Umfrage Welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Theater-Abos hat

Mehr als zwei Jahre lang konnten die Theater in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen wegen der Corona-Pandemie nicht langfristig planen: Es gab Kultur-Lockdowns, umfassende Beschränkungen, und immer noch erschweren Erkrankungen den Spielbetrieb. Da gerade Theater-Abos von langfristiger Planung leben, haben viele Häuser diese Angebote ausgesetzt oder umgestaltet. Die Theater wollen langsam wieder zu normalen Spielzeiten zurückkehren. Aber wollen Theater-Fans noch Abonnements?

Nacht/Außen/Quer: Theater der Altmark Stendal. Eingangsbereich mit Schriftzug (Front)
Das Theater der Altmark musste mit den Abos nicht nur auf die Corona-Krise, sondern auch auf einen großen Umbau reagieren. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Jeden ersten Freitag im Monat, immer auf demselben Platz sitzen und Theater genießen – das ist das Versprechen eines Theater-Abonnements. Gerade eingefleischte Theater-Fans nutzen diesen Service teilweise seit vielen Jahren. Doch in den vergangenen Jahren konnte dieses Versprechen nicht eingehalten werden, da die Corona-Krise keine langfristige Planung erlaubte.

Dabei bildet das Abo-System eine von drei wichtigen Säulen der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft. Die anderen zwei sind die Ensembles, die hier über Jahre zusammenwachsen können, und die Spielpläne, die sich weder kurz- noch langfristig auf eine Produktion konzentrieren, sondern abwechslungsreich und gleichzeitig beständig sind.

Die Bedeutung des Theater-Abonnements

Für diese Beständigkeit ist das Abo-Publikum besonders wichtig, denn es "ist eine Gruppe von Personen, die dem Theater grundsätzlich wohlgesonnen sind, sich dafür interessieren, was wir machen", erklärt Wolf Rahlfs, Intendant des Theaters der Altmark in Stendal. Er betont vor allem das ideelle Verhältnis. Aber natürlich ist es auch für die Planung wichtig, meint Daniel Morgenroth, Intendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau: "Man hat in vielen Vorstellungen so eine Grundfüllung drin und das ist sehr beruhigend, dass man nicht jedes Mal bei Null anfangen muss." Das hat auch finanzielle Bedeutung: "Das Abo ist die Basis, auch unserer Kalkulation", erläutert Gewandhausdirektor Andreas Schulz. "Deshalb war und ist uns sehr daran gelegen, immer einen hohen Abonnentenstamm zu haben."

Daniel Morgenroth: Mann mit schwarzrandiger Brille und breitem Lächeln blickt in die Kamera.
Daniel Morgenroth, Intendant des Theaters Görlitz-Zittau, sieht das Abo-Publikum als Stütze. Bildrechte: Privat

Vor der Pandemie machten die Abonnent*innen an den meisten Häusern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zwischen zehn und 30 Prozent des Gesamtpublikums aus. Das Theater Nordhausen oder auch die Oper Leipzig fallen mit knapp zwei Prozent heraus. An Häusern wie dem Theater Altenburg-Gera oder dem Landestheater Eisenach hingegen besitzt ungefähr ein Drittel des Publikums ein Abo.

Semperoper Dresden, Staatstheater Meiningen, Gewandhaus Leipzig im Vergleich

In größeren Städten mit jüngerem Publikum und mehr Kulturangeboten fallen die Zahlen meist geringer aus: Am Dresdner Staatsschauspiel und der Semperoper haben nach eigenen Angaben rund 15 Prozent des Publikums ein Abo erworben. Auch am Schauspiel und der Oper Leipzig liegt der Anteil eher bei zehn Prozent. An Häusern wie der Theater, Oper und Orchester Halle GmbH oder dem Theaterhaus Jena nutzt immerhin ein Fünftel des Publikums Abo-Angebote, wie die Häuser auf Nachfrage mitteilten. Wie und warum Abostrukturen an einem Haus besser angenommen werden als anderen, kann mit der Altersstruktur oder der Kulturlandschaft der jeweiligen Region zusammenhängen. Doch für einfache Antworten ist die Frage zu komplex.

