Uraufführung in Dresden "Stummes Land" – zu einfache Erklärversuche für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

"Stummes Land" von dem aus Gera stammenden Dramatiker Thomas Freyer ist ein Auftragswerk des Staatsschauspiels Dresden. Der Autor macht sich darin auf die Suche nach den Gründen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit – vor allem im Osten. Matthias Schmidt war für MDR KULTUR als Kritiker vor Ort. Die Erklärungen, die die Inszenierung liefert, haben ihn jedoch nicht überzeugt.

Stummes Land am Staatsschauspiel Dresden
"Stummes Land" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

"Stummes Land" von dem aus Gera stammenden Dramatiker Thomas Freyer feierte Uraufführung am Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels. Inszeniert hat das Stück Tilmann Köhler, lange Jahre Hausregisseur in Dresden, sehr erfolgreich und inzwischen in Frankfurt, Düsseldorf und Basel tätig. Es ist auch nicht seine erste Arbeit mit dem Autor Thomas Freyer, das ist sozusagen ein Dresdner Team.

Intimer Aufführungsrahmen

Die Aufführung findet im Kleinen Haus zwei statt, was momentan bedeutet, es wird auf der Bühne gespielt, sehr klein, sehr intim. Die Zuschauer sitzen auf vier Tribünen um die quadratische Spielfläche herum. Darauf ein Tisch und vier Hocker – und vier Schauspieler, die im ersten Akt eine Art Klassentreffen spielen. Also, man sieht sich nach vielen Jahren wieder, macht ein bisschen Smalltalk, erzählt ein paar Anekdoten, trinkt etwas und dann schaukelt sich die Stimmung auf. Ein bisschen wie in Thomas Vinterbergs Film "Das Fest", wo es ja im Verlauf zu bösen Offenbarungen kommt. Und so ist es auch bei diesem Treffen.

Stummes Land am Staatsschauspiel Dresden
Ein Klassentreffen ist Angelpunkt der Handlung Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Wirkt sehr pädagogisch

Alle vier beichten irgendwann, dass sie rassistische Gedanken haben – mehr oder weniger, und jeder geht anders damit um – aber letztlich wird dem Publikum mitgeteilt, "Wir sind alle Rassisten, wir haben es von unseren Vätern gelernt." Da scheint die These schon auf, erklärt wird sie erst später.

Aber schon diese Szene fand ich artifiziell, "aufgesagt" und regelrecht weltfremd. Anfangs wirkt sie wie ein genialer Einfall – man hofft, jetzt käme das wirkliche Leben mit seinen Nuancen und seinen Meinungsverschiedenheiten auf die Bühne, nur eben künstlerisch verdichtet – aber nein. Selbst wenn man einen Corona-Abstands-Bonus anerkennt, diese vier Menschen wirken nicht wie ein kleines Klassentreffen, sondern wie eine Therapiegruppe bei einer Aufstellung.

Stummes Land am Staatsschauspiel Dresden
Auf dem Bild: Benjamin Pauquet, Karina Plachetka, Fanny Staffa, Oliver Simon Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

So ist es leider auch inszeniert. Ein paar Hocker werden hin- und hergerückt, ein paar bedeutende Blicke ins Publikum geworfen, und am Ende fällt etwas vom Himmel, das wie eine in Folie gewickelte Leiche aussieht. Jetzt kommen also mit den bösen Gedanken der Gegenwart die Verbrechen der Vergangenheit ans Licht. Das wirkt sehr pädagogisch, dabei hätte es eine bittere Komödie werden können, in diesen Zeiten, in denen Treffen dieser Art bei politischen Themen nicht selten derart eskalieren, dass man sich eine stumme Festtafel wünschte.

Ursachensuche

Zu den Gründen für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Osten hat Autor Thomas Freyer eine These, und die versteckt sich bereits ein bisschen im Titel "Stummes Land". Sie wird im mittleren Teil des Stückes geliefert: es sind die Lügen und Legenden, auf denen die DDR fußte. Im Mythos vom antifaschistischen Deutschland, in dem die Väter und die Mütter schwiegen. Deshalb "Stummes Land", weil keiner die Wahrheit ausspricht.

