Impressonen aus dem Stück "Plaste und Elaste" am Theater Apron
Eine der Strip-Szenen aus dem Stück "Plaste und Elaste" vom Theater Apron Bildrechte: René Langner

Sommertheater in Halle "Plaste und Elaste – Strippen für den Weltfrieden": Einfach mal nur über die DDR lachen

Eine Handvoll Buna-Werker reist mit DDR-Staatschef Honecker nach Bonn, um dort vor Helmut und Hannelore Kohl sowie der kompletten Politprominenz als "Die roten Stiere" zu strippen. Sehr unterhaltsames Sommertheater vom Theater Apron in Halle, urteilt unser Kritiker. Wer den Anspruch eines Schauspiels sucht, ist hier allerdings falsch. Ebenso diejenigen, die selbst keine Erinnerungen an den DDR-Alltag teilen.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Impressonen aus dem Stück "Plaste und Elaste" am Theater Apron
Eine der Strip-Szenen aus dem Stück "Plaste und Elaste" vom Theater Apron Bildrechte: René Langner

Es ist fast auf den Tag genau 20 Jahre her, dass das Theater Apron aus Halle im Graben der Moritzburg zum ersten mal sein Sommertheater veranstaltet hat. Ein Signal aus der Freien Szene, das mittlerweile kaum noch wegzudenken ist aus dem Kultursommer in Halle. In diesem Jahr heißt die Inszenierung "Strippen für den Frieden". Und es geht tatsächlich um sich auf einer Bühne entkleidende Menschen. In diesem Fall sind es Männer, und zwar eine Handvoll Buna-Werker, die 1987 gemeinsam mit DDR-Staatschef Honecker nach Bonn reisen, um dort vor Helmut und Hannelore Kohl und der kompletten Politprominenz als "Die roten Stiere" zu strippen.

Es gibt ja berühmte Filme, in denen sich Leute ausziehen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: die arbeitslosen englischen Stahlarbeiter in "Ganz oder gar nicht", die, um Geld zu verdienen, den Chippendales nacheifern, die berühmten "Kalender-Girls" tun es, um einem an Leukämie erkrankten Ehemann zu helfen. Oder Marianne Faithfull, die sich in "Irina Palm" zwar nicht auszieht, aber sexuelle Dienstleistungen anbietet, um für ihren kranken Enkel Geld zu erwirtschaften. Auf diesem Muster beruht "Strippen für den Frieden", wobei die Geschichte eigentlich ziemlich unglaubwürdig ist.

Tanzende Frau mit Kittelschürze vor einem Honecker-Porträt.
Die Kantinenfrau ist stilecht mit Kittelschürze unterwegs. Bildrechte: René Langner

Ein Abend voller schlüpfriger Witze und Ostalgie

Den Staatsbesuch von Honecker bei Kohl gab es ja wirklich. Das einzige Treffen der beiden deutschen Staatschefs, kulturell umrahmt von strippenden DDR-Männern, das ist originell. Aber mich hat das Stück als Schauspiel nicht erreicht. Es kommt eher als kabarettistisch-unterhaltendes Sommer-Event daher. Als solches kommt es bei den Zuschauern extrem gut an – die Stimmung im Burggraben ist ausgelassen. Es wird gelacht, gejubelt, mitgeklatscht, sogar mitgemacht. Am Ende rufen Sprechchöre "Auszieh'n, auszieh'n!". Was ein bisschen als Spaß, aber durchaus auch ein bisschen ernst gemeint war. Es herrscht eine große Unterhaltungsbereitschaft im Publikum, und die trifft auf eine geradezu selbstlose Hingabe der Schauspieler an einen Abend, der auf den ersten Blick komplett aufs Lachen ausgelegt ist – über zahllose schlüpfrige Andeutungen, die männliche Anatomie betreffend. Und über eine Unmenge von Anspielungen auf irgendwie mit der DDR Verbundenes – die Olsenbande, die Mangelwirtschaft, den Parteisekretär, die Kittelschürze der Kantinenfrau, einen Stasimann, der durchs Publikum geht und Fotos macht, über Margot Honecker, die ja aus Halle stammt und eine große Rolle spielt, und so weiter.

