chor wiederholt jeweils die Schlusszeile. Bei der Oberndorfer Kirchgemeinde findet das Lied "allgemeinen Beifall", so heißt es. Doch darüber hinaus scheint die Wirkung nicht allzu nachhaltig. Bekannt wird "Stille Nacht" erst über Umwege.

Die schadhafte Orgel in der Oberndorfer Kirche soll repariert werden. Bei den Arbeiten wird der Orgelbauer aus dem Zillertal wohl auf "Stille Nacht" aufmerksam. Er nimmt das Lied mit zurück in seine Heimat im Tiroler Land, wo es offenbar Gefallen findet.

Im Leipziger Barfußgässchen

"Es gab im Winter wenig Arbeit im Tirol oder in Österreich. Da gab es Menschen auf Wanderschaft, zum Teil, um irgendwelche handwerklichen Dinge zu verkaufen", sagt Michael Fischer vom Deutschen Volksliedarchiv. "Aber auch früh schon Musiker, Sänger, die dann volkstümelnd in die Großstädte im Norden gezogen sind, und da Lieder vorgetragen haben."

Die Strassers machen beides: Während der Vater in der Marktbude Handschuhe verkauft, trällern seine Kinder davor Tiroler Lieder, um die Leute anzulocken. Auch in Leipzig 1831, auf dem Weihnachtsmarkt – ihren Stand hat die Familie und Gesangsgruppe im Durchgang vom Barfußgässchen zum Salzgässchen aufgestellt. Und eines der dargebotenen Lieder erweckt besonderes Entzücken bei den Leipzigern: "Stille Nacht". Ein Erfolg mit Folgen: Zunächst gibt es Auftritte bei der katholischen Christmette und vermutlich einmal auch während der Konzertpausen im Gewandhaus.

Von Sachsen in die Welt

Als die Tiroler Geschwister im Dezember 1832 für ein Konzert zurückkehren, schreibt das "Leipziger Tageblatt" in einer Rezension: "Auch hatten die Sänger dem in diesem Blatte ausgesprochenen Wunsche, das schöne Weihnachtslied 'Stille Nacht' vorzutragen, freundlich entsprochen."

Dieses Mal ist auch ein Verleger aus Dresden im Publikum. Er wittert einen Erfolg, lässt vier der Strasser-Lieder verschriftlichen. Die kleine Noten-Sammlung erscheint vermutlich 1833, der Titel: "Vier ächte Tyroler Lieder". Darunter findet sich natürlich auch "Stille Nacht". Das Lied ist nun in der Welt – und beginnt von Sachsen aus seinen Siegeszug.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Dezember 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Dezember 2018, 04:00 Uhr