"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden
"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Theater "Schuld und Sühne" in Dresden: Faszinierendes Kaleidoskop des Schreckens

Vor etwa einem Jahr hat Regisseur Sebastian Hartmann am Staatsschauspiel Dresden das Stück "Erniedrigte und Beleidigte" nach einem Roman von Fjodor Dostojewski auf die Bühne gebracht. Dieser Abend wurde vom Dresdner Publikum sehr unterschiedlich aufgenommen, aber überregional sehr gelobt und sogar zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Nun hat Sebastian Hartmann wieder einen Roman Dostojewskis inszeniert: diesmal "Schuld und Sühne". Unser Kritiker war bei der Premiere – und ist begeistert.

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden
"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das erlebt man im Theater nicht alle Tage: Dass ein Regisseur wie Sebastian Hartmann nicht einfach nur die Geschichte des Mörders Raskolnikow nacherzählen würde, war zu erwarten, aber seine Inszenierung von "Schuld und Sühne" ist so radikal anders ausgefallen, dass es mich überwältigt hat. Theater von einem anderen Stern, möchte ich sagen. Viele haben so gebannt zugeschaut und zugehört, als lande soeben ein Ufo auf der Bühne. Hartmann verzichtet komplett auf lineare Abläufe, auf Akte, Szenen, Dialoge. Er hat es geschafft, alle Ausdrucksmittel – Text und Musik und Film und Bildende Kunst – zu vereinen. Wenn man das wirken lässt, und mir ging es über weite Strecken so, fällt man regelrecht in eine Art Trance-Zustand.

Ein Kaleidoskop des Schreckens

Stellen Sie sich eine Bühne ganz in schwarz-weiß vor. In der Bühnenmitte steht eine riesige Kirche und mehrere Leinwände, auf denen Filmszenen zu sehen sind. Sie zeigen die Brutalitäten des 20. Jahrhunderts: Kriege, Morde, Attentate – schlimme Bilder. Die Schauspieler irren hin und her, Menschen auf der Suche nach ihrem Platz in diesem Kaleidoskop des Schreckens. Dazu tragen sie einzelne Sätze, manchmal nur Worte aus dem Dostojewski-Roman vor. Darin geht es ja um Schuld, um Verbrechen, wie die verwendete Übersetzung sagt.

"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden
"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Bei Dostojewski ist es ein Mensch, Raskolnikow, der sich schuldig macht, weil er glaubt, er dürfe einen anderen Menschen "wie eine Laus" töten. Der Kontext, den Hartmann setzt, sagt: Die Menschen sind schuldig. Wir Menschen. Das ist gar nicht so einfach auszuhalten – auch, weil es wie eine Endlosschleife abläuft. Auf den Bildern ist ein Time-Code eingeblendet und an der Seite laufen immer wieder die Jahre von 0 bis 2019 ab, immer wieder.

Dostojewskis Text in kondensierter Form

Einerseits könnte man der Inszenierung einen Mangel an Dostojewski vorwerfen, ich sehe es aber anders: Hartmann lässt von Dostojewski eine Art Kondensat übrig, und dieses ordnet er, wie alles andere auch, diesem Gesamtwerk aus Bildern und Tönen und Körpern unter. Es gibt auch keine aufgesetzten Regie-Eskapaden, auch keine Riesen-Einzelauftritte für die Schauspieler. Keine Lacher, keine Ironie. Alles läuft parallel und gleichberechtigt, und man hat auf dieser Bühne und in dieser sehr ernsthaften Gleichzeitigkeit aller Medien so viel zu entdecken, dass man ziemlich gut ausgelastet ist ohne die Romanhandlung.

"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden
"Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Es ist ein – wenn auch finsteres – Fest für die Augen und die Ohren. Die erwähnte Kirche wird quasi aufgeklappt, sie wird geöffnet, und darin kommt an den Wänden ein riesiges Bild des Leipziger Künstlers Tilo Baumgärtel ans Licht. Das wirkt dann nochmal wie eine Abstraktion zu den grausamen Filmbildern auf den Leinwänden. Dazu kommt noch Musik von Samuel Wiese, die mal technoid ist, treibend, mal klagend, auch auch immer wieder Momente der Stille lässt. Ich habe selten etwas so Dichtes, so Komprimiertes, aber zugleich auch so Penetrantes gesehen wie diesen Abend, diese Leidens- aber auch die Tätergeschichte der Menschheit auf der Folie dieser Raskolnikow-Figur. Wenn Sie so wollen, war das nicht die Hamlet-, sondern die Schuld-und-Sühne-Maschine.

Am Ende, im erklärenden Nachtrag, dem keck-unterhaltsamen Theater-Manifest "Rede zum unmöglichen Theater" des Dramatikers Wolfgang Lotz, heißt es dann: "Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision." Solch eine Kollision ist in Dresden zu erleben, und was für eine – Chapeau!

Infos zum Stück "Schuld und Sühne" am Staatsschauspiel Dresden: nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski
in der Übersetzung "Verbrechen und Strafe" von Swetlana Geier
unter Verwendung der "Rede zum unmöglichen Theater" von Wolfram Lotz

Besetzung:
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Samuel Wiese
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Video und Kamera: Christian Rabending
Tonassistenz: Emily Kuhlmann
Live-Schnitt: Thomas Schenkel, Diana Stelzer
Wandzeichnung: Tilo Baumgärtel
Dramaturgie: Jörg Bochow
Mit: Luise Aschenbrenner, Moritz Kienemann, Philipp Lux, Linda Pöppel, Torsten Ranft, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi

Nächste Termine:
10. Juni 2019, 19.30 Uhr bis ca. 21.20 Uhr, Schauspielhaus Dresden

Weitere Termine folgen in der neuen Spielzeit.

Karten: 12 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juni 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2019, 13:54 Uhr

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