Streitkultur Meinungsfreiheit heißt, Widersprüche auszuhalten

Der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis plädiert dafür, beim Streiten auch die Meinung des Gegenübers zu akzeptieren. Darüber hinaus bemängelt er die Folgen, die soziale Medien auf die Streitkultur haben – sie führen zu Enthemmung und realem Hass.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen! Drei Affen mit den entsprechenden Gestiken
Zum richtigen Streiten gehört auch zuhören und andere Meinungen zu akzeptieren. Bildrechte: imago/bonn-sequenz

MDR KULTUR: Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Tätigkeit als Hochschuldozent gemacht, wenn wir über das Aushalten von Meinungen reden, die nicht der eigenen entsprechen?

Eric Wallis: Dass es natürlich erstmal unangenehm ist, wenn jemand mit einer anderen Meinung reinkommt. Dass darin aber auch eine Chance liegt. Bei mir kam ja die sogenannte "Identitäre Bewegung" in eine Vorlesung, als ich über neurechte Sprachstrategien gesprochen habe. Sie haben die Vorlesung gestört und wollten sozusagen einen "Rauswurf" inszenieren. Und den Gefallen, den wollte ich ihnen nicht tun. Sie hatten Banner mit, da stand drauf "Man darf seine Meinung nicht mehr sagen" – und ich habe sie dann eingeladen, die Meinung zu sagen. Und dann sind sie aber abgezogen.

Umgekehrt gab es auch ähnliche Vorfälle wenn linke Studenten Vorlesungen und Reden im Fall Lucke, Christian Lindner oder Thomas de Maizière gestört haben. Es scheint, dass konservative Politiker und Meinungen sich solchen Vorgängen aus dem linken Lager öfter ausgesetzt sehen als umgekehrt. Sehen sie das auch so oder anders?

Der erste Punkt bei der Sache ist: es geht ja nicht um Zahlen. Wenn ich jetzt anfangen würde für die linke Seite zu suchen und Sie für die rechte Seite – am Ende haben wir kein Argument. Dann bleibt man in diesem kindlichen Schema: Du auch, du auch, du auch – darum geht es nicht!

Der Kommunikationswissenschaftler Eric Wallis
Eric Wallis untersucht die Wirkung von Sprache in der Debattenkultur. Bildrechte: Eric Wallis/Johannes Buldmann

Der eigentliche Punkt ist, dass Leute, wenn sie gewaltsam stören, wenn sie jemanden niederbrüllen – damit schließen sie sich am Ende zum Teil auch selbst aus dem Diskurs aus. Natürlich dürfen Leute erstmal schreien und auch wütend sein über etwas. Aber der nächste Schritt ist in der Regel, dass man miteinander redet. Wer da nicht mitmacht, der schließt sich auch für die gesamte Öffentlichkeit eigentlich aus. Meinungsfreiheit: die Betonung liegt auf "Freiheit". Und "Freiheit" heißt eben "für alle".

Meinungsfreiheit heißt also auch, man muss in Debatten nicht nur das gesamte politische Meinungsspektrum abbilden, sondern auch zuhören. Hakt es da, wenn wir uns zum Beispiel Bundestagsdebatten anschauen oder TV-Talkshows? Will man dem politischen Gegner per se schon gar nicht mehr zuhören?

Ich glaube, gerade wenn man sich den Bundestag anguckt, dort ist es ja ziemlich professionell. Man fetzt sich da auf der Bühne. Oder auch die Talkshows, da wird sich schön gefetzt und kein gutes Haar am anderen gelassen – und danach stehen sie dann doch am Stehtisch und trinken Sprudelwasser miteinander. Und schütteln sich die Hände – "hast du ja ganz gut gekontert". Da gibt es eine Professionalität auf dieser Ebene der Meinungsfreiheit. Da behandelt man das auch als eine Art Schauspiel, als eine Art Spiel. Und das fehlt dem normalen Bürger. Wir "Normalos", wir fetzen uns jetzt in den sozialen Medien. Und das Problem ist, dass wir diese Kompetenz gar nicht mitbringen, weil wir das nicht so gelernt haben, wie die Politikerinnen und Politiker. Wir hassen uns dann wirklich.

