Nach 13 Jahren The Who kehren mit neuem Album "WHO" zurück

Angeblich sehen sich The Who-Sänger Roger Daltrey und -Gitarrist Pete Townshend nie außerhalb der Bühne. Auch bei der Produktion ihres neuen Albums "WHO" sollen sie sich aus dem Weg gegangen sein. Dennoch ist es hervorragend geworden, meint unser Kritiker.

The-Who-Sänger Roger Daltrey und Gitarrist Pete Townshend
The-Who-Sänger Roger Daltrey und Gitarrist Pete Townshend Bildrechte: dpa

Das neue Album von The Who mit dem Titel "WHO" ist voller Selbstironie und wie aus einem Guss. Und das, obwohl sich Gitarrist Pete Townshend und Sänger Roger Daltrey im Studio aus dem Weg gegangen sind.

Wir sind eine Rockband. Wir sind keine Rock’n’Roll-Band. Rock’n’Roll ist Musik zum Vögeln. Unsere Musik ist zum Fighten.

Roger Daltrey

The Who sind noch immer überzeugend

Kaum zu glauben scheint, dass sich die beiden Herren angeblich seit Jahren nur auf der Bühne treffen und sich sonst aus dem Weg gehen. Denn sie sind noch immer eine Wahnsinns-Liveband. Townshend erklärt das aus dem gemeinsamen Moment:

Das Gefühl bei The Who war immer: Es ist wie Jazz, Blues. Es entsteht im Moment. Wir waren eine Maschine, die in enger Taktung stampfte.

Pete Townshend
Das Cover des Albums Who
Das Cover des Albums "Who" Bildrechte: dpa

Nun kam es doch noch zu einem neuen Album, 13 Jahre nach dem 2006 erschienenen "Endless Wire". Als Townshend dafür ein Dutzend Songs fertig hatte, schickte er sie Daltrey, der zunächst jedoch wenig damit anfangen konnte, sich dann aber hinein fand.

So ist das neue Album "WHO" gelungen: politische Texte, präzises Songwriting, viril musiziert. Daltrey singt immer noch kraftvoll und Townshend macht Gitarren fertig, ohne sie zu zerhauen. "WHO" wäre ein starkes letztes Album. Aber eigentlich haben wir gerade jetzt Lust auf noch mehr.

Am Anfang standen traumatische Erfahrungen

Im Stadtteil Acton, im Westen Londons, lernen sich die Bandmitglieder an der Schule kennen. Täglich sehen sie sich zwischen Selbstbehauptungen und Schlägereien. Daltrey erinnert sich: "Ich hatte Glück, weil mich die Musik von dem Ärger auf der Straße wegbrachte. Viele meiner Freunde gerieten in krumme Dinger. Viele haben Banken überfallen. Sie haben teuer dafür bezahlt. Die meisten sind heute tot."

The Who 1965
The Who in ihren Anfangsjahren 1965 Bildrechte: imago images / Photo12

Optisch sind sie eine Beatkapelle wie viele, musikalisch aber von Beginn an außergewöhnlich: hübsche Melodien versinken bei The Who in wütenden Gitarren. Die meisten Songs schreibt Townshend, ein genialer Junge mit traumatischer Vergangenheit. Seine ersten vier Lebensjahre seien wunderbar gewesen, sagt er, seine Mutter und sein Vater spielten in einer Band. Doch als er in die Vorschule kam, musste er zu seiner Großmutter, denn die Mutter arbeitete noch immer als Sängerin. Dort hatte Townshend schlimme Erlebnisse, die er in der Rockoper "Tommy" verarbeitet hat: "Ich wurde nicht direkt missbraucht, aber ich sah furchtbare sexuelle Aktivitäten. Meine Großmutter war psychisch krank. Und sie war umgeben von sehr seltsamen Männern. Ich war zwei Jahre lang bei ihr gewesen. Als ich wieder nach Hause kam, war ich beschädigt."

Wie es zu der "Windmühle" kam

The Who 1970
Pete Tonshend macht die legendäre Windmühle Bildrechte: imago/Philippe Gras

Als Gitarrist entwickelt Townshend dann eine spektakuläre Spieltechnik, genannt: die Windmühle. Zu ihr wurde er 1963 von Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards bei ihrer gemeinsamen Tour inspiriert: "Als Keith Richards auf die Bühne kam, zog er den Vorhang zur Seite. Er machte so, um seinen Arm zu strecken. Ich sah das an und dachte: 'Das ist cool!' Als ich dann auf die Bühne ging, fing ich damit an. Unser Publikum waren Mods, viele Jungs. Ich sah, dass einige von ihnen genauso tanzten [...] Sie ahmten mich nach. Und ich hatte Keith nachgeahmt. Als wir also wieder mit den Stones spielten, zwei Wochen später, sagte ich zu Keith Richards: 'Ich weiß nicht, ob du das gesehen hast, aber ich habe deine Windmühle gemacht.' - Und er so: 'Was?' - Und ich sagte: 'Die Windmühle!' – 'Ach, verpiss dich.'" Bis heute kann Townshend mit dieser Armbewegung "ein Stadion mit 80.000 Menschen zum Durchdrehen" bringen.

2.000 zerstörte Gitarren

Und Townshend zerstört auch seine Instrumente. Die Idee war ihm nach einem Vortrag über autodestruktive Kunst gekommen.

Pete Townshend
Pete Townshend schreibt mittlerweile auch Bücher, im Herbst 2019 erschien sein Roman "The Age of Anxiety" Bildrechte: imago images/ZUMA Press

1964 ging ihm zunächst unabsichtlich eine Gitarre kaputt. Dann wurde es Methode: "Eines Tages hatten wir einen Auftritt und da erschien es mir, dass das Instrument, das ich spiele, eine Waffe ist, ein Werkzeug, dass es bourgeois ist. Ich hatte sehr viel Geld für diese Rickenbacker gezahlt und jeder hat mich gefragt: 'Wie viel hast du dafür gezahlt?' Es war etwas zum Angeben." Und dann zerstörte Townshend das Instrument: "Ich habe die Gitarre nicht als Musikinstrument benutzt, sondern als Werkzeug, um die Zerstörung der Welt widerzuspiegeln."

Für Sänger Daltrey ein trauriger Moment: "Als ich sah, wie die erste Rickenbacker in Teile zerbarst, dachte ich mir: 'Was hätte ich gegeben für diese Gitarre!'" Mit offenem Mund stand er daneben und heulte, so seine Erinnerungen.

Doch für Townshend ist das Zerstören kein Spiel: "Ich hatte nie die eine Gitarre, die mich mein Leben lang begleitet hat. Ich hatte tausende Gitarren. Tausende! Ich habe wohl so 2.000 Gitarren zerstört. Meine Kollegen in der Band sagten: 'Das ist nur Spielerei.' Das war nie Spielerei für mich. Ich meinte das sehr ernst."

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | titel, thesen, temperamente | 08. Dezember 2019 | 23:05 Uhr

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