Blick auf das Leipziger Gewandhaus zur Blauen Stunde.
In Konzerthäusern wie dem Gewandhaus Leipzig sind Abonnements schon immer von großer Bedeutung gewesen. Bildrechte: dpa

Im Konzertwesen sind die Zahlen traditionsgemäß höher. Am Gewandhaus besaßen 43 Prozent des Publikums ein Abo, bei der Dresdner Staatskapelle waren es sogar 67 Prozent. Während der Pandemie bestand das Konzertpublikum am Staatstheater Meiningen ausschließlich aus Abonnent*innen, weil es gar keine Karten mehr im Freiverkauf gab. Die hohen Zahlen haben eine lange Traditon, weiß Gewandhausdirektor Schulz: "Man erwarb ein Abonnement – oder wie es bei uns hieß, ein Anrecht auf einem Platz. Das können wir beim Gewandhausorchester bis zur ersten Konzertsaison 1781 zurückverfolgen." Deswegen ist das Abo-Publikum für Orchester wesentlich wichtiger, als beispielsweise bei reinen Schauspielhäusern.

Auswirkungen der Corona-Krise auf große und kleine Theater

Bereits seit 2019 verursacht die Corona-Pandemie Planungsschwierigkeiten: Internationale Gäste konnten nicht mehr einreisen. Nur wenige Monate später trafen Lockdowns und Kapazitätsbeschränkungen auch die kleinsten Häuser. Auch 2022 haben die Theater noch zu kämpfen, weil wegen zahlreichen Erkrankungen immer wieder Vorstellungen und sogar Premieren ausfallen. Davon sind Abonnent*innen besonders betroffen, weil sie sich bei sogenannten Festplatz-Abos langfristig auf eine Vorstellung einlassen. In der Krise konnten sie dann wie andere Besucher*innen ihre Karten tauschen oder spenden. Viele Häuser setzten ihre Abos komplett aus, weil sie eben nichts garantieren konnten.

Da viele Abonnent*innen auch aus einer Gewohnheit und wegen der Verlässlichkeit ein Abo buchten, bestand die Sorge, welche Auswirkungen dieser massive Einschnitt bedeuten könnte. Bereits im Herbst 2021 warnte der Deutsche Bühnenverein vor einer Erodierung des Systems. Jüngst wurde in den deutschen Feuilletons viel über die Frankfurter Oper geschrieben, die fast die Hälfte ihres Abopublikums verloren hat.

Theater in Großstädten und auf dem Land verlieren Abos

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden diese Sorgen noch ungern geäußert. Zum einen will man wohl kein pessimistisches Bild zeichnen, zum anderen haben viele Häuser gerade erst wieder begonnen, diese Angebote zu beleben. Dennoch zeichnen sich einige Folgen ab: Das Leipziger Gewandhausorchester hat derzeit statt vorher ungefähr 12.000 nur noch circa 8.000 Abonnent*innen. Auch die Semperoper, das DNT Weimar oder das Theater Magdeburg beobachten mehr Abmeldungen als üblich beziehungsweise auch insgesamt weniger Publikum.

Das Theater von Gera. (Aufnahme mit einer Drohne)
Das Theater Altenburg-Gera bemühte sich in der Krisenzeit besonders um Abonnent*innen. Bildrechte: dpa

Auffällig ist dabei, dass vor allem Häuser in ländlich geprägteren Regionen weniger über Einbrüche klagen, wie das Wintersteintheater in Annaberg-Buchholz. Für das Theater Altenburg-Gera stand "der Erhalt des Abonnements im Mittelpunkt" – mit Erfolg. Auch in Dessau hat sich laut dem Anhaltischen Theater eine "große Mehrheit zur Fortführung bekannt". Denn Theater haben hier einen besonderen Stellenwert, meint Wolf Rahlfs: "In einem ländlich geprägten Raum, ist es wichtig, dass es Orte gibt, an denen sich eine Gesellschaft regelmäßig treffen, begegnen, austauschen kann. Das ist auch Motivation für viele Personen, ein Abo weiterhin zu wünschen und anzunehmen."

Flexible Abos, Rabatte und weitere Ideen

Als Reaktion auf die zahlreichen Konzertabsagen hat das Leipziger Gewandhaus ein neues Angebot entwickelt, um dem treuen Publikum einen Ausgleich zu bieten. "Die Gewandhausorchester-Card war eine bewusst aufgesetzte Kundenbindung in dieser schwierigen Zeit", erzählt Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Interessierte kauften damit keinen Satz Karten, sondern das Recht auf Rabatte. Schon vor der Krise hatte das Gewandhaus ähnlich variable Angebote im Programm. Das Nordharzer Städtbundtheater in Halberstadt und Quedlinburg setzt ausschließlich auf ein Angebot, bei dem das Publikum sich selbst Vorstellungen zusammenstellen kann.

