Premiere "Toccata 20" – beeindruckender Tanzabend im Bauhaus Museum Dessau

Mit "Toccata 20" gab es in Dessau eine Uraufführung des Anhaltischen Theaters. Doch die Tänzerinnen und Tänzer der Dessauer Ensembles tanzten nicht im eigenen Haus, sondern im Bauhaus Museum, auf der Appia-Bühne aus dem Festspielhaus in Hellerau. Ein experimenteller, atmosphärischer Tanzabend – das Beste was momentan geht, meint MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling.

Szenenbild "Toccata 20"
Tanzen mit Abstand: "Toccata 20" im Bauhaus Museum Dessau Bildrechte: Claudia Heysel

Wer schon mal im neuen Bauhausmuseum in Dessau war, kennt die etwas eigenartige, räumliche Empfangssituation. Dieser mehr als turnhallengroße, fast leere Raum. In dem man sich als Besucher ein bisschen verloren vorkommt. Was für eine Verschwendung von umbautem Raum. Der wird nun auf sehr attraktive Weise genutzt: Die berühmte Bühne von Adolphe Appia, die der Schweizer Bühnenbildner Anfang des 20. Jahrhunderts für das Festspielhaus in Hellerau entwickelt hat und die dort vor drei Jahren rekonstruiert und neu genutzt wurde, die hat man jetzt nach Dessau umgesetzt. Bis Ende nächsten Jahres steht dieser universale Bühnenbaukasten nun hier im Erdgeschoß des Bauhausmuseums. Für die aktuelle Produktion des Dessauer Balletts bietet er eine attraktive und der Zeit angemessene, hygienetechnisch ideale Szenerie.

Historische Appia-Bühne, modern inszeniert

Diese Bühne besteht wie ein überdimensionaler Fröbelbaukasten aus einzelnen Grundelementen. Die sind im Hintergrund zu einer panoramaartigen, an einen Tempel oder eine Tribüne erinnernde Konstruktion aus Treppen und Ebenen zusammengebaut. Auf der aber nichts passieren wird. Die Zuschauer sitzen davor. Interaktiv und unbequem auf Bauhausinspirierten Hockern. Im Zentrum von vier weißen, rechteckigen, erhöhten Bühnen. Den Tanzflächen für die vier am Abend beteiligten Tänzer. Die können auf diese Weise den im frühen Lockdown von der zuständigen Berufsgenossenschaft diktierten sechs Meter Abstand locker einhalten. Das Publikum sitzt im bekannten 1,5-Meter-Abstand zueinander und kann sich auf seinem Sitz in der Runde drehen. Immer dorthin, wo gerade was passiert. Oder in schneller Rotation, wenn alle vier Bühnen auf einmal betanzt werden.  

Szenenbild "Toccata 20"
Der Bühnenbaukasten aus dem Festspielhaus in Hellerau wurde nach Dessau gebracht. Bildrechte: Claudia Heysel

Es wird live musiziert. Das Blech der Anhaltischen Philharmonie zeigt sich unter Leitung von Elisa Gogou in minimalistischer Höchstform. Spielt barocken Bach und Frescobaldi. Moderne mit Mahler, Saint-Saens, Wagner und Gegenwart mit Hubert Katzenbeier und Bernd Franke. Die vier Posaunen, jeweils eine Trompete und Tuba sowie ein Schlagwerker spielen aus dem Hintergrund. In sehr schönen, an der Moderne, mitunter dem Jazz orientierten Arrangements. Der übergroße Raum ist, auch dem Ort Bauhausmuseum angemessen, bespielt.

Fesselnder, atmosphärischer Tanz

Der Dessauer Ballettdirektors Stefano Giannetti hat aus der Not der Seuche eine tänzerische Tugend gemacht. Und bietet seinen Tänzern und Tänzerinnen die Möglichkeit, sich mal auf ganz eigene, um nicht zu sagen eigenartige, Weise solistisch ins beste Licht zu stellen. So wie sie probieren durften. Im relativ kleinen Dessauer Ballettsaal immer nur zu viert, sind sie jetzt auch auf der Bühne zu erleben. Es gibt zwei Besetzungen á vier Tänzer. Immer zwei Frauen, zwei Männer. Der Abend ist also in zwei individualisierten Varianten zu erleben. Gestern waren die Japanerin Moe Sasaki, die Spanierin Leonor-Maria Campillo, der Australier Fergus Adderley und Julio Miranda, der aus Paraguay stammt dran.