Zur Person Eric Wallis Dr. Eric Wallis bloggt in den sozialen Medien über die Wirkung der Sprache in der Politik. In seiner Doktorarbeit forschte er zur Wirksamkeit von Sprache und Framing in politischen Kampagnen. Er leitete bis 2018 das RAA-Regionalzentrum für demokratische Kultur gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Vorpommern-Greifswald und aktuell für Greenpeace. Er studierte in Greifswald und Göteborg Germanistik, Kommunikation und Psychologie.

Sollten wir spielerischer umgehen im Meinungsstreit? Also unsere eigenen Positionen gar nicht mal so sehr ernst nehmen?

Ja, ich würde das schon sagen! Das hat nichts mit "nichts ernst nehmen" zu tun. Das hat was damit zu tun, sich auch auf die Perspektive des anderen einzulassen. Nehmen wir das Thema AfD. Wenn gesagt wird "Ich bin gegen Ausländer". Nimmt man sich dann die Zeit zu fragen: " Warum bist du dagegen?" – dann stößt man relativ häufig auf Ängste – Abstiegsängste. Und zu dem Punkt kommt man nicht, wenn man sagt, ich rede nicht mit denen. Aber zu dem Punkt müsste man kommen, um etwas zu ändern an dem eigentlichen Problem.

Muss Meinungsfreiheit heute andere Widersprüche und auch mehr andere Meinungen aushalten als vielleicht noch vor zehn oder zwanzig Jahren?

Das glaube ich nicht. Das hört sich so an, als hätte sich etwas verschlechtert. Das ist aber nicht so. Wir haben jetzt eigentlich eine große Chance. Wir haben die sozialen Medien – und auf einmal spüren wir, wir dürfen alle unsere Meinung sagen und alle sagen sie. Was wir aber gar nicht gelernt haben, ist, mit dem Widerspruch umzugehen. Dass die Meinungsfreiheit eben auch für alle anderen gilt. Und das ist eigentlich die Chance, die wir auch durch die sozialen Medien haben, das zu lernen. Was wir allerdings machen – und das ist ein bisschen dumm – wir blocken dort dann die Leute weg.

Und das Problem damit ist: Sie haben zum Beispiel im Haus neben sich jemand, der eine komplett andere politische Ausrichtung hat als sie – den können Sie nicht einfach wegblocken. Der soll trotzdem ihre Pakete annehmen. Und im Zwischenmenschlichen verhalten sich die Leute anders als in den sozialen Medien. Und da fehlt uns einfach noch Kultur. Diese Chance haben wir noch gar nicht ergriffen. Wir haben natürlich viel mehr Meinungen, aber wir haben nicht mehr Widerspruch. Der Widerspruch, der der Meinungsanzahl heute angemessen ist. Jede Meinung gebiert Widerspruch.

Wie sollten Auseinandersetzungen um heikle, strittige oder konfliktbeladene Themen geführt werden?

Der erste Schritt ist, wenn man ein bisschen spielerischer herangeht. Und das bedeutet erstmal akzeptieren, dass der andere aus einer anderen Perspektive guckt. Wir sind auch sprachlich unterschiedlich sozialisiert. Und wenn ich das voraussetze, dann geht schon ganz viel Druck bei mir weg. Dann muss ich nämlich gar nicht Recht haben. Dann ist eine andere Meinung, ein Angebot zur Orientierung.

Stellen Sie sich vor, wir beide: wenn die Chemie nicht stimmt, dann kann ich hundert Mal sagen: "Guck doch mal, ich möchte dich überzeugen." Irgendwann ist es der Zehnte, der kommt und der findet einfach die richtigen Worte und dann ändert man seine Einstellung. Und diese Chancen müssen wir uns geben. Ich würde nicht sagen, dass wir auf dem Weg dorthin alle anderen wegblocken müssen. Sondern ganz im Gegenteil: Wir sollten froh sein, wenn die weiterhin unsere Pakete annehmen!

Das Gespräch für MDR KULTUR führte Ilka Hein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2019 | 18:10 Uhr

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