Stückentwicklung Facettenreich und humorvoll: "Sensemann und Söhne" am DNT Weimar

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Die neue Spielzeit am Nationaltheater in Weimar wurde mit einem neuen Stück eröffnet: Gemeinsam mit dem Ensemble hat Hausregisseur Jan Neumann "Sensemann & Söhne" geschrieben. Der Theaterabend erzählt vom Leben und Sterben einer Anne-Marie Schmidt und der Arbeit in einem Bestattungsinstitut. Mit Humor und Ernsthaftigkeit wird in Weimar über die praktischen Fragen des Sterbens und den Umgang mit dem Tod nachgedacht.

Bühnenszene: Sensemann und Söhne 7 min
Bildrechte: Deutschen Nationaltheater Weimar/Candy Welz

Anne-Marie Schmidt hat vom Weltkrieg über die Mondlandung bis zur Corona-Pandemie im Jahr 2020 alles erlebt. Nun stirbt die 81-Jährige beim Nachmittagsschläfchen, weil das Herz einfach aufhört zu schlagen. Mit diesem alltäglichen und doch einschneidendem Ereignis beginnt die Uraufführung von "Sensemann & Söhne".

Wann der Tod beginnt

Im Bestattungsinstitut "Hensemann & Söhne" (nicht so makaber eindeutig wie der Stücktitel) geht es derweil um die Beerdigung eines Mannes. Die Kinder und deren Ehepartner können sich auch auf nichts einigen: Sarg oder Urne, Leichenschmaus beim Lieblingsgriechen oder doch im schickeren Steigenberger-Hotel. Dann klingelt das Telefon: Die verstorbene Anne-Marie Schmidt soll abgeholt werden. In dieser Weise werden unterschiedliche Geschichten miteinander verschränkt, die vor allem um das Bestattungsinstitut selbst kreisen. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler wechseln dafür immer wieder die Rollen.

In den Szenen geht es um ganz praktische Probleme: Was ist für die Hinterbliebenen nach dem Tod zu tun? Was ist eine Bestattungsverfügung, wie ist der richtige Umgang mit einer Patientenverfügung? Aber es geht auch um philosophische Fragen danach, wann das Sterben eigentlich anfängt. Beginnt es mit dem Tod oder schon viel früher mit einem langsamen Abschiednehmen und dem Ausscheiden aus dem Berufsleben? So steht auch bei "Hensemann und Söhne" ein Generationenwechsel bevor. Die Tochter will den Beruf des Vaters in inzwischen dritter Generation fortführen und ist dafür um die ganze Welt gereist, um sich über Beerdigungsrituale zu informieren. Der Konflikt entzündet sich dann am Namen des Unternehmens, den die Nachfolgerin in "Hensemann und Töchter" ändern möchte.

Bühnenszene: Sensemann und Söhne
Isabel Tetzner in "Sensemann und Söhne" Bildrechte: Deutschen Nationaltheater Weimar/Candy Welz

Überzeugendes Ensemble

Dieser Streit zwischen Vater und Tochter ist auch deswegen so überzeugend, weil der Text beziehungsweise die Regie ambivalent bleibt und keine Partei ergreift: Wo der Vater aus der Tochtersicht störrisch und verbohrt wirkt, hat er im nachgesetzten Monolog gute, persönliche Gründe für sein Tun. Isabel Tetzner als Tochter und Sebastian Kowski als Vater spielen ihre Rollen sehr berührend und mit sparsamen Mitteln, was dieser und anderen Szenen eine große Glaubwürdigkeit und Tiefe verleiht.

Zwei der fünf Darsteller an diesem Abend sind Gäste des Mainzer Staatstheaters, das diese Uraufführung koproduziert hat. Anika Baumann ist ein Sprechwunder. Die Schauspielerin gibt ihren Figuren über Dialekt und Sprechweise eine Form. Manchmal erinnert das an Kabarett und einmal singt sie sogar – eine ihrer Figuren wollte Musicals singen. Denn auch die nicht gelebten Träume werden in diesem Stück verhandelt. Henner Momann hat einen langen Monolog als Pfarrer, der für die verstorbende Anne-Marie Schmidt die Trauerpredigt schreiben muss. Doch der Geistliche findet keine angemessenen Worte. Die Szene erinnert an Goethes Faust, in der die Titelfigur versucht, den Beginn des Johannes-Evangeliums zu übersetzen, und beinahe verzweifelt. Doch in Weimar geht es an diesem Abend nicht um Logos, Sinn oder Tat: Dem Pfarrer fällt ein, dass die Verstorbene gern Schokolade aß und so kommt er auf das Motto "Das Leben ist süß, der Tod bitter". Das ist dem Trauerredner aber nicht gut genug und er findet auch zu nichts anderem – trotz der vier Liter Messwein im Kopf. Diese Soloszene ist ein großartiges Kabinettstückchen.

Bühnenszene: Sensemann und Söhne
Anika Baumann in einer Musicalszene Bildrechte: Deutschen Nationaltheater Weimar/Candy Welz

Gelungene Komödie über den Tod

Bühnenszene: Sensemann und Söhne
Bildrechte: Deutschen Nationaltheater Weimar/Candy Welz

Auch das Bühnenbild von Matthias Werner bleibt nur vage in einem Bestattungsunternehmen: Eine drei Meter Hohe Wand füllt die Bühne im e-Werk fast komplett aus und dreht sich zwischen den Szenen. Auf der rechten Seite befindet sich ein Rolltor und auf der linken ein Waschbecken sowie eine Tür. Statt naturalistisch einen Ausstellungsraum voller Särge nachzuahmen, erinnert die Bühne an zwei oder drei Stellen an eine Werkstatt, die der Inszenierung eine eigene Ebene hinzufügt: Jeder der fünf Darsteller und Darstellerinnen hat einen Arbeitsplatz, wo sie eine Plastik modellieren, indem sie mal eine Töpferschiebe drehen, mal an einem Styroporklotz oder einem Gipsabguss feilen. Sie versuchen eine menschliche Figur zu erschaffen und somit der Nachwelt ein Bild der gestorbenen zu hinterlassen. So beschäftigt sich also auch das Bühnenbild auf ganz eigene Weise mit der Frage der Erinnerung – eine gute Lösung für dieses Stück.

"Sensemann & Söhne" leuchtet das Thema Tod umfassend aus. Jan Neumann ist hier mit seinem Ensemble ein Stück gelungen, das unterhaltsam, pointiert und nachdenklich zugleich ist. Eigentlich ist es ideales Familientheater, vielleicht sogar ein ungewöhnliches Weihnachtsmärchen, weil das Stück das Potential hat, zu Gesprächen über Tabuthemen im realen Leben anzuregen: von der Patientenverfügung bis zur Frage, wo der Leichenschmaus stattfinden soll – ob beim Lieblings-Griechen des Toten oder im Steigenberger, das die Kinder inzwischen standesgemäßer finden.

Mehr zum Stück "Sensemann & Söhne"
Stückentwicklung von Jan Neumann und Ensemble
am Deutschen Nationaltheater Weimar

Regie: Jan Neumann
Bühne: Matthias Werner
Kostüme: Nini von Selzam
Musik: Johannes Winde
Dramaturgie: Beate Seidel, Jörg Vorhaben
Mit: Anika Baumann, Sebastian Kowski, Max Landgrebe, Henner Momann, Isabel Tetzner

Weitere Termine: 6. Oktober, 27. Oktober, 3. November, 18. November jeweils um 20 Uhr

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. September 2020 | 08:40 Uhr