LCD-Fernseher mit weißem Monitor
Welcher Anbieter bestimmt in Zukunft das Fernsehprogramm? Bildrechte: Colourbox

Netflix, Amazon, Mediatheken Wer kann mit Netflix konkurrieren?

Vieles ist in Bewegung. Neben den bestehenden großen Plattformen wie Amazon, Netflix und kleineren Anbietern wie Entertain oder Sky kündigen Player wie Apple und Disney neue Angebote im Netz an. In Deutschland startet im Sommer Join, ein Angebot von Pro 7, SAT 1 und dem Discovery. Florian Kerkau ist Martkforscher bei Goldmedia und beschäftigt sich mit dem Markt.

LCD-Fernseher mit weißem Monitor
Welcher Anbieter bestimmt in Zukunft das Fernsehprogramm? Bildrechte: Colourbox

MDR KULTUR: Herr Kerkau, wie schätzen Sie die derzeitige Situation ein?

Florian Kerkau: Es ist jetzt die Zeit der großen Ankündigungen. Es ist viel Phantasie im Markt, es wird viel Geld verschoben auf der Investorenseite. Das ist immer ein Anzeichen dafür, das was passiert.  Nach den Ankündigungen muss man natürlich warten, was. Im Moment ist es so, dass wir bei diesem SVOD-Modell (Abonnement)  beobachten, dass es ganz erfolgreich ist. Dass die Zuschauer jetzt also für Fernsehinhalte bezahlen, die sie vorher als werbefinanziert im Free TV gewohnt waren zu schauen. Im Kinobereich hat man das immer schon bezahlt. Aber im Zu-Hause-Bereich ist das eine neue Qualität, die sehr viel Phantasie bei den Unternehmen freigesetzt hat.

Es gibt Unternehmen, die Content anbieten, und es gibt Unternehmen, die den Kontakt haben zum Zuschauer. Im klassischen Medienmarkt ist das der Fernsehsender, der die Oberfläche bietet für den Zuschauer. Es zeigt sich nun, dass Plattformen diese Funktion übernehmen können und sich eigentlich ganz ähnlich verhalten wie Fernsehsender, aber aufgrund dieser Plattformorganisation gewisse Vorteile haben. Deswegen sehen wir schon, dass dieser Markt auch weiterhin sehr stark wachsen wird und es dann auch eine Ausdifferenzierung der Geschäftsmodelle geben wird.

Gerade in Deutschland war und ist es immer eher schwierig, die Menschen zu überzeugen, für Inhalte im Netz bezahlen. Netflix hat allein in Deutschland 5 Millionen Abonnenten. Warum klappt dieses Modell jetzt plötzlich? 

Dieses Abomodell hat lange nicht funktioniert. Wir hatten ja mal diese europäische Plattform „watchever“, die schnell pleite gegangen ist und die eigentlich das gleiche Geschäft versucht hat aufzubauen wie Netflix, aber nicht zur richtigen Zeit da war und nicht den langen Atem hatten, um durchzuhalten.

Filmszene
Erfolgreiche Serie "House Of Cards" Bildrechte: IMAGO

Vielleicht war Netflix zur richtigen Zeit da. Man muss sagen, dass Netflix auch mehr Inhalte produzieren konnte und nochmal eine andere Geschichte erzählt hat mit dem ersten großen Erfolg "House of Cards". Das waren ganz anders erzählte Serien, die signalisierten: Wir sind was anderes. Das ist für den Zuschauer einfach attraktiv. Bei Firmen aus den USA sehen wir, das die wegen ihrer Größe einen gewissen Startvorteil haben und deshalb anders aufgestellt sind als die lokalen Player bei uns.

Und dennoch schreibt Netflix noch keine schwarzen Zahlen ...

Das kann man so sehen. Der Cashflow ist negativ. Da diese Filmprodukte aber sehr lange abgeschrieben werden, hat Netflix jetzt in der Bilanz  erstmalig sogenannte grüne Zahlen veröffentlicht. Es ist aber so, dass Investoren dahinter stehen, die das finanzieren und hoffen, dass das das Geschäft der Zukunft ist. Das treibt auch andere Firmen wie Disney oder Warner an. Die Produzenten sehen, dass ihre eigenen Produktionen auf den Plattformen funktionieren und bekommen Angst, dass sie dann irgendwann einem Gatekeeper ausgeliefert sind, der darüber entscheidet, was die Zuschauer sehen und was nicht.

Disney hat angekündigt, die Inhalte auf einer eigenen Plattform zu bündeln, und bedroht damit auch Netflix.

Das große Problem von Disney ist folgendes: Sie haben viel Kenntnis von Entertainment und sie haben Investoren. Jetzt haben sie eine Idee und wollen eine eigene Plattform aufbauen. Das kostet Geld, das die Investoren bereitstellen müssen. Auf der anderen Seite können sie, wenn sie die Programme von den anderen Plattformen abziehen, dann dort keine Lizenzgebühren mehr erwirtschaften und würden in der Übergangszeit weniger verdienen. Das ist eine Doppelbelastung, die meinen Erfahrungen zufolge Medienunternehmen in der Regel nicht machen. Wenn es um die Verwertung der eigenen Inhalte auf eigenen Plattformen geht versus eine besser bezahlte Lizenz zu verkaufen, dann hat immer die kürzere Margenerwartung gewonnen, und ich fürchte auch, dass das bei dieser Absolutheit gegen Netflix nicht durchzuhalten ist. 

Sie haben gesagt, dass gerade viel passiert. Ist da noch Platz für Neues?

Was wir sehen ist, dass dieser Bereich des SVOD – also die Abovariante – sehr zieht. Es gibt ja noch die öffentlich rechtlich finanzierten Mediatheken und den  werbefinanzierten Bereich der Privatsender. Da passiert sehr viel. RTL hat sein Angebot gerade umgebaut und bewirbt es auch stark. Damit haben sich die Sender immer schwer getan, weil sie Leute wegschicken vom linearen Angebot zum Streaming ins Netz. Aber das funktioniert. Pro 7 und Discovery starten im Sommer Join, eine Kombination von live TV und Videoportal  mit Werbung und eventuell einem kostenpflichtigen Bereich mit Extras. Das wird interessant, weil der werbefinanzierte Bereich im Netz jenseits von Youtube noch nicht sehr gut entwickelt ist.

Es gibt immer noch die Idee einer europäischen Plattform. Was halten Sie davon?

Ich fürchte, dass es dafür zu spät ist. Das erscheint aus der Perspektive der Organisatoren vielleicht sinnvoll, aus einer Nutzerperspektive eher nicht.

Wie lange gibt es noch lineares Fernsehen parallel zu den Plattformen im Netz?

Das wird bleiben. Ich vergleiche das immer gerne mit  den 50er- und 60er-Jahren, als das Kino Probleme bekommen hat, weil es das Fernsehen gab . Das hat dazu geführt, dass sich der Umsatz im Kinobereich halbiert hat und dann auf dem Niveau geblieben ist. Ich denke für den Fernsehbereich werden wir etwas Ähnliches erleben. Das wird nicht verschwinden und eine gewisse Größe behalten. Aber es ist letztlich ein bisschen so wie mit der Europawahl: Die jüngeren Leute machen andere Dinge als zuvor,  sind aber in Deutschland in der Minderheit. Die Über-60-Jährigen bestimmen eben, wo es lang geht. Das ist im Fernsehen auch so.

Das Interview führte Claudia Bleibaum für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Stream Wars | 13. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 12:44 Uhr

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