Hände liegen aufeinander
Kinder erhalten von ihren Eltern auch ein unbewusstes Erbe Bildrechte: Colourbox.de

Sachbuch "Wie kommt der Krieg ins Kind" - Wenn die Mutter ihre Lebenslast vererbt

Susanne Fritz beschreibt in ihrem Buch nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, die als Heranwachsende in ein polnisches Arbeitslager kam. Sie nähert sich auch den Auswirkungen, die das auf ihr eigenes Leben hatte. Obwohl das Buch kein Roman ist, stand es auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Unsere Kritikerin empfiehlt dieses berührende und kluge Buch.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Hände liegen aufeinander
Kinder erhalten von ihren Eltern auch ein unbewusstes Erbe Bildrechte: Colourbox.de

Die Mutter der Autorin Susanne Fritz wird 14-jährig in einem polnischen Arbeitslager gefangen gehalten. Fünf Jahre zuvor hatte sie beim Überfall der Deutschen auf Polen ein Formular unterschrieben, dass sie Deutsche sei. Sie tat es, weil auch ihre Eltern es taten, vermutlich um sich vor Repressalien der Besatzer zu schützen. Dabei lebt die Familie seit langem in Polen, einem Land, das im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder neu verteilt wird und wo sich nationale Identitäten kaum eindeutig zuordnen lassen.

Nun, nach der Kapitulation Deutschlands wird dem Mädchen dieses Formular zum Verhängnis. Vier Jahre wird sie als Zwangsarbeiterin inhaftiert, bevor sie entlassen wird, in den Schwarzwald zieht und selbst eine Familie gründet.

Schwierige Offenbarungen

Susanne Fritz, Wie kommt der Krieg ins Kind
Susanne Fritz erzählt ihre Familiengeschichte Bildrechte: Wallstein Verlag

1964, nach drei Söhnen, kommt dort Susanne Fritz zur Welt. Sie ist jedoch erst nach dem Tod ihrer Mutter in der Lage, sich auf Spurensuche zu begeben. Mit ihrem Buch "Wie kommt der Krieg ins Kind" legt sie Zeugnis ab über eine schmerzhafte Beziehung und die Ambivalenz des Schreibens über diese Beziehung.

Sie sagt dazu "Sie wollte nicht, dass ich über sie schreibe. Sie wollte überhaupt nicht, dass ich schreibe. Mit jedem Wort, dass ich über sie verliere, das aus dem schützenden Familienkreis nach draußen, in die Öffentlichkeit gelangt, verletze ich ein für sie überlebenswichtiges Tabu. Doch wie kann ich erzählen, ohne ihre Erfahrungen mit zu erzählen, ging ihre Welt doch meiner voraus, schreibe ich doch in meiner Muttersprache, also in ihrer? Sobald ich von mir spreche, spreche ich nicht unvermeidlich auch von ihr? Ihr Verbot zu beherzigen hieße, auch mich selbst aus meiner Erzählung verbannen."

Vererbte Last

Es ist die große Kraft dieses Buches, dass Susanne Fritz es nicht dabei belässt, die Biografie ihrer Mutter und derer Vorfahren nachzuzeichnen, sondern immer zu sich selbst zurückkehrt. Denn der Titel "Wie kommt der Krieg ins Kind" verweist nicht nur auf die Mutter und das Grauen, das ihr als Kind im Krieg und danach im Arbeitslager wiederfahren ist. Er verweist auch auf die Autorin selbst, die die traumatischen Folgen mitträgt, die erlebt, wie ihre Mutter sich in ihr spiegelt.

Das Buch muss auch als Versuch gelesen werden, durch die Aufzeichnung der Familiengeschichte den eigenen Schmerz zu bewältigen, den sie erfährt, als sie in die Pubertät kommt. Das Alter also, in dem ihre Mutter inhaftiert und mutmaßlich missbraucht wurde.

Ihre Kommentare wurden verletzend, verstörend, beschämend, ihr Blick hart, unmöglich, ihr standzuhalten. Sie flößte mir Angst ein. Als hielte sie Abschreckung für den einzigen Weg, um Schlimmeres von mir fernzuhalten: Männer - ihr großes, unaussprechliches Entsetzen.

Susanne Fritz in "Wie kommt der Krieg ins Kind"

Die Aufzeichnung der Familiengeschichte offenbart, dass die Großeltern von Susanne Fritz keine Helden waren, sich mit den Nationalsozialisten arrangiert hatten, ihnen sogar dienten. Und so müssen ihre Kinder eine Schuld einlösen, die sie von den Eltern geerbt haben.

Für den Rest ihres Lebens sind sie von diesem Erbe geprägt und geben diese Prägung an die eigenen Kinder weiter. Ein Vorgang, der sich, so suggeriert es die Autorin, vor allem unbewusst und ohne böse Absicht vollzieht. Susanne Fritz zeigt mit ihrem berührenden und klugen Buch, wie tief sich Verletzungen unserer Eltern und Großeltern in unsere Gene und Seelen einschreiben und wie naiv der Reflex ist, einen Schlussstrich ziehen zu wollen unter die Kapitel deutscher Geschichte, die uns nicht genehm sind. Auch deshalb ist "Wie kommt der Krieg ins Kind" ein wichtiges Buch.

Angaben zum Buch Susanne Fritz: "Wie kommt der Krieg ins Kind"
264 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3-8353-3244-7
Wallstein Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. November 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2018, 04:00 Uhr

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