Szenenbild "Toccata 20"
"Schaltet das Licht auf Weiß, kommt Bewegung in die Körper." Bildrechte: Claudia Heysel

Zu einer barocken fanfarenartigen Auftrittsmusik betreten sie den Raum, suchen sich ihr Podest und eine erste Position der Erstarrung im blauen Licht. Schaltet das auf Weiß, kommt Bewegung in die Körper. Zunächst in aller äußeren Ruhe. Denn die Musik schweigt. Und jeder der vier bekommt die Möglichkeit zu einem ersten Solo. Das könnte man als experimentelles Körpererkunden beschreiben. Immer mal wieder von fast skulpturalen Unterbrechungen gestoppt. Irgendwann setzt ein begleitendes Soloinstrument ein, befeuert den Bewegungsablauf, führt ihn wieder auf Null und das blaue Licht zurück. Der oder die nächste ist dran.

Da sind sehr von der Individualität der jeweils Agierenden geprägte Momente. Und wenn sie sozusagen durch sind, mit ihrer ersten solistischen Nummer, beginnt das Ensemble kollektiv zu musizieren. Und auch die vier Tänzer bewegen sich zusammen. Sie tanzen ihr Solo jetzt im Prinzip noch einmal, alle zusammen, aber rückwärts, in den Ausgangspunkt. Atmosphärisch ist man da als Zuschauer schon mal eingefangen.

Ein abwechslungsreicher Abend

Szenenbild "Toccata 20"
Körperlich und ausdrucksstark: "Toccata 20" Bildrechte: Claudia Heysel

Choreograf Stefano Giannetti sorgt in dem insgesamt nur dreiviertelstündigen Abend für schnelle Abwechslung. Dem experimentellen Auftakt schickt er eine schöne, höfische Chaconne von Bach hinterher. Bei der die vier, sozusagen über die Köpfe des Publikum hinweg, räumlich getrennt miteinander tanzen. In der gedachten Diagonale. Dann wieder mal nur dem Nachbarn zugewandt, solistisch oder in chorischer Synchronität. Dabei kommt man auch selbst in Bewegung, will man als Zuschauer doch alles sehen. Auch das was gerade im eigenen Rücken geschieht. Und man bemerkt plötzlich, wie sich die vier, Stück für Stück ihrer weißen, transparenten Seidenhosenanzüge entledigen. Es kommt nicht zur Nacktheit, alle tragen drunter hautfarbene Slips und Bustiers. Aber jetzt und für den Rest des Abends gewinnt die Körperlichkeit dadurch sehr stark an Ausdruckskraft.

Das wird dann noch mal, wie zu Beginn eher experimentell. Bei fünf Stücken für Solopauke von Bernd Franke. Bei denen jeder der vier vom schamanischen übers Ekstatisch- selbstzerstörerische bis hin zum Artistischen alles aus sich herausholen kann. Zum Schluss gibt’s zum barocken Frescobaldi noch mal ein ensembleartiges Mit- und Zueinander, das aber am Rand des jeweils eigenen Bühnenpodests endet. Sie dürfen zueinander nicht kommen.

Szenenbild "Toccata 20"
Tänzerische Höchstleistung beim Tanzabend "Toccata 20" Bildrechte: Claudia Heysel

Das ist tänzerische Höchstleistung. Das ist individuelle, sehr unterschiedlich ausgeprägte Leidenschaft. Das ist auch die Schönheit und Ausdruckskraft des menschlichen Körpers. Getragen von einem großartig musizierenden Kammerensemble in Blech- und Schlagwerk. Und das alles in einem stimmigen Ambiente. Für den Moment das Beste was geht in Dessau.

Angaben zum Stück "Toccata 20"
Tanzabend von Stefano Giannetti
Musik von Claudio Monteverdi, Johann Sebastian Bach u. a.
Appia Stage im Bauhaus Museum

Musikalische Leitung: Elisa Gogou
Choreografie: Stefano Giannetti
Lichtdesign: Guido Petzold
Kostüme: Steffen Gerber
Tänzerinnen und Tänzer: Leonor-Maria Campillo, Moe Sasaki, Fergus Andrew Adderley, Julio Miranda / Anna-Sanziana Beschia, Cristiana Rauccio, Martin Anderson, Marcos Vinicius dos Anjos

Weitere Termine:
4./5. November, 20 Uhr
25./26. November, 20 Uhr
16. Dezember, 20 Uhr
18. Dezember, 20 Uhr
(Jeweils ausverkauft, evtl. Restkarten an der Abendkasse)

Mehr Tanz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Oktober 2020 | 09:40 Uhr