Dresdner Koproduktion "Homecoming": Digitales Rätseltheater zum Mitmachen in Hellerau

Die Theatergruppe machina eX ist dafür bekannt, Videospiel-Ästhetik für die Bühne zu nutzen. Das Publikum schaut bei diesen Produktionen nicht nur zu, sondern muss Rätsel lösen. Dafür sollen sie wie in einem Point-and-Click-Adventure Punkte im Bühnenraum finden, die durch Elektronik aktiviert werden. In Corona-Zeiten funktioniert dieser Ansatz nicht und so hat das Theaterkollektiv ihren Ansatz in den digitalen Raum verlegt. In "Homecoming" muss das Publikum chatten und im Internet recherchieren.

Homecoming von machina eX 4 min
Bildrechte: Fotografiert von Barbara Lenartz, bereitgestellt vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau

Was hat es mit SHELTER auf sich? Diese Frage soll das Publikum in dem Stück "Homecoming" von machina eX mit Chatnachrichten, Telefonanrufen und Videoblogs lösen. Online-Theater mit politischer Aktualität.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 16.11.2020 15:30Uhr 04:14 min

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Wer sich entspannt zurücklehnen und am Bildschirm bespielen lassen will, dem sei vorab gesagt: Die Betonung liegt bei "Homecoming" eher auf Gaming, als auf Theater. Aktion aller Beteiligten ist gefragt und so sollte man im Chat, zu dem man eingeladen wurde, nicht zu viel Zeit verstreichen lassen und gleich mittexten. Denn nicht nur der Gruppenmoderator Moritz, gespielt von Jan Jaroszek, sondern alle im Chat sind Mitwirkende der Inszenierung.

Was steckt hinter SHELTER?

Auch Rabea, gespielt von Anne Eigner, ist mit ihrem Videoblog Teil der Inszenierung. Sie gehört einer Community an, die sich freiwillig und vermutlich für die Dauer der Pandemie in Quarantäne begeben hat – und das Ganze lifestyle-artig im Netz zelebrieren. Am 220. Tag des selbst auferlegten Lockdowns bekommt sie einen Brief der supranationalen EU-Behörde Euravoid, in dem für das SHELTER-Schutzprogramm geworben wird. Vereinfachter Zugang zu präventiven Maßnahmen wird bei Aufnahme in das Programm versprochen, um gesund und sicher durch die Pandemie zu kommen. In den Genuss dieser Privilegien kommen allerdings nur diejenigen, die den Test bestehen. Den so genannten SHELTER-Test haben im besten Fall alle Chatmitglieder bereits gemacht, denn vorab musste man sich beim Messenger-Dienst Telegram anmelden und bekam daraufhin die Unterlagen für den SHELTER-Test per Post zugeschickt.

Homecoming von machina eX
Jan Jaroszek als Gruppenmoderator Moritz in einer Szene aus "Homecoming" Bildrechte: Fotografiert von Barbara Lenartz, bereitgestellt vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau

Rabea will nun wissen, was hinter dieser Behörde und dem Schutzprogramm steckt. "Dafür brauche ich Eure Hilfe", bittet sie in ihrem Videoblog. "Also wenn Ihr schon den Test gemacht habt und meint es ist irgendwie möglich an die Testergebnisse zu kommen, dann könnten wir unsere Ergebnisse vergleichen und sehen, nach welchen Kriterien die beurteilen, wer aufgenommen wird und wer nicht."

Gaming-Dramaturgie im Theater

Damit wäre der Online-Escape-Room oder die virtuelle Schnitzeljagd eröffnet. Entwickelt wurde "Homecoming" vom Theaterkollektiv machina eX zusammen mit dem Berliner HAU, dem Forum Freies Theater Düsseldorf und dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden. Allerdings war das Markenzeichen von machina eX bisher eher gegenteilig, nämlich Strategien von Computerspielen aus dem Netz auf die Bühne zu transferieren.

Homecoming von machina eX
Jan Jaroszek in einer Szene von "Homecoming" Bildrechte: Fotografiert von Barbara Lenartz, bereitgestellt vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau

Der Wunsch, eines ihrer begehbaren Computerspiele auch als Wohnzimmerversion zu veröffentlichen, bestand schon länger, durch die Pandemie wurde das ganze nun beschleunigt. Wobei machina eX mit inzwischen zwei eigens fürs Netz entwickelten Stücken in den digitalen Raum umgezogen sind. "Letztendlich besteht das Spiel aus einer Software, die wir an Telegram angeschlossen haben. Das ist eine Software, die wir über die letzten Jahre entwickelt haben und die konnten wir jetzt eben nutzen, um da noch weiterzugehen. Ursprünglich war die für SMS und Anrufe gedacht und jetzt sind wir damit eben in den Messanger-Dienst umgezogen", erklärt Clara Ehrenwerth, Geschäftsführerin, Autorin und Dramaturgin des Kollektivs.

Aktives Publikum im digitalen Raum

Um die Geschichte von "Homecoming" voranzutreiben, wird gechattet, hier und da ein Anruf getätigt und im Netz recherchiert. Gelegentlich erhält man auch eine Sprachnachricht und immer wieder gibt es neue Videobotschaften von Rabea. Die Grenzen zwischen persönlichem Kontakt und künstlicher Intelligenz scheinen dabei fließend zu sein, was aber kaum eine Rolle mehr spielt, wenn einen das "Jagdfieber" einmal gepackt hat. "Es ist eben keine Lösung für darstellende Kunst, einfach in den digitalen Raum umzuziehen und dann so zu tun, als würden die gleichen Regeln wie im Theaterraum gelten. Wenn man in diesem Raum umzieht, muss man sich schon überlegen, wie man dann mit dem Publikum umgeht und welche Rolle das dann da einnimmt und das ist in der Regel eher eine aktive, weil wir haben halt die ganze Zeit unsere Hand auf der Maus oder auf dem Touchscreen und dann wollen wir sie auch benutzen und nicht einfach nur zugucken", begründet Ehrenwerth die Ästhetik.

Homecoming von machina eX
Plakat zu "Homecoming" Bildrechte: Fotografiert von Barbara Lenartz, bereitgestellt vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau

Überraschend ist letztlich die Aktualität von "Homecoming" mit den darin aufgeworfenen biopolitischen Fragen, schließlich wird derzeit diskutiert, welches Land wie viele Corona-Impfdosen bekommen und wer dann zuerst gegen COVID-19 geimpft werden soll. Vorprogrammiert war das von machina eX allerdings nicht.

Mehr Informationen "Homecoming" von machina eX

Performance: Anne Eigner, Jan Jaroszek, David Simon
Text: Clara Ehrenwerth
Regie: Yves Regenass
Dramaturgie und Game-Design: Mathias Prinz
Besetzung:
Jan Jaroszek, Anne Eigner und David Simon
Technische Leitung: Lasse Marburg
Grafik, Szenenbild, Kostüm: Barbara Lenartz
Programmierung: Sebastian Arnd, Benedikt Kaffai
Web Design: Philip Steimel
Sound Design: Jascha Dormann, Malu Peters
Mitarbeit: Antonia Bitter

Weitere Termine:
20.-22. November und 4. bis 6. Dezember, jeweils um 17 und 20 Uhr
Zum Mitspielen werden ein Computer mit Internetzugang, ein Telefon und ein Briefkasten benötigt.

Theater in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2020 | 13:10 Uhr