Johannes Weigand
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Anhaltisches Theater in Dessau Geht der Sparzwang an den Theatern von Sachsen-Anhalt weiter?

Die Theaterlandschaft von Sachsen-Anhalt wird schon seit langer Zeit von argen Sparzwängen gebeutelt. Nun werden die neuen Verträge ausgehandelt, die ab 2019 gelten. Was die bringen sollten, damit der Kulturabbau nicht weitergeht, erklärt Johannes Weigand, Generalintendant am Anhaltischen Theater in Dessau, im Interview.

Johannes Weigand
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MDR KULTUR: Wie wird das Theater Dessau nächstes Jahr dastehen?

Johannes Weigand: Das können wir noch nicht sagen, weil die Verhandlungen zwischen unserem Träger, der Stadt Dessau, und dem Land noch ausstehen. Es gibt nur Signale. Unsere Situation ist, dass wir mit dem auslaufenden Vertrag, 2014-2018, ganz gewaltig Stellen reduziert haben, nämlich 44 Stellen. Dass unsere Mitarbeiter 90 Prozent Teilzeit arbeiten, um weitere Stellen nicht abbauen zu müssen. Das hat insgesamt insofern funktioniert, dass wir unser Mehrspartenhaus zu  90  Prozent der eigentlichen Spielzeit betreiben. Das hat dem Theater unglaublich viel abgefordert, weil  die Personendecke wirklich sehr dünn ist.

Der Bereich Schauspiel wurde auch um die Hälfte verkleinert, auf acht Schauspieler. Was bedeutet das?

Das heißt einerseits, dass wir Produktionen reduziert haben, in ihrer Größe und Anzahl. Das gilt auch für die beiden anderen Sparten. Wir haben ja auch nur noch acht Sänger und acht Tänzer. Eine konkrete Folge ist zum Beispiel der Ausfall von Vorstellungen bei Krankheit.  Eigentlich eine Katastrophe für jeden Intendanten. Wenn einer mal länger krank ist, kann keine andere Sparte einspringen, denn das Programm ist entsprechend reduziert. Auch wenn ein Beleuchter ausfällt: Das Risiko, nicht spielen zu können, ist sehr viel größer geworden.

Sie sind ein Fünf-Sparten-Haus – Schauspiel, Musiktheater, Konzert, Ballett und Puppentheater. Bislang mussten Sie auf drei Millionen Euro jährlich verzichten. Geht es da überhaupt, noch mehr sparen?

Da geht jetzt nichts mehr.

Haben denn diese Sparvorgaben die erhofften Entlastungen gebracht?

Was meinen Sie mit Entlastungen?

Zum Beispiel steigende Personal- und Sachkosten.

Das ist ein anderes Thema. Wir haben den Stellenabbau so vollzogen, wie er in dem Plan vor fünf Jahren vorgesehen war. Ein zweites Element ist natürlich steigende Personal- und Sachkosten, ganz unabhängig von dieser Reduzierung. Und die liegt natürlich sehr vier höher als die Dynamisierung, die wir in den letzten Jahren erfahren haben. Die lag bei zwei Prozent. Sie wissen, was alles teurer geworden ist in den letzten fünf Jahren. Eine Schlüsselfrage für unsere Existenz ist, ob das, was an Mehrkosten auf uns zukommt, durch den Zuschuss ausgeglichen wird. Das war in den letzten fünf Jahren nicht so. Das Ergebnis davon ist, dass wir im Rechnungsjahr 2018 ein Minus von knapp 600.000 Euro ausweisen. Das ist ein Verlust, der sich wie eine Bugwelle Jahr zu Jahr auftürmt. Mit dem stehen wir jetzt da. Das ist ein Knackpunkt.

In Sachsen genießt die Kultur offenbar einen anderen Stellenwert. Da wurden die Mittel zur Theaterfinanzierung ab 2019 um zehn Millionen aufgestockt. Nun hat Kulturminister Rainer Robra in Sachsen-Anhalt angekündigt, dass es auch in seinem Land wieder mehr Geld für die Theater und Kulturförderung geben soll. Ist da bei der sachsen-anhaltischen Politik der Knoten geplatzt, dass der Trend nicht ewig weiter gehen kann? Können Sie sich jetzt entspannt zurücklehnen?

Zum entspannt Zurücklehnen ist es zu früh. Ich habe aber schon den Eindruck, dass Herr Robra unser Klagen einfach verstanden hat. Es ist ein hoffnungsfrohes Zeichen, wenn er sagt, er will nicht an die Struktur nicht. Weil das natürlich für alle Theater Konsequenzen hat. Das heißt nämlich, dass wir für die Teuerungen, die sich ergeben, einen Ausgleich erhalten und behalten werden. Ich glaube, unsere Mitarbeiter sind mit großer Hoffnung in die Ferien gegangen. Denn bei allem, was Herr Robra sagt, geht doch hervor, dass es angekommen ist bei der Landesregierung und sie auch wirklich was tun will, damit es funktioniert.

Sie waren bislang in den alten Bundesländern unterwegs. Ist diese Finanzmisere ein ausgemachtes Ost-Problem in der Kultur, ein ausgemachtes Sachsen-Anhalt-Problem?

Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Schrumpfung der Stadttheater im Westen etwa eine vierzigjährige Geschichte hat. Nach den Wirtschaftswunder-60er-Jahre-Zeiten finanzieren in den Städten in NRW die Städte ihre Theater fast alleine. Der Anteil, den das Land gibt, ist verschwindend klein. Gerade in NRW ist das Land nicht so engagiert wie hier in Sachsen-Anhalt.  Das ist ja sehr viel, dass man ein Land mit 30 bis 50 Prozent dabei hat. Da wurde schon verstanden, was für eine wesentliche Rolle Stadttheater auch für eine Land-Schaft zu tun hat.  

Das Interview führte Ilka Hein für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "Vorhang zu" - Spezial zur Situation der Theater in Sachsen-Anhalt | 28. Juni 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 04:00 Uhr