Neuübersetzung "Die Vögel" von Tarjei Vesaas – bester norwegischer Roman aller Zeiten?

Der Schriftsteller Karl Ove Knausgård hat "Die Vögel" von Tarjei Vesaas einmal als den besten norwegischen Roman aller Zeiten bezeichnet. Mit diesem Urteil steht er nicht allein da. Vesaas hat die moderne norwegische Literatur erneuert und gibt ihr bis heute Impulse. Geboren wurde der Autor 1897 in der Provinz Telemark, 1970 starb er in Oslo. Nach "Das Eis-Schloss" legt der Guggolz Verlag aus Berlin nun ein weiteres Werk dieses großen, oftmals für den Literaturnobelpreis gehandelten Autors vor.

"Die Vögel" heißt der 1957 erschienene Roman des Norwegers Tarjei Vesaas, der nun in einer Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschienen ist. Es ist eine zeitlos-schöne Prosa, die Schmidt-Henkel einfühlsam ins Deutsche gebracht hat: Erzählt wird sparsam, in einfacher, karger Sprache, und doch führt uns diese Sprache in die komplexe Gefühlswelt des in seiner Adoleszenz erstarrten Mattis. Der lebt mit seiner Schwester Hege in einem Haus am See. Es ist eine abgelegene Gegend, und Mattis scheint nicht ganz von dieser Welt – jedenfalls ist er anders als die anderen. Er weiß das selbst.

Auszug aus "Die Vögel"

"Mattis ?"
Er schrak aus seinen Gedanken auf.
"Was siehst du ?", fragte sie.
Er kannte ihre Fragen nur zu gut. Er sollte nicht so dasitzen, er sollte dies nicht und er sollte das nicht, er sollte so sein wie andere Leute, nicht der "Dussel", wie sie ihn nannten, der zum Gespött wurde, wenn er irgendwo auftauchte und bei der Arbeit mitmachen wollte oder so. Rasch richtete er seine Augen auf die Schwester. Seltsame Augen. Immer verschreckt, scheu wie Vögel.

Verkopfter Nichtsnutz?

Mattis ist sehr bei sich, aber was in seinem Kopf vorgeht, kann er nicht ausdrücken. Er verheddert sich. Für die Arbeit ist er nicht gemacht, er ist ein Nichtsnutz, wenn man die Kriterien der tüchtigen Bauern heranzieht. Er ist einer, der Fragen stellt, auf die niemand eine Antwort weiß.

Auszug aus "Die Vögel"

Mattis fragte: "Warum ist es so, wie es ist ?"
Die Frau schüttelte den Kopf. Mehr nicht. Er wagte nicht, noch einmal nachzufragen. Er wartete geduldig. Äußerlich geduldig. Innerlich rasend ungeduldig. Er schaute sie noch einmal an. Sie schüttelte noch einmal den Kopf.
"Möchtest du noch Kaffee?", fragte sie.
Er begriff und begriff nicht. Schauderte. Blickte in einen Abgrund voller Rätsel.

Schwester als Mutter und Frau

Tarjei Vesaas: "Die Vögel" (Cover)
In "Die Vögel" wird sparsam, in einfacher, karger Sprache erzählt. Bildrechte: Guggolz Verlag

Hege, 40 Jahre alt schon, ist für ihn nicht nur Schwester, sondern auch Mutter und Frau. Die Eltern sind lange tot, und die beiden haben sich miteinander eingerichtet. Sie dürfe ihn nie alleine lassen, das sagt der nur unwesentlich jüngere Mattis immer wieder zu ihr. Es ist seine größte Angst, fast so groß wie die vor Gewittern. Ganz ohne Sorge ist er, wenn er den Vögeln nachblickt, der Waldschnepfe, die in der Nacht über das Dach des Hauses fliegt wie ein gutes Omen.

Auszug aus "Die Vögel"

Am nächsten Morgen dachte er aus vollem Herzen: Heute wieder. Die Schnepfe und ich. Wie, das konnte er nicht erklären. Er brauchte auch gar keine Erklärung. Streifen führten durch die Luft über dem Haus – noch von der Schnepfe, die während seines Schlafs hier entlanggeflogen war, heute Nacht und von nun an alle Nächte. Beinahe fühlte zu schlafen sich an wie eine Sünde.

Keine Psychologisierungen

Wenig wird ausgesprochen, und doch tut sich mit jedem Satz eine ungeheure Weite auf. Es gibt keine Psychologisierungen bei Vesaas, aber doch finden sich bei ihm alle Schattierungen menschlicher Sehnsüchte, Abgründe und Verlorenheiten.

Auszug aus "Die Vögel"

Die Fläche des Sees war weit, er blickte darüber weg. Dachte undeutlich: Helft Mattis. Warum? Er zuckte zusammen. Nein, nein, murmelte er ohne Zusammenhang und griff die Ruder. Blei im Flügel, dachte er, und da ist Stein auf Stein, über den Augen.

"Selbstporträt mit Vorbehalt"

Eine Katze sitzt auf der Schulter des Autores Tarjei Vesaas.
Tarjei Vesaas (1897 - 1970) wurde oftmals für den Literaturnobelpreis gehandelt. Bildrechte: Rolf Chr. Ulrichsen

Mattis ist ein Träumer, der die Welt anders wahrnimmt als seine Zeitgenossen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Im Schlaf findet er sich in einem "Mädchenwald" wieder. Vesaas deutet nur zärtlich an, wie die Macht der Sexualität in seinem kindhaften Helden arbeitet. Mattis ist zwar ein Zauderer, aber einer, der im Gewöhnlichen das Verwirrende und Unbeschreibliche zu entdecken vermag – dem Schriftsteller darin durchaus verwandt. Ein "Selbstporträt mit Vorbehalt" hat Vesaas "Die Vögel" genannt.

Träumer und Zauderer freilich sind gefährdete Wesen. Mattis' geliebter Vogel wird von einem Jäger erlegt. Und als Mattis sich als Fährmann versucht, obwohl für einen solchen kein Bedarf besteht, wird er nur einen einzigen Passagier von Ufer zu Ufer bringen: Den Holzfäller Jørgen, der sich in Hege verliebt und die poröse Zweisamkeit des Geschwisterpaares zerstört. Rührend sind Mattis‘ Versuche, seine alte Welt wieder in Ordnung zu bringen. Aber der "innere Sturm" wird immer tosender; die Verzweiflung unbändiger.

Mehr Informationen Tarjei Vesaas: "Die Vögel"
Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen
Guggolz Verlag, Berlin 2020
Seiten: 276
Preis: 23 Euro
ISBN 978-3-945370-28-5

Mehr Bücher

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. November 2020 | 07:40 Uhr