Neue Corona-Verordnung Wie Theater in Sachsen-Anhalt mit dem Shutdown umgehen

Während der Shutdown im März für viele Theater völlig überraschend kam und sie vor unbekannte Herausforderungen stellte, kam der zweite Shutdown mit Ansage: Alle Veranstaltungen im November sind verboten. Ab Dezember – so die aktuelle Regelung – soll es wieder Vorstellungen und Konzerte geben. Darauf bereiten sich die Häuser in Sachsen-Anhalt aktuell vor. Digitale Angebote im Netz sind in dieser Zeit kaum geplant.

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Die Theater in Sachsen-Anhalt dürfen aktuell kein Publikum empfangen Bildrechte: dpa

Christoph Werner, Künstlerischer Direktor des Puppentheaters Halle, erinnert sich an rührende Szenen bei der letzten Vorstellung vor der erzwungenen Spielzeit-Pause im November: "Das Publikum hat minutenlang applaudiert, es gab Tränen im Foyer – da musste man ein dickes Fell haben." Solche gemeinsamen Momente sind seiner Meinung nach nur im Theater möglich. So sehen es viele Häuser in Sachsen-Anhalt, so auch das Nordharzer Städtebundtheater. Das Haus teilte MDR KULTUR mit: "Wir bleiben konsequent analog. Theater ist leider kein Theater, wenn es gestreamt wird." Ähnliche Töne sind auch aus dem Theater Naumburg zu hören. Man wolle sich ganz auf die Proben für Vorstellungen konzentrieren, die bestimmt kommen werden, heißt es dort.

Digitale Formate oder lieber Stille?

Im Anhaltischen Theater Dessau hingegen soll am 20. November ein Konzert übertragen werden. Der Stream wurde jedoch unabhängig vom Shutdown geplant. "Wir können momentan nicht so viele Menschen ins Publikum setzen, selbst wenn wir spielen können", erklärt Intendant Johannes Weigand. Doch die Ideengeber für das Konzert "Afrika", das Festival Klangart Vision, wollen möglichst vielen Zuhörerinnen und Zuhörern afrikanische Musik näherbringen. Darüber hinaus sind jedoch keine Online-Formate geplant.

Das Anhaltische Theater in Dessau
Das Konzert "Afrika" wurde vom Musuem wieder ins Theaterhaus verlegt. Bildrechte: IMAGO

Auch am Magdeburger Theater war das die erste Reaktion auf den Shutdown. Dann gab es jedoch andere Ideen: In kleinen Beiträgen sollen die Berufe am Theater vorgestellt und Eindrücke aus den Proben gegeben werden. "Wir möchten diesem Publikum etwas zurückgeben und vielleicht auch zeigen, was alles trotz Lockdown hinter den Kulissen bei uns passiert", sagt Christine Villinger. Ähnliche Pläne gab es auch schon während des ersten Lockdowns. Damals gab es jedoch keine Proben und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in der Kurzarbeit. Nun ist reger Betrieb im Haus und ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich. Denn derzeit laufen die Endproben für das Musical "Guys and Dolls", das Kinderkonzert wird weiter geübt und das Ensemble arbeitet am Musiktheater-Märchen "Der Zaunkönig und die silberne Flöte".

Das Opernhaus des Theaters Magdeburg, in Magdeburg (Sachsen-Anhalt)
Im Magdeburger Theater wird weiter geprobt. Bildrechte: dpa

Am Dessauer Theater wird in der gleichen Zeit an der Oper "Orphee" des zeitgenössischen, amerikanischen Komponisten Philip Glass, ein Pionier der Minimal Music, gearbeitet. Wegen der Hygiene-Auflagen in einer gekürzten Version, erzählt Intendant Weigand: "Das funktioniert bei dem Stück ganz gut und ist keine Not, sondern eine Tugend." Der Dessauer Intendant beobachtet, dass die Auflagen und Abstandsregelungen inzwischen auch zu neuen künstlerischen Formen anregt. Außerdem läuft die Arbeit an den Schulen weiter. Das Anhaltischen Theater hat einen Theaterlieferdienst entwickelt, für das Schauspieler Andreas Hammer mehrere Monologe einstudiert hat. Schulen können diese Stücke mit ungefähr einer Woche Vorlauf bestellen. Die Vorstellungen dauern ungefähr eine Schulstunde und werden mit Gesprächen begleitet. Doch in Dessau wird nicht nur an einzelnen Stücken gearbeitet: Die zweite Hälfte des Jahresspielplans ist noch nicht veröffentlicht und wird aktuell neu auf die Situation angepasst. Eine komplizierte Arbeit, meint der Intendant: "Konkret heißt das, dass wir zum Beispiel versuchen, in den Sommermonaten viel draußen spielen zu können. Das heißt, dass wir die bisher noch nicht in Corona-Länge gebrachten Werke entweder in diese Länge bringen oder andere spielen, die diese Länge haben."

Unmut und Mut

An den Theatern in Halle wird ebenfalls weiter geprobt. Das Ballett Rossa wollte eigentlich in diesem Monat die neue Choreografie "Art*House" vorstellen, doch die Uraufführung musste verschoben werden. Aktuell wird versucht, eine Online-Premiere vorzubereiten – keine leichte Aufgabe, weil dafür andere Rechte gekauft werden müssen. Abseits der Proben herrscht allerdings viel Unmut. "Ich frage mich, sind Kirchen wichtiger als Theater, ist das wirklich so. Wir müssen also darüber diskutieren, ob wir Bildung sind, ob wir Kultur sind, denn Kunst dürfen wir auf keinen Fall sein. Die Rolle, die sich da so gesellschaftlich rausschält, macht mich auch irgendwie traurig", fasst Werner Überlegungen zusammen, die so ähnlich an allen Theatern stattfinden.

Oper Halle
Das Ballett Rossa bereitet die Uraufführung von "Art*House weiter vor. Bildrechte: dpa

Am Magdeburger Theater wird diesem Unmut mit vielen Gesprächen begegnet: "Unser Orchesterdirektor hat heute lange mit seinem Orchester gesprochen, um die auch wieder zu motivieren, weil einige den Kopf auch hängen lassen und sich sagen, warum müssen wir jetzt proben, wenn noch gar nicht klar ist, wann das aufgeführt werden kann", erzählt Sprecherin Christine Villinger. Das was die Theater am meisten motiviert, ist das Publikum: Bis zum Shutdown waren zahlreiche Vorstellungen ausverkauft. Die Zuschauer bemühen sich alle Hygiene-Vorschriften einzuhalten, um zu zeigen, dass im Theater kein Risiko besteht. Viele Theaterfreunde spenden, entweder ihre bereits gekauften Tickets oder direkt. Das Wichtigste für die Häuser jedoch ist: Dass ihr Publikum gesund bleibt und nach dem Lockdown wiederkommt.

Theater und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2020 | 12:10 Uhr