Fronleichnam (Hochfest des Leibes und Blutes Christi) nach dem Pontifikalamt im Dom erfolgt die Prozession gemeinsam mit der St. Lamberti Pfarrgemeinde durch die Innenstadt von Münster
Verbindungsstudenten bei einer Prozession Bildrechte: IMAGO

Von Damenverbindungen und Burschenschaften Warum geht man in eine Studentenverbindung?

Es war ein spezielles Bild, das sich vor ein paar Wochen in Coburg zeigte: Männer mit Mützen und Bändern bei einem Fackelzug, untermalt von den Buhrufen ihrer Kritiker. Beim Coburger Convent trafen sich zwei Dachverbände von Studentenverbindungen aus ganz Deutschland. Obwohl es zu DDR-Zeiten keine gab, existieren Burschenschaften heute wieder in Mitteldeutschland. Was treibt sie an? Dieser Frage ist MDR KULTUR-Reporterin Christine Reißing in Halle nachgegangen.

Fronleichnam (Hochfest des Leibes und Blutes Christi) nach dem Pontifikalamt im Dom erfolgt die Prozession gemeinsam mit der St. Lamberti Pfarrgemeinde durch die Innenstadt von Münster
Verbindungsstudenten bei einer Prozession Bildrechte: IMAGO

Josef Längle steht in der Bar des VDSt-Hauses in Halle. VDSt, das steht für "Verein Deutscher Studenten". Die Wände sind mit Holz verkleidet, darüber hängen Fotos der sogenannten "alten Herren". Erkannt haben die sich schon am "Zipf", einer Art Schlüsselanhänger. Auf dem von Josef Längle steht "nobis est propositum, in taberna mori". "Latein natürlich", sagt Längle, "ist auch traditionalistisch so ein bisschen. War ja Akademikersprache, Latein. Der Spruch ist ein bisschen blöd." Auf Deutsch heißt das "Es ist uns vorausbestimmt, in der Kneipe zu sterben." - "Also quasi nach dem Motto: Irgendwann sitzen wir hier mal ganz alt und fallen einfach vom Hocker", so Längle. Saufen auf Latein also - dieses Motto bestätigt das Klischee der Alkoholexzesse.

Das gesamte politische Spektrum

Zudem wird Studentenverbindungen oft eine politische Tendenz nach rechts vorgeworfen. Jura-Student Ken Hulinsky kennt das. Wie Josef Längle hat auch er eine Bleibe gesucht - und ist darüber zur Verbindung gekommen, die in ihrem Haus auch Zimmer vermietet.

Einmal habe er eine seiner Lehrerinnen getroffen, sagt Ken Hulinsky, der er offen von der Verbindung erzählt habe:  "Und sie war dann total negativ und wollte sich auch gar nicht auf eine Diskussion einlassen." Er habe dann versucht, es ihr zu erklären, "bis sie es dann endlich verstanden hat, dass es halt nichts Böses ist. Und dass wir um Gottes Willen kein viertes Reich oder sowas wollen."

Trotzdem sind das Wappen und die "Zipfe" des VDSt in den Reichsfarben gehalten: Schwarz-Weiß-Rot. Das rühre aber allein von der Tradition her, beteuert Josef Längle. Inhaltlich bilde die Verbindung das gesamte politische Spektrum des Bundestags ab. Ein Mitglied sei sogar in der Linkspartei:

Wir beschäftigen uns mit deutscher Geschichte sehr viel und versuchen das Ganze, was unsere Verbindung prägt - aber auch, was auch uns prägt - den neuen Generationen weiterzugeben. Natürlich auch zu hinterfragen, kritisch zu hinterfragen.

Josef Längle, Verein Deutscher Studenten

Aber das Wissen, das Liedgut, Traditionen und Brauchtum dürften nicht verlorengehen, findet Längle. Denn in Halle, erzählt der Kommunikationsstudent, wurde neben dem Studentenlied-Klassiker "Gaudeamus Igitur" auch "Im Krug zum Grünen Kranze" gedichtet - in gleichnamiger Kneipe.

Frauen werden nicht aufgenommen

Anders als die meisten der rund zehn Verbindungen in Halle schlägt der VDSt allerdings nicht, sondern will politisch bilden, erzählt Josef Längle. Der ATV Gothia hingegen ist ein Turnverein. Und nimmt als einzige Verbindung der Stadt Frauen auf. Für Lukas Wanke vom Studierendenrat der Uni Halle sind fehlende Frauen in Verbindungen ein Aufreger:

Der VDSt kann offen sein, wie er will: Wenn er keine Frauen aufnimmt, dann ist da eine sexistische Message dahinter. Und das ist natürlich zu kritisieren.

Lukas Wanke, Studierendenrat der Uni Halle

Bis 2011 gab es in Halle auch mal eine reine Frauenverbindung. Der Verein Deutscher Studenten unterstütze das zwar, sagt Josef Längle. Nur selbst Frauen aufnehmen, das gehe gar nicht. Vielleicht fehle der Wille, das gibt er zu. Und vergleicht die Lage mit einer Verfassungsänderung: In seiner Organisation würden alle Entscheidungen basisdemokratisch gefällt. In einem so "drastischen Fall" wie beim Thema Aufnahme von Frauen müssten mindestens zwei Drittel bis drei Viertel zustimmen. Die Entscheidung müsse deutschlandweit getroffen werden, "weil aktuell in unseren Satzungen es eben so drinsteht, dass wir ein Männerbund sind", so Längle.

Schwarz-rot-weiße Vergangenheit

Und der nimmt Männer auf, auch mit Migrationshintergrund. Doch die schwarz-rot-weiße Vergangenheit schwebt über allem. Eindeutig rechtsextrem nennt Lukas Wanke vom Stura die Burschenschaft Halle-Leobener Germania, die mit der Identitären Bewegung verbunden ist. Alle anderen seien nur konservativ: "Zum Beispiel das Corps Guestphalia Halle gehört jetzt zu den Corps - das ist ein anderer Dachverband. Ist jetzt nicht irgendwie politisch offen rechts eingestellt, aber sagt zum Beispiel auch selbst von sich: Okay, wir sind tendenziell die Elite."

Und diesen Elitegedanken hält zumindest der Stura für problematisch – denn damit stelle man sich über andere. Diese Ansicht entspricht womöglich auch der Mehrheit der Studenten in der Stadt: Von den ehemals rund 40 Verbindungen in Halle gibt es die meisten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juli 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2018, 09:02 Uhr