Das ist ganz famoses Recherchetheater. Ob der 17.Juni 1953 oder die große Buchenwald-Lüge von den tapferen Kommunisten, die einen kleinen Jungen retten ("Nackt unter Wölfen"), ob die Verstrickungen der Moskauer Exil-Kommunisten in die stalinistischen Verbrechen, die Auseinandersetzungen von Einheimischen mit algerischen Arbeitern im Erfurt der 70er-Jahre, auch die raffinierten Methoden, mit denen die junge Stasi sich an Altnazis heranwanzte – das ist ein kraftvoller Gang durch die Schattenseiten des antifaschistischen deutschen Staates – denn natürlich war die DDR das vor allem auf dem Propaganda-Papier. Das Stück suggeriert, dass hier die Gründe zu finden sind.

Nicht überzeugend

Aber das war nicht überzeugend. Ich verknüpfe das mal mit dem dritten Teil des Stückes, der besteht aus einem nicht enden wollenden Textblock aus wuchtigen Sätzen, die stilistisch aus dem Heiner-Müller-Universum stammen könnten.

Inhaltlich nimmt er es mit den Thomas Bernhardschen Heimatvernichtungen auf. Eine zum Verlieben schön geschriebene Hasstirade auf das deutsche Land mit seinen Rotkohl-und-Klöße-Essern, unter deren Betten die bösen Geister der dunklen Jahre auf ihren Einsatz an den Flüchtlingsheimen warten. Auf das an Rüstung und Waffen verdienende, die Welt ausbeutende, kapitalistische Land mit seiner Fremdenfeindlichkeit und seinem Nationalismus. In diesem Text bekommt jeder sein Fett weg. Jeder, der als Konsument an diesem Land teilnimmt, der ein Konto hat, der Karriere macht. Ein Rundumschlag, so wie eine dieser Heimatvernichtungen von Thomas Bernhard. Nur nicht so gut. Kein "Heldenplatz", sondern ein Heldenplätzchen. Mal abgesehen davon, dass ich mich wirklich frage, was für ein Bild von diesem Land dahintersteckt.

Stummes Land am Staatsschauspiel Dresden
Uraufführung A und B fanden am 25. bzw. 26. September 2020 statt Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Keine überzeugende Erklärungen für Fremdenfeindlichkeit

"Stummes Land" wirkt ein wenig, als sei es geschrieben, um Hunde zu treffen und zum Bellen zu zwingen. Das ist natürlich nicht falsch, das soll das Theater ja tun. Thomas Freyer prangert zu Recht Rassismus und Fremdenfeindlichkeit an, und aus gutem Grund macht er sich auf die Suche nach deren Gründen. Die kämpferische Kausalität aber, mit der er ableitet, dass man mit der verlogenen DDR-Geschichte die heute vor allem im Osten wachsende Fremdenfeindlichkeit erklären kann, finde ich, vorsichtig gesagt, nicht überzeugend.

Dieser Teil des Abends ist zwar viel besser inszeniert – es gibt schnelle Kostüm- und Rollenwechsel, im Vergleich zum ersten Teil wirkt das lebhaft, greifbar, sogar ergreifend, aber für mich bleibt die daraus abgeleitete These sehr fragwürdig. Ich finde, sie pauschaliert und tappt damit in dieselbe Falle, in die Christian Pfeiffer Ende der 90er mit seinen Mutmaßungen über die Rolle der Kindergärten bei der "Naziwerdung des Ossis" ging. Als gäbe es nur eine Haltung und dafür wiederrum nur einen Grund.

Zudem sucht das Stück die Gründe ausschließlich in der Vergangenheit. So einfach ist es sicher nicht, und das sage ich als einer, der am sozialistischen Kindergarten wirklich gelitten hat und dennoch zu den vielen gehört, die mit anständigen Werkseinstellungen der Bundesrepublik beigetreten sind. Mich hat "Stummes Land" weder gut unterhalten noch inhaltlich überzeugt.

Das Stück "Stummes Land" von Thomas Freyer

Regie: Tilmann Köhler

Aufführungen:
26. September
2., 11. und 24.Oktober
Kleines Haus 2 des Staatsschauspiels Dresden

Dauer der Aufführung: zwei Stunden (ohne Pause)

Weitere Theateraufführungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 12:15 Uhr