Fast alle Häuser bieten seit Jahren etwas Ähnliches an, auch als Reaktion auf veränderte Lebensrealitäten und dem Wunsch nach einem jüngeren Publikum, dass nicht schon Monate im Voraus Entscheidungen treffen will. In der Krise wurden sie aber nochmal attraktiver. Das meint auch Hasko Weber, Intendant am Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT): "Die Tendenz vom Festplatz-Abo hin zum Wahl-Abo ist in den letzten Jahren spürbar gewesen. Diese Tendenz hat sich in der Corona-Zeit verstärkt."

Hasko Weber, 2017, auf dem Balkon des Deutschen Nationaltheater in Weimar
Über das Theater-Abo wurde schon immer diskutiert, meint Hasko Weber, Intendant am Deutschen Nationaltheater in Weimar (DNT). Bildrechte: dpa

Herausforderung: Das Publikum an sich binden

Diese Angebote ermöglichen nicht die gleiche Planungssicherheit wie ein Festplatz-Abo. Auch deswegen wollen die meisten Häuser weiterhin klassische Abos mit festgelegten Vorstellungen anbieten. Eine wichtige Voraussetzung für stabile Zahlen ist dabei die Kommunikation: Das Abo-Publikum wurden während des Lockdowns ständig angesprochen und informiert – über Mails, Briefe oder sogar Telefonate. Treue Abonnent*innen werden früher informiert oder können besondere Veranstaltungen erleben. Die Oper Leipzig will in Zukunft mehr in das Abo investieren und entwickelte ein System, bei dem Ensemble-Mitglieder einzelne Interessierte betreuen.

Auch das DNT Weimar hat sich immer wieder an das treue Publikum gewandt. Das Theater will auch zeigen, dass sie wieder da sind und spielen: "Die Verlässlichkeit muss wieder einsetzen können", fasst Hasko Weber zusammen. Auch das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau will wieder mehr auf die unterschiedlichen Angebote setzen. Erst seit 2021 ist Daniel Morgenroth hier Intendant und konnte in der Krise einen Plan noch nicht umsetzen: "Die Abo-Werbung zu verstärken, war eigentlich der Plan im letzten Jahr. Aber was will man bewerben, wenn das ausgesetzt ist. Wir bewerben es jetzt im Spielzeitheft, aber gehen nochmal mit gezielteren Maßnahmen ran."

Besucher sitzen vor einem roten Theatervorhang.
Die Magie des Theatersaals muss wieder alle Teile des Publikums erreichen. Bildrechte: dpa

Blick auf spontane Theaterbesuche

Das größere Problem sind seiner Meinung nach sowieso auch die Besucher*innen, zu denen kein so fester Draht existiert. Morgenroth ist überzeugt, "dass wir vor allem die Gelegenheitstheatergänger zurückgewinnen müssen." Auch für Hasko Weber ist der volle Saal wichtiger. Statt über sinkende Abo-Zahlen, will er lieber darüber sprechen, dass Menschen wieder zusammenkommen können, bei Volksfesten, Konzerten und eben auch im Theater: "Daraus bauen wir diese Gemeinschaft wieder auf, und das ist wertvoll. Und ob da jetzt zehn Abonnenten mehr oder weniger unterm Strich sind, das ist mir eigentlich relativ egal. Wir brauchen diese Auffassung von Lebendigkeit und Austausch."

Für andere Häuser ist das Abo-Publikum allerdings ein unverzichtbarer Teil dieser Gemeinschaft. Gewandhausdirektor Andreas Schulz bleibt optimistisch: "Ich bin guter Dinge, dass es gelingen wird, viele der Abonnenten wieder zurückzuholen. Ich glaube aber, dass in der mittel- bis langfristigen Planung flexible Formen die größere Zukunft haben." Auch deswegen halten sich viele Häuser mit Analysen zurück: Wer (Abo-)Publikum verloren hat, ist gewillt, es mit guter Werbung zurückzugewinnen. 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Mai 2022 | 12:40 Uhr

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