Ein Tänzer mit freiem Oberkörper in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!".
Tänzer aus "Arbeit! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

"Arbeit! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" Theater Zwickau: Intensiver Tanz zum Werk des Malers Max Pechstein

Max Pechstein, einer der bedeutendsten Vertreter des Expressionismus, war inspiriert von den Aufbrüchen der Tanzmoderne, aber auch von der Wildheit des vom Jazz beeinflussten Tanzes der sogenannten Goldenen Zwanziger. Am Freitag gab es eine Uraufführung der Kompanie der Theater Plauen-Zwickau, ein Tanzstück von Annett Göhre über Max Pechstein mit dem Titel "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" - ein vielversprechendes Zitat des Künstlers.

von Boris Gruhl, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Ein Tänzer mit freiem Oberkörper in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!".
Tänzer aus "Arbeit! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Bei ihrem Tanzstück lässt sich die Choreografin Annett Göhre von biografischen Stationen des Expressionisten Max Pechsteins anregen, die in Bilder der Bewegung übergehen. Es gibt drei Tänzer als Max Pechstein, die sich begegnen, die tänzerisch kommunizieren, so die unterschiedlichen Sicht- und Empfindungsweisen des Künstlers erfahrbar machen. Es gibt eine persönliche Konstante in Pechsteins Leben, seinen Freund, den Maler Alexander Gerbig. Und es gibt eine Symbolfigur, die Kunstfigur der Sehnsucht, untermalt von Südseeklängen als Assoziationen auf die Phasen der Sehnsucht des Malers, der sein Leben lang von den Eindrücken einer Reise zu den Palau Inseln inspiriert blieb.

Bilder als Anregung

Eine Tänzerin umarmt einen Darsteller in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" und küsst ihn.
Tänzer in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Die Gemälde werden jedoch nicht nachgestellt. Es gibt auch keine Projektionen von Bildern. Fünf Bilder dienen als Anregungen. Es beginnt mit Menschen, die wie Skulpturen wirken auf dem Bild "Am Stand", die im Zusammenklang mit der Musik Bewegungen aufnehmen, Beziehungen, Spannungen und Entspannungen. Natürlich hat auch Max Pechstein wie viele seiner Kollegen in der Phase des Expressionismus starke Anregungen durch den Tanz erhalten, so gibt die Bilder aus dem Berliner Nachtleben, die provozieren geradezu den Tanz zur Jazzmusik im blauen Dunst. Es gibt ein Tanzbild, das den Frauen gewidmet ist, Pechsteins erster und zweiter Frau, sie haben hier besondere Szenen, dazu ein Mädchen im witziges Duo mit einem der drei Pechsteine: ein Kuss-Pas-de-deux.

Wie ein sensibles Kammerspiel

In der Zeit des Nationalsozialismus galt Max Pechstein als entartetet Künstler, hatte Arbeits- und Ausstellungsverbot. Das Tanzstück bezieht sich darauf im Bild "Stürmische See", auch ein verloren gegangenes Kunstwerk. Tänzerisch gibt es ein Solo des einsamen Künstlers, seine Bewegungen haben berührende Momente der Brechung, der Unsicherheit, ein Mensch dem der Boden unter den Füßen zu entgleiten scheint. Hier gibt es auch eine klare Ansage im Bezug zur Gegenwart im Hinblick auf die geforderte Einschränkungen der Kunstfreiheit mit Projektionen von erschreckenden Zitaten aus Ungarn und Deutschland, hier seitens der AfD.

Zwei Balletttänzerinnen lassen sich in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" nach hinten fallen.
Tanzszene aus "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!" im Malsaal des Theaters in Zwickau. Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Dennoch, die Sehnsucht der Kunst, des Künstlers, erstirbt nicht. Die Symbolfigur der Sehnsucht verliert auch hier nicht ihre Kraft. Die Südseeklänge klingen wieder auf. Am Ende, im fünften Bild, zu sehr nachdenklicher Musik von Max Reger, aus der Solosuite für Violoncello, die in einen Dialog gesetzt wird zum Jazz von Bryan Ferry, tanzt noch einmal das Trio als Hommage an die Facetten der Künstlerpersönlichkeit Max Pechstein. Jetzt ist auch der Spiegel wieder frei an der Rückwand des blau grundierten Bühnenraumes von Mireia Vila Soriano, was sich von Pechsteins Bild der Tänzerin im Spiegel ableiten lässt. Die Spiegelung verführt in surreale Räume nicht zu begrenzender Tiefe und das Publikum ist auch mit hinein genommen, in die Bildassoziationen dieses Tanzstückes in der Intensität eines sensiblen Kammerspiels.

Musik von Max Reger bis Max Raabe

Eine Tänzerin streckt ihr Bein in die Luft in dem Stück "Arbeiten! Rausch! Gehirn Zerschmettern!".
Bildrechte: Theater Plauen-Zwickau

Neben der Musik von Max Reger gibt es die von Bryan Ferry. Außerdem erklingen Stücke von Bela Bartok, aus der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta oder aus der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, die schon erwähnten Sehnsuchtsklänge der Südsee, die Jazz-Elemente des Bryan Ferry. Zu stark - wie die berühmte Faust aufs Auge - wirkt zum Kussduett, Max Raabe im Retro der Zwanziger Jahre, "Küssen kann man nicht alleine". Sonst fügten sich die ausgewählten Farben, Stimmungen und Klänge gut zu denen des Tanzes, die Aspekte der Biografie des Künstlers in choreografischen Bildern künstlerischer Dialoge spiegeln. Das Premierenpublikum war begeistert.

Über die Aufführung "Arbeit! Rausch! Gehirn Zerschmettern!"
Theater Plauen-Zwickau

Choreografie: Annett Göhre
Bühne: Mireia Vila Soriano
Kostüme: Leah Lichtwitz
Dramaturgie: Hanna Kneißler

Die nächsten Aufführungen:
8.11., 19:30 Uhr
9.11. 19:30 Uhr
17.11., 19:30 Uhr
09.12, 18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2018 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2018, 17:19 Uhr