Lauter hübsche Einzelteile, die miteinander nichts zu tun haben

Es gibt Szenen, die versuchen, eine politische Komponente hineinzubekommen. In einer kleinen Choreografie werden zum Beispiel verschiedene Grußrituale miteinander kombiniert: der Pioniergruß, der Rotfront-Kämpfer-Gruß, der Hitlergruß – da ahnt man, dass es Apron um mehr gehen könnte. Die Verführbarkeit der Massen? Oder sie spielen, auch das eine getanzte Szene, den Herbst 1989 durch: fliehende DDR-Bürger, DDR-Bürger, die bleiben wollen. Der Fall der Mauer, Ost-West-Umarmungen. Dazu hört man politische Statements jener Wochen. Abgesehen davon, dass das völlig erklärungsfrei aus der Handlungszeit des Stückes – 1987 – herausfällt, geht das in den Witzen und Pointen davor allerdings ziemlich unter. Am Ende werden in einer Parodie auf die Lottosendung "Tele-Lotto" die Gewinner eines DDR-Quiz gezogen – es gab Fußballkarten für den HFC – und mir kam über weite Strecken das ganze Stück wie diese Sendung vor. Bei "Tele-Lotto" wurden fünf Gewinnzahlen gezogen, und zu jeder gab es einen kleinen Einspielfilm. Die 14 war die Rubrik Humor, die 19 Kurzkrimi, lauter hübsche Einzelteile, die miteinander nichts zu tun haben, und genau deshalb haben die Leute es geguckt.

Ein Schauspieler im Jogginganzug tanzt vor zwei sitzenden Kollegen.
Für die Reise nach Bonn werden nur die besten Mitarbeiter bei einem Vortanzen ermittelt. Bildrechte: René Langner

Ein Abend der Befreiung – einfach mal nur Lachen über die DDR

Offenbar wirkt die Inszenierung wie eine Befreiung. Mal völlig losgelöst von den Debatten um die DDR als Diktatur oder um die Lage im Osten in die Welt der DDR-Erinnerungen eintauchen – und einfach nur lachen. Alexander Terhorst, von dem der Text stammt, hat zudem viele kleine Anspielungen aus dem Heute eingebaut: den Brexit, Merkels "Wir schaffen das", zwei Frauen haben die Stasi übernommen – Siri und Alexa – lauter Kabarettpointen, die sich regelrecht jagen und im Grunde gar kein Stück um sich herum brauchen. Aber es liegt diese befreiende Wirkung des Lachens in einem geschützten Raum namens "Theater" in der Luft. Ja, das ist Unterhaltung. Aber sie rutscht eben nie ganz in die Ostalgieparty ab, obwohl es manchmal knapp ist.

Was in diesem Stück passiert, ist mehr als Ostalgie. Es ist eine Art Rückeroberung der Alltagserinnerungen, der gelebten Jugend, ein Stück weit auch der Heimat. Ja, in Schkopau war die Umwelt verschmutzt, das wird erwähnt. Ja, es gab die Stasi und ihre Opfer, das wird besprochen. Sogar ein Song von Bettina Wegner wird gespielt, eine Künstlerin, die mit Worten Widerstand leistete. Aber es gab eben auch unglaublich viel Komik in der späten DDR. Über Karl Eduard von Schnitzler hat man doch auch gelacht, über Erich Mielke mit seinem "Ich liebe doch alle Menschen", über Margot Honeckers blaue Haare, und all das und noch viel mehr ist in dieser ziemlich hanebüchenen Strippergeschichte mit all ihren schlüpfrigen Wortwechseln verpackt. Das macht den Abend letztlich, trotz der Dinge, die ich als Mängel empfunden habe, zu einer großen, befreienden Sommerunterhaltung. Und zwar ziemlich zielgruppengenau, denn das kann sicher nur genießen, wer diese Erinnerungen teilt.

Angaben zum Stück: "Strippen für den Frieden"
Theatergruppe Apron
im Burggraben der Moritzburg

Adresse:
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle (Saale)

Termine:
21., 23., 28., 30. und 31. August 2019

Auch das könnte Sie interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2019 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2019, 12:15 Uhr

Abonnieren