Tatort "Musik stirbt zuletzt"
Die Schweizer Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard  Bildrechte: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

"Die Musik stirbt zuletzt" 88 Minuten durchdrehen – Warum der neue Tatort so besonders ist

Tatort "Musik stirbt zuletzt"
Die Schweizer Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard  Bildrechte: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Es ist einiges anders bei diesem Tatort, mit dem die Krimireihe der ARD am Sonntag aus der Sommerpause kommt: Die Leiche taucht erst nach etwa einer Stunde auf. Ein Verdächtiger spricht den Zuschauer direkt an: "Lächerlich, deshalb mag ich keine Krimis. Die Regie macht einen auf Spannung." Die Kommissare aus Luzern ermitteln in Abendkleid und Fußballtrikot. Sie bleiben fast die ganzen 88 Minuten nur in einem Gebäude. Und vor allem: Alles wurde von einer Kamera ohne Unterbrechung gedreht.

Wen der Rocksaum reißt, einfach weitermachen

Eine Herausforderung für alle Beteiligten. "Man konnte nicht abbrechen oder aufgeben, es galt die Unerbittlichkeit des Moments", sagte Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker"). Kameramann Filip Zumbrunn musste die Unterarme trainieren, um die Kamera 90 Minuten halten zu können.

Auch die Flüssigkeitszunahme vor dem Dreh musste gut eingeteilt werden, um nicht mitten im Dreh auf die Toilette gehen zu müssen.

Kameramann Filip Zumbrunn
Tatort "Musik stirbt zuletzt"
Szenen wie im Theater Bildrechte: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Auch die Schauspieler mussten improvisieren. Dass der Rocksaum von Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) bei einem Sprint zerriss, war nicht geplant, ist aber nun Teil des Films. Oder Chaos, weil die Sanitäter nicht auftauchten, obwohl das so nicht im Drehbuch stand.

Hitchcock trickste beim One-Shot

Die Idee, eine Handlung ohne einen Schnitt zu drehen, ist nicht neu. Schon Hitchcock experimentierte 1948 in "Rope" mit der Illusion des One-Shot. Da die Filmrollen damals jedoch nur maximal zehn Minuten Aufnahme erlaubten, musste er am Ende jeder Rolle tricksen. Der erste 90-Minuten-Spielfilm, der in einer Einstellung gedreht wurde, ist "Russian Ark" des russischen Regisseurs Alexander Sokurow von 2002. Damals war die besondere Herausfordrung noch, dass sowohl der Kamera-Akku nur eine begrenzte Laufzeit hatten und der vierte Versuch nach drei Pannen unbedingt gelingen musste, als auch ein spezieller Festplattenrecorder eingesetzt wurde, weil es keine anderen Möglichkeiten gab, soviel Datenmaterial am Stück aufzunehmen.

Vorreiter "Victoria"

Victoria (Laia Costa) lernt Sonne (Frederick Lau) kennen
"Victoria" hats vorgemacht Bildrechte: Senator Filmverleih

Auch der Oscargewinner von 2015, "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)", scheint komplett aus einem einzigen Take zu bestehen. Doch wurden hier durch komplettes Schwarzbild, Zeitraffersequenzen oder andere technische Effekte kaschiert. Am populärsten in der der OneTake-Geschichte ist der deutsche Film "Victoria". Regisseur Sebastian Schipper schuf 2015 einen knapp 140 Minuten langen Spielfilm über eine wilde Nacht in Berlin, bei der viele Dialoge und Szenen improvisiert wurden. Dreimal wurde der komplette Film am Stück gedreht, erst die dritte Fassung hat so funktioniert, dass sie genommen werden konnte.

Proben wie im Theater

Als Regisseur Dani Levy "Victoria" damals auf der Berlinale sah, war er begeistert.

Der Zuschauer fühlt unbewusst, dass er nicht betrogen wird, zumindest nicht durch Schnitt, Weglassen, parallel Montieren oder Selektieren.

Regisseur Dani Levy
Dani Levy
Dani Levy Bildrechte: IMAGO

Im Gegensatz zu "Victoria" erzählt der Tatort die Geschichte nicht aus der Perspektive einer Hauptfigur, sondern der Zuschauer wechselt die Seiten, gleitet von Täter zu Opfer, von Opfer zu Ermittler, von Ermittler zurück zu falschen Tätern. Der Tatort "Die Musik stirbt zuletzt“ wurde an vier Abenden durchgespielt. Levy kennt den Ablauf aus dem Theater: eine mehrwöchige Probenzeit auf Probebühnen, in diesem Fall mit Kamera und Ton, erste Durchlaufproben am realen Drehort, dann mit dem Orchester, bis hin zu Hauptproben, Generalprobe (immer noch ohne Statisten) – und die Premiere, beziehungsweise den vier geplanten Takes mit jeweils mehreren 100 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Vorgegebene Zeit: 88 Minuten. Levy beschloss, die Handlung während eines klassischen Konzerts anzusiedeln. Und die Musik spielt eine besondere Rolle: Mit Stücken von Komponisten, die während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager umgekommen sind, soll den Opfern des Holocaust gedacht werden.

Gutmensch oder nicht?

Und um was gehts jetzt eigentlich? Der schwerreiche Unternehmer und Mäzen Walter Loving veranstaltet ein Benefiz-Konzert mit dem argentinischen "Jewish Chamber Orchestra". Er selbst hat damals zahlreichen Juden zur Flucht verholfen und damit ihr Leben gerettet. Doch ist der Patriarch wirklich der Gutmensch, den alle gerne in ihm sehen? Nicht nur sein "missratener" Sohn Franky Loving hat mit seinem Vater noch eine Rechnung offen. Auch die berühmte jüdische Pianistin Miriam Goldstein plant, während des Konzerts ein dunkles Geheimnis der Familie Loving zu lüften. Ein unbekannter Erpresser wiederum will dies verhindern. Und als ein Giftanschlag auf den Klarinettisten des Orchesters, Vincent Goldstein, erfolgt, treten Reto Flückiger und Liz Ritschard auf den Plan.

Geschäft und Giftanschlag

Tatort "Musik stirbt zuletzt"
Schweizer "Intermediäre“ Bildrechte: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Auch das ist ungewöhnlich für einen Sonntagabendkrimi: "Die Musik stirbt zuletzt“ erinnert nicht nur an die vielen jüdischen Komponisten, die im KZ umgebracht wurden, sondern auch an ein Kapitel der Schweizer Geschichte, das bislang  nur selten beachtet wurde: Wie Schweizer "Intermediäre“ hohe Geldsummen von wohlhabendes Juden für Visa, Aufenthaltsgenehmigungen und falsche "arische" Personaldokumente annahmen. Ein Markt, bei dem 30 Prozent Provision für den Intermediär abfiel – oder sogar 100 Prozent, falls die Papiere nicht schnell genug fertig wurden und die Juden bereits ins Lager deportiert waren.

Was mich am meisten überraschte, war die Aktualität des Themas: Geschäftsleute, die mit der Flucht von Menschen Geld machen. Nicht die eigentlichen Fluchthelfer, aber die Geschäftsleute dahinter.

Regisseur Dani Levy

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 03. August 2018 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018, 11:30 Uhr

Tatort "Die Musik stirbt zuletzt"

Tatort "Die Musik stirbt zuletzt"

Sendetermin:
So, 05.08.18 | 20:15 Uhr | Das Erste

Wiederholugen:
So, 05.08.18 | 21:45 Uhr | ONES
So, 05.08.18 | 23:45 Uhr | ONE
Di, 07.08.18 | 00:35 Uhr | Das Erste

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