Leuchtschrift - Theaterkasse
Theater finanzieren sich nicht nur durch die Eintrittsgelder. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Debatte Theater zwischen Kunst und Geschäft

Theater spüren Aufwind. Nach Jahrzehnten des Sparens und der Umstrukturierung in vielzitierte "effizientere" GmbHs, werden Theater wieder als Orte der gesellschaftlichen Diskussion wertgeschätzt. Aber wie genau? Wie lassen sich künstlerische Interessen und kaufmännische Erfordernisse verbinden? Und wie gehen die verschiedenen Theater in Deutschland dabei vor? Dazu Volker Arnold, kaufmännischer Geschäftsführer der fusionierten Theater Altenburg und Gera, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Leuchtschrift - Theaterkasse
Theater finanzieren sich nicht nur durch die Eintrittsgelder. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

MDR KULTUR: Zum Theaterstreit in Halle, bei dem die Intendanten von Oper und Schauspiel gegen den kaufmännischen Geschäftsführer stehen, haben sich in der letzten Woche Intendanten aus dem ganzen Land solidarisiert. Kunst und Betriebswirtschaft scheinen in Halle zu streiten. Fällt da plötzlich auch auf, dass da was grundsätzlich mit dem Modell, Theater als GmbH zu organisieren, nicht stimmt?

Volker Arnold: Dass da irgendetwas schief läuft, hat jetzt erstmal nichts mit der Struktur zu tun. Ein kaufmännischer und ein künstlerischer Geschäftsführer ist ja an einem Theater völlig üblich.

Also, wenn man Halle jetzt so sieht, man kann sich ja auch fragen, warum knallt es eigentlich nicht viel öfter zwischen Intendanten und kaufmännischen Geschäftsführern, die ja scheinbar erstmal, wenn man Klischees bemüht, aus zwei unterschiedlichen Welten kommen?

Naja, es beginnt ja immer im Kopf. Zwischen Intendant und Geschäftsführung muss einfach Einigkeit und Klarheit über das Gesamtkonzept künstlerischer und ökonomischer Art existieren. Das heißt also, wie man so schön sagt, es darf zwischen Wand und Tapete kein Platz sein. Und es gibt da nun die unterschiedlichsten Strukturen, die man anwendet, die aber letztendlich egal sind. Wenn es zwischen diesen beiden Spitzenpersonen von Kunst und Ökonomie am Theater nicht funktioniert, dann funktioniert das ganze Theater nicht. Das wäre der Punkt.

Das wäre die persönliche Ebene, Herr Arnold. Aber wenn wir es tatsächlich mal ein bisschen struktureller betrachten: Ist es denn nicht der neoliberale Mainstream gewesen, wenn die Theater keine Stadttheater mehr sein durften, sondern formal privatisiert GmbHs werden mussten, in einer Zeit, so in den 90ern, wo alles nach Markt aussehen musste? Ist das nicht der Hintergrund?

Innenansicht des Deutschen Nationaltheaters in Weimar.
Theater stehen in künstlerischer und ökonomischer Verantwortung Bildrechte: dpa

Naja, in den 90er-Jahren ging es ja erstmal um etwas ganz anderes. Und zwar, wie das Theaterangebot in den neuen Bundesländern, trotz dieser enormen Tarif- und Sachkostensteigerungen überhaupt auf dem Niveau weiter aufrechterhalten werden konnte. Und in einigen Städten gab es ja dann die Lösung von Fusionen und es gab auch die Lösung von Haustarifverträgen. Aber das ist ja jetzt erstmal überhaupt nicht das Thema, sondern es geht ja hier auch um eine personelle Ebene.

Mich interessiert diese grundsätzliche Ebene. Wenn man sagt, da verstehen sich zwei oder drei nicht, das kann immer passieren. Aber es geht ja um dieses grundsätzliche Modell, also die Frage, hat man sich nicht vor allem der städtischen Angestellten entledigt und sich von den Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst abgekoppelt, aus den Gründen, die sie angedeutet hatten? Theaterlandschaft in Mitteldeutschland – was würden Sie sagen, was ist denn rausgekommen? Die teuren Theaterapparate, mit Technik und Verwaltung und dann auch kaufmännischem Geschäftsführer, sind teuer geblieben. Und auf der anderen Seite, die Kunst, die Künstler sind das Sparpotential, wo das betriebswirtschaftliche Denken dann wirken kann?

Es kommt ja auf die Fürsorge einer Kommune für ihr Theater an. Das ist ja das Grundlegende. Wie viel ist einer Kommune dieses Theater, was sie haben, überhaupt wert? Und da ist der Ansatzpunkt. Wir wissen ja, Theater ist sehr teuer und 80 Prozent der Kosten sind Personalkosten. Und wir wissen auch, dass Tarif- und Sachkostensteigerungen sind. Aber trotzdem kommt dann der Fürsorgepflicht einer Kommune eine ganz große Bedeutung zu, denn welche Art von Theater will sie in ihrer Region haben. Und das ist der Angelpunkt an dieser ganzen Geschichte. Es ist gar nicht die Rechtsform als solches, sondern natürlich die Ausgestaltung der ganzen Sache.

Aber mit der Rechtsform ist doch passiert, dass es vorher diese relativ eindeutige Situation gab – oben auf dem Theater sitzt der Intendant, der die letzte Entscheidung hat – und diese Struktur ist ja verändert worden, dadurch, dass er eben jetzt immer auch einen kaufmännischen Geschäftsführer in einer GmbH gibt. Und damit unterschiedliche Interessen im selben Haus?

Naja, es gibt unterschiedliche Strukturen, die da angeführt werden, in GmbHs. Es gibt ja auch nur Intendanten, die gleichzeitig Geschäftsführer sind, wo es einen Verwaltungsleiter gibt, der da residiert. Es gibt andere Formen, wie ich sie ja in Plauen/Zwickau erlebt habe. Ich war da alleiniger Geschäftsführer als Ökonom. Und der Generalintendant war zwar Generalintendant, aber mir auch nicht direkt unterstellt, sondern hatte so eine selbstständige, Einheit gehabt. Es gibt da verschiedenste Möglichkeiten. Und das ist ja wiederum eine Entscheidung, die die Gesellschafter treffen müssen, wie die Struktur ihres Theaters aussehen soll. Und da lässt natürlich die GmbH eine Menge Spielraum zu.

Also, was ich auf jeden Fall höre gerade ist, dass eben wir beide uns gar nicht an dem Modell GmbH aufhängen müssen, weil, dieses Modell ganz unterschiedlich sein kann.

Richtig!

Ihr Punkt ist der: Wenn sowas passiert, wie in Halle, ist es vor allem mal eine eher persönliche Situation zwischen den Beteiligten. Und nach Ihrer Erfahrung ist es eher, ja, ein produktiver Widerspruch zwischen künstlerischer und kaufmännischer Leitung. Dass Sie also sozusagen für zwei Hirnhälften, die ein Theater braucht, eben tatsächlich stehen müssen?

Ich will es mal prononciert zuspitzen. Vor einigen Wochen fragte der Aufsichtsratsvorsitzende meinen Generalintendanten und mich, wie es denn läuft bei uns im Hause. Daraufhin sagt der Herr Kunze, der Generalintendant: Na, Herr Arnold macht einen schönen Spielplan und ich passe auf die Zahlen auf. Und wenn das am Schluss rauskommt, ist doch genau das erreicht, was man will!

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 11:41 Uhr