Nachgefragt in Bautzen, Dessau und Weimar Wie Theater mit der Corona-Krise umgehen

Wegen der Corona-Pandemie sind die Theater geschlossen. Wie lange, kann noch keiner genau sagen. Doch was macht ein Schauspieler oder eine Maskenbildnerin im Homeoffice? Und was hilft Bühnenschaffenden ein Krisen-Instrument wie die Kurzarbeit? Wie Schauspielhäuser in Mitteldeutschland mit der Situation umgehen können, das haben wir die Intendanten in Bautzen, Dessau und Weimar gefragt.

Berlin: "Alle Vorstellungen sind abgesagt." ist über den Spielplan vom Theater am Palais geklebt. 4 min
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Wegen der Corona-Pandemie bleiben die Theater geschlossen. Die Intendanten Hasko Weber vom DNT in Weimar, Lutz Hillmann vom Volkstheater in Bautzen und Johannes Weigand vom Anhaltischen Theater in Dessau erzählen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 25.03.2020 07:10Uhr 04:21 min

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Auf allen Bühnen ist der Spielbetrieb eingestellt. Theaterkunst ganz ohne Ansteckungsgefahr bieten auch einige Häuser in Mitteldeutschland via Internet. Tröstlich, aber kein Ersatz. Lutz Hillmann, der Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen, kämpft immer noch mit dem Schock, Theaterdirektor eines geschlossenen Hauses zu sein:

Ich denke immer noch manchmal: 'Was spielen wir denn heute Abend?', und merke dann: 'Ah, gar nichts.' Das ist kein gutes Gefühl.

Lutz Hillmann Intendant in Bautzen

Theaterleute in "Heimarbeit"?

Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen.
Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen Bildrechte: dpa

Trotzdem wird an seinem Haus hinter den Kulissen gearbeitet. So wie auch in Dessau, am Anhaltischen Theater. Intendant Johannes Weigand berichtet, wie er sich bemüht, noch ein bisschen Routine beizubehalten: "Naja, wir haben jetzt jeden Morgen um 10 Uhr eine Leitungsrunde gemacht im Theaterrestaurant, wo wir alle weit auseinander an einem Tisch sitzen können. Jetzt – da wir die Ensembles, das Orchester nicht mehr zusammen proben lassen können, sind wir gerade dabei, auf die Heimarbeit zu gehen. Wir werden uns also im Haus nicht mehr viel begegnen."

Johannes Weigand
Johannes Weigand, Intendant Anhaltisches Theater in Dessau Bildrechte: dpa

Auf die Frage, was Heimarbeit für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eines Theaters heißen kann, antwortet Weigand, zum Beispiel eine Perücke zu knüpfen. "Heimarbeit heißt selbstverständlich auch für alle Künstler, dass sie sich in ihrer Kunst fit halten, bis es wieder und vielleicht sehr schnell losgeht. Da müssen Sie allerdings keinen extra dazu auffordern an einem Theater."

"Kurzarbeit ist für Theater keine Lösung"

Hasko Weber, 2017, auf dem Balkon des Deutschen Nationaltheater in Weimar
Weimars Theater-Intendant Hasko Weber Bildrechte: dpa

Doch was ist, wenn das so schnell nicht passieren wird, die Häuser länger als bisher absehbar geschlossen bleiben? Hasko Weber, Generalintendant in Weimar, ahnt, auch in seiner Funktion als Vorsitzender der Intendantengruppe im Deutschen Bühnenverein, dass die vergleichsweise privilegierte Situation an den öffentlichen Theatern nicht in Stein gemeißelt ist: "Das wird mit Sicherheit gesamtgesellschaftlich nicht durchzuhalten sein. Einen Antrag auf Kurzarbeit haben wir noch nicht gestellt, aber andere Häuser. Ich bin der Auffassung, dass es da andere Lösungen geben muss", erklärt Weber und begründet, dass die Kurzarbeitsregelungen "die sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Verträge in unserem Haus ganz anders und heftig" träfen. Deutlich macht er das an einem Beispiel: "Eine Sängerin, die aus Korea stammt und mit dem Vertrag hier ihre Existenzberechtigung nachweist, könnte schon bei geringer prozentualer Einschränkung diese Existenzberechtigung verlieren und würde riskieren, abgeschoben zu werden."

Ein solches Problem hat Lutz Hillmann an seinem Haus in Bautzen so nicht, im Umgang mit dem Ensemble spürt aber auch er eine spezielle Verantwortung: "Theater ist ein emotionales Geschäft. Und das kommt jetzt besonders zum Tragen. Schauspieler, Künstler sind emotionale Leute und da muss man gucken, wie man das im Griff behält."

Die Krise als Chance, so wie '89?

Vielleicht, meint Hasko Weber, kann da die Erfahrung helfen, die er 1990 als junger Schauspieler in Wende-Zeiten machte; als an den Theatern des Ostens plötzlich auch nichts mehr so wie vorher war. Damals wirkte er in Wolfgang Engels legendärer Dresdner "Faust"-Inszenierung mit. "Als die Mauer fiel, wurde die Arbeit drei Monate unterbrochen." Als im Juni 1990 Premiere war, schien die Inszenierung veraltet: "Wir haben an einer Konzeption gearbeitet, die von der Zeit überholt wurde. Eine interessante Erfahrung." Weber findet, die gravierenden gesellschaftlichen Veränderungen, die damals abrupt vonstatten gingen, ließen bestimmte Vergleiche zu:

"Da kann man sicherlich auf Erfahrungen zurückgreifen. Die erste wäre, so weit es geht, Gelassenheit an den Tag zu legen. Im Hinblick auf die künstlerische Arbeit könnten wir uns vielleicht wieder mehr einem humanistischen Kern nähern, der sich weniger an Äußerlichkeiten und gesellschaftlichen Oberflächen orientiert als an zentralen Fragen. Vielleicht ist das eine Chance."

Kulturschaffende in der Corona-Krise unterstützen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2020 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 09:19 Uhr

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