Jens Neundorff von Enzberg Was der neue Theaterintendant in Meiningen und Eisenach vorhat

In Meiningen geht eine kleine Ära zu Ende: Seit 15 Jahren leitet Ansgar Haag das südthüringische Staatstheater. Jetzt ist seine Nachfolge geklärt. Der Rat der Kulturstiftung Meiningen-Eisenach hat am 22. Juni einstimmig beschlossen, Jens Neundorff von Enzberg zum gemeinsamen Intendanten des Landestheaters Eisenach und des Meininger Staatstheaters zu berufen, ab der Spielzeit 2021/22. Bis vor zwei Jahren war das schon mal so. Ein Interview mit Jens Neundorff von Enzberg über seine Pläne.

Jens Neundorff
Jens Neundorff von Enzberg Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Eisenach ist die Geburtsstadt von Bach. Ist das auch ein Grund, dass Sie das Theater in Eisenach als barocke Perle bezeichnet haben? Oder was meinen Sie damit?

Jens Neundorff von Enzberg: Da kommt sicherlich Einiges zusammen. Natürlich ist Eisenach eine interessante Stadt. Jemand, der das Gegenteil behauptet, war nie dort. Und wenn man einmal aus der Region kommt, dann viele Jahre weg war und wieder zurückkommt, hat man für manche Dinge einfach einen anderen Blick – ohne das zu werten. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, maße ich mir gar nicht an. Aber ich muss sagen: Eisenach ist eine Stadt mit vielen Themen, mit vielen Inhalten, mit vielen Geschichten. Da fällt einem natürlich als Theatermann Einiges dazu ein.

Und es liegt auf der Hand, da mit Barock den Versuch zu unternehmen, etwas zu etablieren. Thüringen ist nun mal ein Musikland, und die barocke Musik hat in Thüringen große Wurzeln. Insofern war es relativ einfach, zu überlegen, ob man da nicht Barockmusik etablieren kann. Inwieweit das realistisch in der Umsetzung ist, vermag ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht zu beurteilen, weil natürlich in Eisenach viele Strukturen nicht mehr vorhanden sind, die so etwas leicht ermöglichen könnten. Insofern ist das jetzt einerseits eine Idee, andererseits ist da noch eine große Arbeit zu leisten, um das auf den Weg zu bringen.

Auf jeden Fall werden Sie sich vorstellen, dass in Zukunft die Freunde von Bach und Händel und Schütz in Scharen nach Eisenach pilgern.

Das hoffe ich natürlich, ist doch klar. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch so, dass zumindest Johann Sebastian Bach ja nicht allzu viele Opern geschrieben hat und dass man einfach eine Form finden muss, um sozusagen die Text-Werke, die er hinterlassen hat, umzusetzen. Konwitschny hat das sehr erfolgreich in Leipzig mit den Kantaten probiert. Aber es gibt eben – Bach war ja sehr produktiv, auch menschlich – genügend Söhne und Nachfahren, die sich gerade in diesem Bereich, auch bei der Oper, verdienstvoll gemacht haben. Da, denke ich mal, werden wir ansetzen.

Also bedeutet Eisenach als barocke Perle im Umkehrschluss für Meiningen mit dem deutlich größeren Haus: Da gibt es Verdi, Wagner und Puccini?

Theater Meiningen
Theater Meiningen Bildrechte: imago/Karina Hessland

Davon gehe ich jetzt erstmal aus. Dass wir natürlich das Repertoire versuchen werden zu trennen, hat ganz praktische und auch pragmatische Gründe. Zum Beispiel Opern, die in Meiningen möglich sind und das große Haus mit dem großen Graben und den großen Chor bedingen, sind in Eisenach schwerer umsetzbar, weil einfach das Haus kleiner ist. Und auf der anderen Seite ist es, wenn ein barockes Projekt für einen Raum entstanden ist, in der Regel schwierig, das transformativ auf eine andere Bühne zu bringen – was aber nicht ausgeschlossen ist. Aber ich denke schon, dass man einen Versuch unternehmen sollte, eine Profilschärfung hinzukriegen, ohne aber dass eine für das andere auszuschließen oder zu präferieren.

Haben Sie auch schon Ideen, was das Marketing betrifft? Meiningen ist ja unter Intendant Ansgar Haag sehr gut verkauft und vermarktet worden. Wie wird sich das auf der Achse Meiningen-Eisenach dann erweitern?

