Szenenbild "The King's Speech" Theater Halle
Soll des Königs Stottern behandeln: Harald Höbinger als Sprachspezialist in "The Kings Speech" Bildrechte: Falk Wenzel

Theaterkritik Für "The King's Speech" fehlte in Halle die Konzentration

"The King's Speech" von David Seidler hat am 12. April Premiere am Neuen Theater in Halle gefeiert. Unmittelbar zuvor spielte sich ganz reales Theater um Personalfragen des Hauses ab. MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling berichtet über einen aufgeheizten Abend und ein Stück, bei dem weniger mehr gewesen wäre.

Szenenbild "The King's Speech" Theater Halle
Soll des Königs Stottern behandeln: Harald Höbinger als Sprachspezialist in "The Kings Speech" Bildrechte: Falk Wenzel

Matthias Brenner, Theaterintendant und Regisseur des Stückes "The King's Speech" hatte sein Verbleiben am Haus davon abhängig gemacht, ob der Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH), Stefan Rosinski, bleibt oder nicht. Unmittelbar vor der Premiere entschied der Aufsichtsrat nun gegen dessen Beurlaubung. So kam es nach der Aufführung zu einer sehr emotionalen Aktion: Nicht nur die am Stück Beteiligten standen am Ende auf der Bühne, sondern sehr viele Kollegen aus allen Abteilungen des Hauses stürmten mit nach vorn. Das Publikum erhob sich von den Plätzen. Standing Ovations, die dem sehr emotionalisierten Matthias Brenner galten, der dann rief:

Wir wollen ein Ensemble bleiben, dass hier Kunst macht, jetzt und in Zukunft.

Matthias Brenner, Intendant

Es gab großes Jubelgeschrei und natürlich stellte sich die Frage: 'Jetzt und in Zukunft' – was heißt das? Matthias Brenner meinte dazu: "Dass die Entscheidung vertagt wurde, das finde ich tragisch. Ich finde es zu dünn, zu sagen, wir sollen jetzt professionell miteinander arbeiten. Wir arbeiten hier die ganze Zeit professionell, unter zum Teil unprofessionellen Umständen von der Geschäftsführung her. [...] Ich glaube, dass wir zu einer Zukunft fähig sind, das sollte der Aufsichtsrat akzeptieren, dass es um Zukunft geht und nicht einen Erhalt von gegenwärtigen Zuständen."

Ungewöhnliche Aussetzer

Man merkt "The King's Speech" an, dass es nicht unter den besten Begleitumständen entstand. Es geht an einem Ensemble nicht spurlos vorbei – das Hallenser Ensemble ist ein sehr professionelles. Und da gab es gestern im Vergleich zu vielen anderen Premieren, die ich hier gesehen habe, doch auch handwerklich den einen oder anderen Aussetzer – Dinge, die man sonst hier so nicht erlebt. Auch die Konzentration von Matthias Brenner war einfach abgelenkt. So zeigt seine Inszenierung zwei Gesichter: Eins, das wirklich überzeugt und dann gab es auch Seiten, die einen so ein bisschen die Schultern zucken lassen.

Zu viel des Guten

Szenenbild "The King's Speech" Theater Halle
Enrico Petters, Martin Reik und Andreas Range in "The Kings Speech" Bildrechte: Falk Wenzel

Die Fehlstellen sind einem "zu viel wollen" entsprungen. Es geht im Kern – die Kenntnis des Films vorausgesetzt – um zwei Männer und auch eine Männerfreundschaft: Zwischen dem stotternden König George VI. und seinem Sprachtherapeuten, dem ja eigentlich erfolglosen Schauspieler Lionel Logue, der den König aber tatsächlich heilt. Und natürlich auch um das historisch authentische Rundherum im England der 30er- und 40er-Jahre.

Das lädt Brenner mit zusätzlichen Geschichten aus dem gesellschaftlichen Umfeld auf. Er bringt eine ganze Reihe Kinder mit ins Spiel, denen dann auch noch sehr aufgeladene Szenen zukommen, denen sie spielerisch nicht gewachsen sind. Und dann frönt er auch noch einem mitunter zu klamaukhaften Spiel, das passt nicht in den vorgegeben Stil. Das ist zu viel des Guten und eben mitunter leider auch des weniger Guten. Da wirkt vieles unfertig, unrhythmisch. Weswegen der Abend auch über drei Stunden braucht.

Starke Momente der Ruhe

Szenenbild "The King's Speech" Theater Halle
Enrico Petters, Martin Reik, Andreas Range, Cynthia Cosima Erhardt und Marlene Tanczik (vlnr.) in "The King's Speech" Bildrechte: Falk Wenzel

Zu den positiven Seiten der Inszenierung zählen zum einen die beiden Hauptdarsteller. Matthias Walter spielt den stotternden König George auf eine so faszinierende Art, dass es einem wirklich packt, man förmlich mitzittert mit dieser geschundenen Seele, diesem sich selbst malträtierenden, aber kämpfenden und in royaler Disziplin überwindenden Menschen. Und auf der anderen Seite der kluge, stets lockere und trotzdem auch unter höchster Anspannung stehende Sprachspezialist Lionell Logue, den Harald Höbinger zu einem absoluten Glanzstück aufpoliert. Die beiden setzten die schauspielerischen Ausrufezeichen, die das eine oder andere inszenatorische Fragezeichen überstrahlen.

Die Inszenierung hat einfach ihre Stärken, wenn sie zur Ruhe kommt. Dazu trägt auch Hilmar Eichhorn als der Vater, King George V. mit seiner einfach unglaublich gesetzten Präsenz bei. Aber auch wenn Enrico Petters als Erzbischof von Canterbury mit der genau richtig dosierten Ernsthaftigkeit ins politische Machtspiel einsteigt. Das sind die starken Momente der Ruhe, die überzeugen. Allemal mehr als der aufgesetzte Klamauk mit rauchenden Telefonzellen, Männersauna und amerikanischen Tanzeinlagen. Weniger wäre da mehr gewesen.

Angaben zum Stück The King's Speech (Die Rede des Königs)
Neues Theater Halle

Regie: Matthias Brenner
Bühnenbild: Nicolaus-Johannes Heyse
Kostümbild: Susanne Cholet
Dramaturgie und Sound: Henriette Hörnigk

Premiere: 12. April 2019
Kommende Termine: 13. und 24. April 2019 sowie 09., 10. und 23. Mai 2019, jeweils 19:30 Uhr

Zum Thema Bühnenstreit Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. April 2019 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2019, 14:20 Uhr

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