Sächsische Landesausstellung "TextilBoom" in Crimmitschau: So werden billige T-Shirts gemacht

Crimmitschau bei Zwickau war über Jahrhunderte eine erfolgreiche und traditionsbewusste Textilstadt. Davon ist, nachdem mit der Wiedervereinigung 1990 die Branche zusammenbrach, nicht mehr viel übrig. Doch die ehemalige Tuchfabrik Gebrüder Pfau blieb erhalten. Allerdings ist das Gelände heute ein Museum und mit dem originalen Maschinenbestand, der in dieser Form wohl einzigartig ist, kann man dort jetzt 100 Jahre Textilgeschichte mit Gegenwartsbezug zur Produktion in Asien erleben. Insofern unbedingt geeignet als Schauplatz der gerade eröffneten Landesaustellung zu 500 Jahren Industriekultur in Sachsen.

Besucher bei einer Führung duch die Tuchfabrik Pfau 4 min
Bildrechte: Tuchfabrik Pfau Crimmitschau

In der Tuchfabrik Pfau in Crimmitschau zeigt der funktionstüchtige Maschinenbestand alle Arbeitsschritte von der Wollflocke bis zur Konfektion. Heute ensteht der überwiegende Teil unserer Kleidung in Asien.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 17.07.2020 06:00Uhr 03:44 min

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Ohrenbetäubender Lärm durchdrang das Spinnereigebäude, stundenlang waren ihm die hier arbeitenden Frauen ausgesetzt – von 1899 an, als die Gebrüder Pfau die Tuchfabrik in Crimmitschau leiteten, bis zum Jahr 1990. Da wurde der mittlerweile volkseigene Betrieb stillgelegt und glücklicherweise unter Denkmalschutz gestellt.

Eine Fabrik von vielen

"Dieser Saal ist wirklich noch so komplett, wie er 1990 verlassen worden ist", sagt Silvia Schumann. Sie gehörte damals zu den Arbeiterinnen, die hier das Licht ausgemacht haben. Heute führt sie Besucher durch die einstigen Fabrikhallen und erklärt anhand der historischen Maschinen, wie hier im Hause beispielsweise Mantel- und Anzugstoffe gefertigt wurden – angefangen bei der Aufbereitung der Textilfasern, dem so genannten Krempeln, über das Spinnen, Weben und Walken bis hin zur Veredlung, der Appretur.

Tuch-Fabrik in Crimmitschau verkörpert Textil-Boom
Die Tuch-Fabrik in Crimmitschau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist eine Fabrik von vielen und war zu ihrer Zeit in Crimmitschau nichts Besonderes", sagt Jana Kämpfe, die das Museum Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau leitet. "So wie Pfaus produziert haben, haben viele andere in Crimmitschau produziert, aber auch in den umliegenden Städten. Dieses Prototypische macht es aber spannend, weil es eben nicht das besondere ist, sondern die breite Masse, die uns aber heute noch erklärt, warum unsere Städte so aussehen, warum es eben bis heute noch Textilbetriebe – weniger, in anderer Form – in der Region gibt."

Von Familienbetrieb zu Volkseigentum

Wegbereiter für das Textilgewerbe in Crimmitschau war der Färbermeister David Friedrich Oehler. Mitte des 18. Jahrhundert war er in England und Holland, hatte sich dort die modernen Verfahren der Streichgarnspinnerei abgeschaut (heute würde man von Industriespionage sprechen) und in seiner Heimatstadt schließlich eine erste große Manufaktur gegründet. Die Pfaus, speziell Vater Friedrich Pfau, begannen 1859 mit einer Handweberei und bauten schließlich eine neue Fabrik, eben auf jenem Gelände, das heute Museum ist. Bis 1972 war die Pfau’sche Tuchfabrik in Familienhand, bis auch sie zu Volkseigentum deklariert wurde.

Zeitreise durch Arbeitswelt

 "Das ist nun unser großer Websaal, alles originale Webmaschinen, verschiedenen Baujahre, wir haben Maschinen von 1928 bis in die Jahr 58“, erklärt Schumann. Der Rundgang ist eine Art Zeitreise durch frühere Arbeits- und Lebenswelten, etwa wenn bei Vorführungen der Schützen auf dem Webstuhl hin- und herschießt oder wenn beim Blick in die ehemaligen Aufenthaltsräume noch Kaffeetassen und Alubrotbüchsen auf den Tischen stehen. Ebenfalls zeigt die Schau Verknüpfungen zu anderen in Sachsen führenden Industriezweigen auf, zum Kohleabbau beispielsweise, um mit den Dampfmaschinen den Betrieb am Laufen zu halten, sowie zum Eisenbahnnetz, das für den weltweiten Export unentbehrlich war. Was dabei aber auch deutlich wird, ist die körperlich harte Arbeit in der Textilbranche.

Produktionsbedingungen wie in Asien

Maschienen in der Tuchfabirk Pfau in Crimmitschau
Maschinen in der Tuchfabirk Pfau Bildrechte: Archiv Tuchfabrik Tuchfabrik Gebr. Pfau Crimmitschau

"Es hat wirklich einen Gegenwartsbezug", sagt Museumsleiterin Kämpfe. "Wir zeigen hier im Endeffekt Produktionsbedingungen und können Arbeitsbedingungen erklären, die bis heute eben, insbesondere in Asien, noch herrschen. Und wenn man sich halt ein T-Shirt für fünf Euro kauft, kann man sich bei uns dann angucken, ohne nach Pakistan oder Bangladesh fahren zu müssen, wie heute noch so was so billig entstehen kann."

In Crimmitschau werden heute noch Textilien gefertigt, wenn auch in weitaus kleinerem Stil wie noch vor 30 Jahren. Vor allem sind es technische Gewebe, wie man sie zum Beispiel für den Automobilbau benötigt, aber eben auch exklusive Seidenstoffe und Design-Teppiche. Was sie verbindet, ist eine viele Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte zurückreichende Tradition – eine Tradition, die im Museum Tuchfabrik Gebrüder Pfau eindrücklich vor Augen geführt wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2020 | 06:15 Uhr