Überblick Welche Corona-Strategien haben die Theater?

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Corona hat den Spielplan geändert, nicht nur des gesellschaftlichen Zusammenlebens, auch den der Theater. Wie gehen die Bühnen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Pandemie-Situation um? Finden noch Veranstaltungen bei ausverkauften Häusern statt? Welche Hygienekonzepte haben die Bühnen aufgelegt? MDR KULTUR hat recherchiert.

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In vielen Theatern können aufgrund der Abstandsregeln derzeit nur wenige Sitze besetzt werden Bildrechte: dpa

Die coronabedingten Einschränkungen in den Theatern werden an den einzelnen Häusern sehr unterschiedlich umgesetzt. Grundsätzlich gilt: Die Theater müssen sich bei den Gesundheitsämtern ihr Hygienekonzept genehmigen lassen, wobei das Lüften mit Frischluft eine große Rolle spielt. Wenn dieser Luftaustausch leistungsstark ist, ist vieles möglich. So wird der Vorstellungsbetrieb an den einzelnen Häusern unterschiedlich gehandhabt. In Dresden werden die Besuchenden mit Absperrbändern auf die Plätze gelotst. Man sitzt auf Abstand, jede zweite Reihe bleibt frei, auch zwei Plätze links und rechts. Und der Theaterimbiss ist geschlossen. Ganz anders in Leipzig: Da sitzt man im Parkett wie immer, nur der Rang ist gesperrt. Der Theaterimbiss ist auch geöffnet.

Die Allgemeinverfügungen lassen Spielräume je nach Ort und Infektionszahlen zu, was die örtlichen Theater unterschiedlich treffen kann. Steigen die Infektionszahlen insgesamt, muss mehr Abstand gehalten werden. Theaterschließungen – selbst bei einem Grenzwert über 50 pro 100.000 Einwohnenden – gibt es in Sachsen aktuell nicht und sind auch nicht vorgesehen. Es droht also derzeit kein Theater-Lockdown.

Drei Grenzwertstufen

Entscheidend für nötige Einschränkungen sind drei Grenzwerte. So gilt zum Beispiel in Sachsen:

  • Wenn es in den letzten sieben Tagen mehr als 20 Fälle pro 100.000 Einwohner gibt, sollte man langsam gegensteuern
  • Wenn es 35 Fälle pro 100.000 Einwohner gibt, müssen die Landkreise mit sogenannten Allgemeinverfügungen Maßnahmen ergreifen.
  • Wenn es mehr als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner sind, müssen besondere Maßnahmen ergriffen werden.

Veranstaltungen werden zu Zitterpartien

Wie fragil die Durchführung von Veranstaltungen durch die aktuellen Pandemie-Entwicklungen ist, zeigt ein Beispiel aus Leipzig. So findet im Leipziger Gewandhaus eine Gala-Nacht der Operette statt, eine Vermietung an einen Konzertveranstalter. Da es im Haus eine gute Lüftung gibt und deswegen ein genehmigtes Hygienekonzept, wäre eine Vollbesetzung mit 1.900 Besuchenden möglich. Die Bedingung: Es muss eine Kontaktverfolgung gewährleistet sein und die Besucher müssen während des Konzertes eine Maske tragen.

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Plexiglasscheiben zwischen den Sitzen gibt es im Real Teatro di San Carlo in Neapel Bildrechte: imago images/Independent Photo Agency Int.

Derzeit liegt der Inzidenzwert, das ist die Fallzahl auf 100.000 gerechnet, in Leipzig bei 16. Wenn dieser Wert auf 20 steigt, dann dürfen nur noch 1.000 Besuchende kommen. Dann muss auch das Gewandhaus selbst – und nicht mehr der Konzertveranstalter – dafür sorgen, dass nur noch 1.000 Besucher kommen. Wie legt man nun fest, wer hinein darf und wer nicht? Oder sollte man lieber komplett absagen? Keine leichte Entscheidung.

Zu pauschale Beurteilungen

Lutz Hillmann, Intendant und Regisseur
Lutz Hillmann, Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen im Deutschen Bühnenverein Bildrechte: Deutsch-Sorbisches Volkstheater

Für die neue Coronaschutzverordnung des Landes Sachsen hat Lutz Hillmann eine Stellungnahme verfasst, er ist Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen im Deutschen Bühnenverein und Intendant am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen. Im Gespräch mit MDR KULTUR beklagt er, dass in der Verordnung nur von Veranstaltungen in geschlossenen Räumen gesprochen wird. Aus seiner Sicht ist das genauso die kleine Studiobühne in Hinterposemuckel wie die Semperoper. Hillmann fordert hier eine Differenzierung. Er meint, dass die Theater durch die aktuellen Regeln schon zu sicheren Räumen geworden sind.

Eine stichprobenartige Telefonnachfrage von MDR KULTUR bei einigen Theatern und Konzerthäusern in Halle, Weimar, Annaberg-Buchholz und Leipzig ergab, dass es aktuell keine nachgewiesenen Fälle in den Häusern gibt, dass sich jemand bei einem Theaterbesuch angesteckt hätte.

Marc Grandmontagne
Marc Grandmontagne, Direktor des Deutschen Bühnenvereins Bildrechte: Paul Leclaire/Deutscher Bühnenverein/dpa

Auch Marc Grandmontagne, Direktor des Deutschen Bühnenvereins, weist darauf hin, dass die mögliche Begrenzung der Zuschauerzahlen nicht nachvollziehbar und "kulturblind" seien. Theater seien bisher kein nachweisbarer Ort der Infektion mit dem Coronavirus gewesen. Grandmontagne ist überzeugt davon, dass aufgrund der modernen Lüftungsanlagen und der konkreten Hygienemaßnahmen die Theater und Konzertsäle sichere Orte sind.

Theater ist mehr als die Aufführung

Was man durch die Corona-Beschränkungen deutlich spürt: Theater findet nicht nur auf der Bühne statt. Das Drumherum gehört dazu – und es fehlt. Denn man geht zusammen mit der Familie und Freunden ins Theater, trifft Bekannte, unterhält sich in der Pause. Das alles findet gerade nicht mehr statt, beziehungsweise nur sehr eingeschränkt.

Theater in Coronazeiten - Beiträge hören

Akteure auf Theaterbühne in Schutzblasen aus durchsichtigem Kunststoff. 5 min
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Theaterpädagogische Angebote helfen Jugendlichen auf ihrem Weg in Erwachsenwerden. Spielerisch können sie ausprobieren, was später real entschieden werden muss. Wie funktioniert das unter Coronabedingungen?

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Wie wirkt sich Corona auf die Theater-Abos aus? MDR KULTUR hat nachgefragt. Die Ergebnisse fasst Regine Förster zusammen.

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Corona hat den Spielplan geändert, nicht nur des gesellschaftlichen Zusammenlebens, auch den der Theater. Wie gehen die Bühnen im Sendegebiet mit der Pandemie-Situation um? MDR KULTUR hat recherchiert.

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Die Kammersymphonie Leipzig mit der Geigerin Anne Luisa Kramb beim Konzert im Festsaal der Wartburg. 9 min
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Aufgrund der Abstandregeln spielen die Orchester im ausgedünnten Modus. Das klingt gut, befinden die Kritker. Und was bedeutet das für die Zeit nach Corona? Ein Gespräch mit dem Musikkritiker Uwe Friedrich.

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Aktuell auf mitteldeutschen Theaterbühnen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Oktober 2020 | 18:05 Uhr