Harzer Theaterfestival TheaterNatur: Kuriose Geschichte über Sandmännchen aus Ost und West

Das Harzer Festival TheaterNatur ist auf der Waldbühne Benneckenstein mit der Uraufführung von "Es ist noch nicht soweit" eröffnet worden. Zum Jubiläum der Wiedervereinigung lässt Sören Hornung das ungewöhnlich erfolgreiche Ostsandmännchen auf seinen nun arbeitslosen Kollegen aus dem Westen treffen. Der Dramatiker und Regisseur Janek Liebetruth erzählen eine Geschichte voller Witz, absurden Ideen und einem Funken Hoffnung auf die nächste Generation.

Schauspieler auf einer Bühne
Achim Wolff und Hans Klima als Sandmännchen Bildrechte: THEATERNATUR FESTIVAL DER DARSTELLENDEN KÜNSTE/Frank Drechsler

Theaterfestivals sind in diesem Jahr keine Selbstverständlichkeit, denn wegen der Corona-Krise gab es kaum Planungssicherheit. Doch TheaterNatur im Harzer Benneckenstein hat sich davon unbeeindruckt und sogar äußerst solidarisch gezeigt. Die Mannschaft um den Festivalmacher und Regisseur Janek Liebetruth hat schon sehr früh reagiert und sogar das diesjährige Festivalthema leicht angepasst: Anstatt zu fragen "Endstation Einheit?" bekommt das Motto nun ein Ausrufezeichen. Liebetruth meint, dass gerade jetzt die Zeit für mehr Zusammenhalt und Solidarität ist. Das lebt er auch mit seinem Festival vor: Dank vieler Sponsoren aus der Region beträgt das Budget 311.000 Euro beträgt und davon sollte auch die von der Krise besonders gebeutelte Freie Szene etwas abbekommen. 80 Projekte haben sich auf den Open Call hin beworben und 16 Gruppen aus ganz Deutschland spielen nun bis zum 23 August für ein Einheitshonorar. So ist ein vielfältiges Programm entstanden, das über das einfache Theater hinausgeht, sondern auch Tanz, modernen Zirkus, Performance und Musiktheater umfasst.

Erfolgsgeschichte aus dem Osten

Am Freitag wurde das Festival mit Liebetruths Uraufführungsinszenierung von Sören Hornungs Auftragswerk "Es ist noch nicht soweit" eröffnet. Der junge Dramatiker und der Festivalchef arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen: Beide sind in den 80er-Jahren geboren und gehören somit zur Generation, die die Wende nicht gemacht haben, sondern in die von ihren Eltern gemachte deutsche Einheit von Kindheit an reingewachsen sind. Sie sind also nicht frei von den alten Ost-West-Geschichten, mit denen sie sich künstlerisch auseinandersetzen – gerade bei diesem Festival im Harz, wo Ost und West auf besondere Weise geteilt waren und wieder zusammengewachsen sind.

Schauspieler auf einer Bühne
Achim Wolff als Ostsandmännchen Bildrechte: THEATERNATUR FESTIVAL DER DARSTELLENDEN KÜNSTE/Frank Drechsler

Passend dazu wollten sich die beiden Künstler mit der Geschichte zweier prominenter Männer aus Ost und West beschäftigen, die sie als Kinder umtrieben haben: die beiden Sandmännchen. Bei denen lief es anders, als bei vielen in der Realität. Denn das Ost-Sandmännchen sagt irgendwann im Stück selbst, dass es "einer der wenigen Ossis in einer Führungsposition" ist, während das Westsandmännchen abgewickelt wurde und seit 1990 ohne Arbeit dasteht. Er ist nach seinem Ende im Mediengeschäft ein mürrischer alter Mann geworden, der wegen der billigen Mieten nun gemeinsam mit seiner Tochter Kassandra im Osten wohnt.

