Manni Laudenbach (Oskar) und Lise Davidsen (Elisabeth)
Szene aus Tannhäuser: Manni Laudenbach (Oskar) und Lise Davidsen (Elisabeth) Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Opernkritik "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen: Selten so gelacht!

Bei Rekordtemperaturen wurden die Bayreuther Festspiele 2019 am 25. Juli mit dem "Tannhäuser" eröffnet. 2.000 Menschen zwängten sich in festlicher Abendrobe in ein nicht-klimatisiertes Opernhaus, während das Wetter auf dem Grünen Hügel ordentlich einheizte. Auch den Promis lief der Schweiß: Frau Merkel und Monika Grütters, Markus Söder, Herzog Franz von Bayern, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, selbst Rosi Mittermeier-Neureuther und Christian Neureuther. MDR KULTUR-Opernredakteurin Bettina Volksdorf hat die Inszenierung gesehen und war begeistert.

Manni Laudenbach (Oskar) und Lise Davidsen (Elisabeth)
Szene aus Tannhäuser: Manni Laudenbach (Oskar) und Lise Davidsen (Elisabeth) Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Stephen Gould (Tannhäuser), Elena Zhidkova (Venus) 10 min
Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Stephen Gould (Tannhäuser), Elena Zhidkova (Venus) 10 min
Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Eine gewisse Leidensfähigkeit muss man schon mitbringen, denn es ist heiß im nicht-klimatisierten Festspielhaus, die Reihen sind eng, die Sitze relativ hart. Doch es hat sich gelohnt: Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit dem "Tannhäuser" war eine der schlüssigsten, unterhaltsamsten, zugleich anrührendsten Wagner-Produktionen, die ich je gesehen habe. Das ist vor allem Tobias Kratzer sowie den Sängerinnen und Sängern zu verdanken, weniger dem Dirigenten Valery Gergiev! Doch der Reihe nach.

Noch nie wurde bei einer Wagner-Oper so viel gelacht

Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach (Oskar), Stephen Gould (Tannhäuser) und Ekaterina Gubanova (Venus)
Szene aus Tannhäuser: Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach (Oskar), Stephen Gould (Tannhäuser) und Ekaterina Gubanova (Venus) Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Tobias Kratzer avancierte in den letzten Jahren zu einem der gefragtesten Regisseure. An der Oper Halle z.B. hat er vor kurzem Mozarts "Bastien & Bastienne" als erotisch-aufgeladenen Video-Chat mit jungen Leuten so in Szene gesetzt, dass das Jugendamt die Aufführung (mit wenigen, von ihm genehmigten Veränderungen) als Schüler-Aufführung empfahl!

Nun sein Debüt auf dem Grünen Hügel mit Wagners "Tannhäuser". Das ist die Oper, mit welcher der Komponist bis zu seinem Lebensende haderte. Kratzer hat aus den sagenhaften Figuren Menschen gemacht und erzählt deren Geschichte bildstark: mit den Mitteln des Theaters sowie mit Film- und Video-Elementen, vor allem aber mit einem Augenzwinkern. Ich hab noch nie erlebt, dass bei einer Wagner-Oper so viel gelacht wurde!

Mal ist der Sänger Tannhäuser eine große Nummer auf dem Grünen Hügel, hat sich dann aber offenbar frustriert aus dem gegenwärtigen Kunstbetrieb verabschiedet und eine neue Existenz, respektive Familie gefunden. Der gehören der kleinwüchsige Oskar, die DragQueen Le Gateau Chocolat, Tannhäuser als im Kern tieftrauriger Clown sowie Frau Venus als blondes Gift im schicken, dunkelgrünen Glitzerfummel an. Frau Venus ist Verführerin und Anarcho-Braut in einem, fährt mit ihrem Lieferwagen nicht nur Absperrzäune, sondern auch Menschen um oder stürmt im zweiten Akt das Festspielhaus, um einen Spruch Wagners aus dessen revolutionär-aufgeladener Zeit am Festspielhaus Balkon anzubringen: "Frei im Tun. Frei im Wollen. Frei im Genießen."

Frei im Tun. Frei im Wollen. Frei im Genießen.

