Ein lächelnde Frau, Jahrgang 1958
Susanne Schötz ist Mitherausgeberin der wissenschaftlichen Reihen "Dresdner Beiträge zur Geschlechterforschung in Geschichte, Kultur und Literatur". Bildrechte: MDR/Simon Bernard

Sozialhistorikerin im Gespräch 100 Jahre Frauenwahlrecht: Themen von 1919 sind noch aktuell

Am 19. Januar 1919 fand die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt – mit der Beteiligung von Frauen. Aus diesem Anlass war die Sozialhistorikerin Susanne Schötz zu Gast bei MDR KULTUR und hat erklärt, wie es um die Gleichberechtigung in der Politik, geschlechtergerechte Sprache und gleiche Löhne für Männer und Frauen derzeit bestellt ist.

Ein lächelnde Frau, Jahrgang 1958
Susanne Schötz ist Mitherausgeberin der wissenschaftlichen Reihen "Dresdner Beiträge zur Geschlechterforschung in Geschichte, Kultur und Literatur". Bildrechte: MDR/Simon Bernard

1919 wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht erstritten. Die Weimarer Nationalversammlung schaffte es schließlich auf neun Prozent Parlamentarierinnen – im Bundestag sind es heute etwas mehr als 30 Prozent. "Von null auf 30 ist doch schon ganz viel in 100 Jahren, wenn sie bedenken, dass es viele Jahrhunderte gar keine Partizipationsrechte für Frauen gab", sagt Susanne Schötz. Die Professorin ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin am Institut für Geschichte der TU Dresden.

Frauen müssen laut Susanne Schötz weiter dazu motiviert werden, sich in die Politik zu wagen. Die Sozialhistorikerin kennt auch zahlreiche Probleme in Sachen Gleichberechtigung, wie den sogenannten Gender Pay Gap, den Lohnunterschied zwischen Mann und Frau, der in Deutschland bei 22 Prozent liege. Zudem sei Altersarmut vor allem weiblich.

Da ist ja grade Herr Schäuble mit großem Beifall bedacht worden.

Susanne Schötz

Beim Thema Arbeitsteilung in der Familie kommt Susanne Schötz auf den Bundestagspräsidenten zu sprechen. Wolfgang Schäuble hatte Männer zu mehr Hausarbeit ermahnt und damit für Aufsehen gesorgt. "Wie Paare ihre Arbeit aufteilen, ist ihre Sache, aber sie sollten sie aufteilen", findet Susanne Schötz, die selbst verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern ist.

Paritätische Wahllisten für eine ausgeglichene Besetzung des Bundestages mit beiden Geschlechtern sind umstritten. Susanne Schötz befürwortet die Idee. Das Weiterkommen von Frauen würde zu oft von schlechteren Nominierungsplätzen auf Wahllisten abhängen. Noch düsterer sehe die Situation auf Kreis- und Kommunalebene aus.

100 Jahre Frauenbewegung

Am 19. Februar 1919 tritt mit Marie Juchacz die erste Frau ans Rednerpult der deutschen Nationalversammlung im Weimarer Nationaltheater. Viele der Themen von damals seien auch heute noch aktuell, sagt Susanne Schötz.

Das macht das eigentlich Spannende der Auseinandersetzung mit diesem Gegenstand aus, überhaupt mit Frauen und Geschlechtergeschichte, dass vieles, was vor 100 Jahren oder 150 Jahren oder maximal 200 Jahren gefordert wurde, immer noch sehr aktuell ist. Wir sind weit vorangekommen, aber wir sind noch lange nicht am Ende des Ziels der tatsächlichen Gleichberechtigung.

Susanne Schötz

Mit dem Erstarken der Frauenbewegung international ab den 1890er-Jahren hat sich auch eine Gegenbewegung etabliert. Unter den Gegnern waren dabei nicht nur Männer. Susanne Schötz erinnert daran, dass bei der Einführung des Frauenwahlrechts eine Mehrheit dieses ablehnte – auch unter den Frauen.

Mehr Gleichberechtigung in der DDR?

In der DDR haben 93 Prozent der Frauen gearbeitet, in Westdeutschland waren es etwa 50 Prozent. Susanne Schötz findet es zu einfach, den höheren Anteil im Osten nur auf die wirtschaftliche Notwendigkeit dort zurückzuführen. Sie erinnert an Schriften wie August Bebels "Die Frau und der Sozialismus" und an den hohen Stellenwert des Gleichberechtigungsgedankens unter Sozialisten. Aber nicht immer passen Ideal und Wirklichkeit zusammen. So wurde die DDR vor allem von Männern geführt.

Die Situation an der TU Dresden

An der TU Dresden, an der Susanne Schötz lehrt, gibt es keinen eigenen Studiengang Geschlechterforschung. Stattdessen gibt es einen interdisziplinären Verbund, der sich darum bemüht, in den verschiedenen Fächern die Kategorie Geschlecht mitzubehandeln und für geschlechtergerechte Sprache.

Ich würde nicht pausenlos darüber streiten, ob ich ein Sternchen mache oder einen Querstrich oder das große oder kleine 'i'. Darum geht es eigentlich nicht sondern um das Bewusstsein, dass man mit der männlichen Form allein nicht alles abdeckt.

Susanne Schötz

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2019 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2019, 17:17 Uhr

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