Das Nachleben des Westsandmännchens

Im Krisenjahr 2020 gerät das Leben des Westsandmännchens völlig durcheinander. Zwielichtige Typen dringen in seine Wohnung ein, stellen alles auf den Kopf und machen die Einrichtung kaputt. Dann tauchen lauter gescheiterte Existenzen auf: Achim, ein arbeitsloser Ex-Straßenbahnfahrer, will wieder auf die Beine kommen; Sissi Foss, eine gescheiterte Frau aus Bietigheim-Bissingen, möchte als innovative Sandputzerin wieder ins Geschäft kommen und  Kamerafrau und Ex-Soldatin Frauke, die ihren Mann Hansi und ihren Glauben an die Freiheit bei der Verteidigung derselben am Hindukusch verloren hat. Alle drei hoffen darauf, in einer Super-Sonder-Sendungs-Show auftreten zu können, die offensichtlich in der Wohnung des nichtsahnenden Westsandmännchens produziert werden soll. Dieser ist von der Situation total überfordert und muss mit ansehen, wie sein Leben ein weiteres Mal auseinander zu brechen droht.

Schauspieler auf einer Bühne
Hans Klima als Westsandmännchen, Benjamin Kramme als Achim und Elaine Cameron als Kassandra Bildrechte: THEATERNATUR FESTIVAL DER DARSTELLENDEN KÜNSTE/Frank Drechsler

Hinter diesen Vorgängen steht niemand geringeres als das Ostsandmännchen. Dieser Wende-Gewinner im Brioni-Anzug ist nämlich durch die Corona-Epidemie in die Krise geraden und der alt gewordene, aber immer noch aktive Fernsehstar des Ostens wäre im Lockdown und der ihm verordneten Einsamkeit im Solarium seines heimischen Kellers fast verzweifelt. Doch ein erfolgreicher Medienmensch wie er gibt nicht auf. Er will seinen Zuschauern den Glauben an sich selbst und das Leben zurückgeben. Dann hat er die Idee zur großen Super-Sonder-Sendungs-Show, deren Höhepunkt die Versöhnung mit dem Westsandmännchen sein soll, bei der ganz nebenbei auch all die anderen 'Loser' wieder Mut bekommen sollen.

Wiedervereinigung auf links gedreht

MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling hat die Inszenierung gesehen und findet, Sören Hornung habe die Geschichte der deutschen Einheit einmal auf links gedreht und mit den wahnwitzigen Erfahrungen unserer aktuellen Zeit in Beziehung gesetzt. In "Es ist noch nicht soweit" erzähle der Dramatiker eine abstruse Story, die einen dialektischen Blick auf das werfe, was Wahrheit sein könnte. Denn in diesen Zeiten möchte kaum jemand das letzte Wort für sich beanspruchen, aber bei diesem Theaterabend macht das Abklopfen der Wahrheit Spaß und man kommt sich wieder ein Stückchen näher, so Schilling. Die beiden alten Sandmänner schaffen das am Ende freilich nicht mehr, aber dafür singen die Jungen zum Schluss, die die Show weiter am Laufen halten müssen, ein Lied voller bescheidenem Optimismus.

Schauspieler auf einer Bühne
Achim Wolff und Hans Klima als Sandmännchen Bildrechte: THEATERNATUR FESTIVAL DER DARSTELLENDEN KÜNSTE/Frank Drechsler

Janek Liebetruth sei ein kurzweiliger Abend gelungen, der trotz viel Spaß in die Tiefe geht, so das Fazit des Kritikers. Mit leichter Hand zeige er das deutsche-deutsche Miteinander in der aktuellen Krise und präsentiert im Grunde ein Corona-Stück, in dem das Wort Corona nicht ein einziges mal fällt. Am Ende gab es vom Publikum verdienten Applaus, für eine schöne, generationenübergreifende Ensembleleistung. Es habe zwar wegen des Premierenfiebers noch hin und wieder gehakt, so Schilling, doch in kommenden Vorstellungen würde auch das noch alles zusammenwachsen. Ansonsten hält ein alter Fernsehprofi, wie der von Achim Wolff gespielte Ostsandmann, den Kopf oben und spielt auch mal ohne Text weiter: The Show must go on!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. August 2020 | 08:45 Uhr