Szene aus der Inszenierung
Szene aus Tannhäuser: Venus bringt den Spruch Wagners am Festspielhaus an: "Frei im Tun. Frei im Wollen. Frei im Genießen." Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagners Statement aus den späten 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts 2019 angebracht am Balkon des Festspielhauses, wo laut Richard Wagner alles nur der Kunst gilt, ruft in der Inszenierung pikanterweise ein Großaufgebot der Bayreuther Polizei auf den Plan, wobei die Polizisten im Videoclip kurz darauf auch auf die Bühne stürmen, um Tannhäuser festzunehmen. Kratzers Neu-Interpretation bietet so viele Anspielungen, auch Ambivalenzen, da werden Bühnenrealität und Video-Clips überblendet bzw. miteinander verschränkt, Figuren neu gedeutet. Das ist klug, vielschichtig, sensibel gedacht und sehr musikalisch umgesetzt von Kratzers langjährigem Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier und dem Video-Künstler Manuel Braun.

Nur noch ein Beispiel: Allein die Figur der (heiligen) Elisabeth als selbstbewusste, junge Frau zu zeigen, die diesen Typen Tannhäuser wirklich liebt, sich aus Liebeskummer sogar geritzt hat. Doch wenn sie am Ende – wenn jede Hoffnung auf ein Zusammensein für sie gestorben ist – mit Wolfram schläft, dem Mann, der immer da ist, um sie zu trösten, den sie aber im Grunde nicht will – wie Kratzer diese verletzten und verletzlichen Menschen zeigt, das ist große Kunst und hat mich tief berührt.

Ein Novum: Ein Teil der Inszenierung spielte draußen

Die Öffnung in die Stadt hinein war Tobias Kratzer wichtig, und ist auch ein Anliegen von Katharina Wagner. Die Performance von Le Gateau Chocolat bzw. dem kleinwüchsigen Oskar und Venus am Teich ist ein wunderbar schräges Kontrastprogramm zur hehren Kunst im hohen Haus, obwohl Le Gateau Chocolat u.a. auch die Hallenarie der Elisabeth schmettert und zwar gar nicht schlecht.

Die Sänger machen Bayreuth zu etwas Einmaligem

Stephen Gould (Tannhäuser), Elena Zhidkova (Venus) und manni Laudenbach (Oskar)
Szene aus Tannhäuser: Stephen Gould (Tannhäuser), Elena Zhidkova (Venus) und manni Laudenbach (Oskar) Bildrechte: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Stephen Gould ist einer der erfahrensten und erfolgreichsten Wagner-Tenöre unserer Zeit und singt den Tannhäuser im Alter von Ende Fünfzig mit einer großen menschlich-darstellerischen Überzeugungskraft, da kann man schlicht den Hut ziehen.

Lise Davidsen als Elisabeth ist mit ihren 32 Jahren eine Generation darunter und eine Art Stimmwunder: So überzeugend, wie sie ihre Hallenarie schmettert, so mühelos, wie sie ihren voll-strömenden Sopran in höchste Höhen, über die problematische Mittellage bis in die Tiefe führt – ich war und bin begeistert, wenngleich ich kaum ein Wort verstanden habe, aber das wird noch! Denn wir haben es hier wirklich mit einer Ausnahmebegabung zu tun. Fast alle Sänger und Sängerinnen haben überzeugt. Erwähnen möchte ich unbedingt noch das Rollenportrait von Markus Eiche als Wolfram von Eschenbach und Elena Zhidkova, die kurzfristig als renitente Venus einsprang.

Der Dirigent hatte kein klares Konzept

Weniger beglückend das Bayreuth-Debüt von Valery Gergiev – aktuell Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Er hat meines Erachtens in dem akustisch so heiklen Orchestergraben einfach zu wenig an Details gearbeitet, weshalb es mehrfach zu Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben kam: Er scheiterte sozusagen an den spezifischen Anforderungen des Ortes und kassierte völlig zurecht kräftige Buhs. Das Bayreuther Festspielorchester schlug sich (zumal bei der Hitze) heldenhaft in dem versenkten und überdeckten Orchestergraben, während der Mann am Pult definitiv kein klares Konzept hatte.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Juli 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2019, 07:40 Uhr