Empfehlung Roman "Das Eis-Schloss" – eine der Wiederentdeckungen des Jahres

Der Schriftsteller Tarjei Vesaas gilt in Norwegen als einer der großen Erneuerer der Literatur im 20. Jahrhundert. Sein Roman "Das Eis-Schloss" handelt vom Erwachsenwerden, dem Übergang von kindlicher Unschuld in eine nicht immer wohlwollende Realität. Die anrührende Geschichte findet dabei immer den richtigen Ton und ist niemals auch nur in der Nähe trivialer Gefühlsseligkeit, findet unser Kritiker. Für ihn ist "Das Eis-Schloss" schon jetzt eine der Wiederentdeckungen des Jahres.

gefrorener Wasserfall
Ein gefrorener Wasserfall wird in "Das Eis-Schloss" für die Protagonistin zur Gefahr. Bildrechte: imago/blickwinkel

Tarjei Vesaas ist einer der bekanntesten norwegischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er führte eine ganz eigene, symbolistische, von der Provinz geprägte Sprache in die norwegische Literatur ein. In seinem faszinierenden Roman "Das Eis-Schloss" lässt er die beiden Mädchen Siss und Unn aufeinandertreffen. Ihnen – und damit auch den Lesern – kommt das wie ein kleines Wunder vor. Und weil es wunderlich erscheint, ist diese Begegnung auch unbeholfen, schüchtern und leise. Etwas Rätselhaftes umweht diese Kinder, vor allem Unn. Eine merkwürdige Spannung liegt in der Luft, als würden beide, in dem sie sich erkunden, auch etwas Verbotenes entdecken können.

Würdevolle Unnahbarkeit

Das seltsame Mädchen Unn taucht wie aus einer anderen Welt plötzlich in dem norwegischen Provinzdorf auf. Auf dem Schulhof steht es abseits, hält sich am Rand und von den anderen Kindern fern. Es lebt bei seiner Tante und ist erst vor kurzem in dem kleinen Nest. Schnell spricht sich herum, dass seine Mutter gestorben sei. Das Mädchen schweigt, aber es strahlt dabei Würde aus; man spürt seine Stärke, eine unaussprechliche Macht.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss
Cover des Buches "Das Eis-Schloss" von Tarjei Vesaas Bildrechte: Guggolz Verlag

Unn ist elf Jahre alt und damit so alt wie Siss, die eine Anführerin ist und immer im Mittelpunkt ihrer Schulkameraden steht. Siss ist es auch, die etwas Besonderes in Unn entdeckt, von ihr magisch angezogen ist. Und die sich, ohne das selbst fassen zu können, nach ihr sehnt, mit ihr befreundet sein will. Als sie sich tatsächlich verabreden, ist das wie eine Verheißung: "Ihre Blicke begegneten sich voll Einverständnis, mit einer Art Sehnsucht, und doch waren sie zutiefst befangen. Unn sprang vom Bett und zog die Tür zu. Dann drehte sie den Schlüssel herum."

Unn traut sich am nächsten Tag nach ihrem Treffen nicht in die Schule. Sie schämt sich vor Siss, und gleichzeitig weiß sie um deren Freundschaft. Ihre Wiederbegegnung will sie hinauszögern. Also macht sie sich auf zu einem Wasserfall, der in diesem späten, frostig kalten Herbst einen Berg aus Eis um sich gebildet hat, mit fantastischen und fantasiereichen Formen – ein Eis-Schloss.

Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten neue Formen. Alles glänzte. Die Sonne war nicht gekommen, aber alles glänzte aus sich heraus eisblau und grün, und todkalt.

Tarjei Vesaas in "Das Eis-Schloss"

Unn tritt ein in die majestätisch geformten Räume, dringt immer tiefer, ohne sich des Bedrohlichen bewusst zu sein. Irgendwann findet sie, von Müdigkeit erfasst, nicht mehr zurück. Das Eis-Schloss wird zum Grab.

Parabel auf das Erwachsenwerden

Vesaas Ton ist modern. 1963 hat er diesen Roman geschrieben, der von der Verwirrung des Kindseins und vom Übergang handelt. Es ist fast, als würde man durch ihn in eine andere Welt gelangen. Natürlich in eine Zeit, die schon zurückliegt. Aber auch in eine Zeit, die etwas Fortdauerndes hat, etwas Verzaubertes, Heimliches, Heimeliges, Utopisches. In der aber immer auch die Gefahr zu spüren ist, dass alles zerbrechen könnte.

Vesaas schmaler Roman ist eine grandiose Parabel aufs Erwachsenwerden, verfasst in einer bilderreichen, lyrischen, symbolisch aufgeladenen und zugleich zeitlos scheinenden Sprache, die den Übergang von kindlicher Unschuld zu einer Realität, die es nicht gut mit einem meint, in bewegender Einfachheit und Traurigkeit schildert. Es ist zugleich ein anrührendes, brillant von Hinrich Schmidt-Henkel ins Deutsche gebrachtes Buch, das keinen falschen Ton anschlägt, niemals auch nur in die Nähe trivialer Gefühlsseligkeit rückt.

Das "Eis-Schloss" ist eine der wunderbaren literarischen Wiederentdeckungen nicht nur zum Norwegen-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, sondern überhaupt dieses Jahres.

Über Tarjei Vesaas

Tarjei Vesaas wurde 1897 in Vinje, in der Provinz Telemark geboren. Er starb 1970 in Oslo. In seinen 73 Lebensjahren hat er ein äußerst umfangreiches literarisches Werk hinterlassen: Romane, Gedichtbände, Theaterstücke. In Norwegen gilt er als einer der großen Erneuerer der Literatur im 20. Jahrhundert.

Angaben zum Buch Tarjei Vesaas: "Das Eis-Schloss"
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Mit einem Nachwort von Doris Lessing
202 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-945370-21-6
Guggolz Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2020 | 08:10 Uhr

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