Ich sehe das tatsächlich, wie Sie es beschreiben, als Achse. Das sind beides keine großen Städte, aber beide mit großen Themen und großen Geschichten. Und möglicherweise kann man eine Form von Kulturtourismus entwickeln, ohne in die Banalität abzugleiten, dass das miteinander zu verbinden ist. Es ist tatsächlich doch auch so: Wenn man in Eisenach ins Bachhaus geht, warum geht man nicht parallel dazu in Meiningen ins Theater-Museum? Das miteinander zu vernetzen, war tatsächlich ein Thema.

Und ich glaube, dass sich das Besucherverhalten nach Corona komplett neu sortieren wird und wir noch mehr gefordert sein werden, Ideen zu entwickeln, um das Publikum in unsere Theater zu holen. Das war für mich eine ganz große Frage, ob ich das schaffen werde so wie Ansgar Haag, der ja mit seinem Programm wirklich Truppenteile aus Süddeutschland und aus Hessen mobilisiert hat, die in Bussen gekommen sind. Das ist eine Herausforderung, bei der es sicherlich von Nutzen sein wird, dass man eben zwei solch zugkräftigen Städte wie Meiningen und Eisenach zumindest theatralisch inhaltlich miteinander verknüpfen könnte.

Es kommen ja nicht immer die ganz großen oder ganz vollen Busse zur zeitgenössischen Musik. Sie sind ein großer Freund davon. Werden Sie das weiter verfolgen?

Auf jeden Fall ist das ein Thema. Die Vergangenheit können wir nicht mehr verändern, was auch manchmal ganz gut ist. Aber wir können zumindest partiell daran beteiligt sein, die Gegenwart mitzubestimmen. Und das macht man gerne mit lebenden Komponisten. Ich glaube schon, dass das natürlich auch schwieriger ist in Meiningen. Das hängt einfach mit der ganzen Struktur der Region zusammen. Das soll die gar nicht irgendwie abwerten. Aber zum Beispiel könnte ich mir vorstellen: Was heißt zeitgenössische Musik in so einer barocken Kulisse oder in so einem Theater wie in Eisenach? Ja, das ist ein kleinerer Saal. Dann kann man das leichter fühlen.

Ich denke schon, dass mich das, was mich ja seit vielen Jahren begleitet hat, jetzt hoffentlich auch nicht verlassen wird. Auf der anderen Seite habe ich mich natürlich auch immer mit dem Ausgraben von vergessenen Stücken beschäftigt. Das fällt in Meiningen insofern leichter, weil viele Stücke gerade des 19. Jahrhunderts so in Vergessenheit geraten sind, dass man tief graben muss, die aber auf der anderen Seite eben auch ein größeres Haus mit größeren Grab und einem großen Orchester bedingt.

Noch eine etwas persönlichere Frage: Sie sind derzeit Intendant in Regensburg. Was zieht Sie von der Donau an die Werra? Denn Meiningen ist ja ein etwas anderes Format.

Das ist durchaus eine Frage, die mir in der letzten Zeit öfters gestellt wurde. Es reizt mich, in so einer traditionsreichen Stadt wie Meiningen Theater zu machen, möglicherweise auch neue Formate und neue Publikumsschichten zu entdecken respektive nach Meiningen zu ziehen, gerade in einer Kombination mit den Formaten, die in Eisenach möglich sind. Ich sehe das wirklich im sehr, sehr positiven Sinne als eine Herausforderung. Ich gebe auch ehrlich zu, dass ich vor dieser Herausforderung entsprechend Respekt habe.

Die acht Jahre in Regensburg waren eine verdammt gute Zeit, das muss ich einfach sagen, eine lebenswerte Stadt an der Donau, mit vielen jungen Menschen und Studenten. Aber ich glaube, es gehört dazu, dass wir mit den Erfahrungen, die wir als Intendanten sammeln, auch an Orte gehen, die möglicherweise andere Herausforderungen mit sich bringen.

Und so verstehe ich Meiningen. Es ist ein hervorragend aufgestelltes, wunderschönes Haus. Und die Stadt Eisenach, Meiningen, überhaupt Thüringen ist ja eine lebenswerte Gegend. Ich bin ja in Thüringen geboren, und freue mich einerseits, wieder zurückzukehren. Auf der anderen Seite merke ich auch die vielen Jahre, die ich jetzt nicht in Thüringen war. Ich habe mich verändert mit meinen Sichtweisen auf das Leben und aufs Theater im Speziellen. Und das kann sicherlich für beide Seiten ein produktiver Protest in Thüringen werden: Für das Theater, die Menschen, die da kommen und aber auch für mich.

Das Interview führte Moderator Alexander Mayer für MDR KULTUR.

Mehr zu Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juni 2020 | 16:10 Uhr